Warum mein Pferd der beste Lebenscoach ist

Eine 28 Jahre alte Pinto-Stute soll ein Leben komplett umkrempeln und den Weg aus einer persönlichen Krise weisen? Unsere Autorin hat diese Erfahrung gemacht.

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Mit Kim, der alten Pinto-Stute und Chefin der Herde, hat die Autorin eine besondere Verbindung: "Sie ist sanftmütig, weise, hochsensibel und souverän." Foto: privat

„Nach langer Auszeit möchte ich wieder Zeit mit Pferden verbringen und suche ein Pflegepferd“, lautete mein Inserat. Es war ein grauer Novembertag, an dem ich die Anzeige veröffentlichte. Ich fragte mich, was ich aus meinem Leben machen sollte. Irgendetwas fehlte. Ich hinterfragte meinen Lebensstil bereits seit einiger Zeit

Soll das wirklich alles sein?

Aufstehen, arbeiten, Alltag, schlafen gehen. Repeat. Soll das wirklich alles sein? Sollte ich nicht lieber das wahre Leben auskosten? Reisen, jeden Tag aufs Neue ins kalte Wasser springen, schauen, was die Welt da draußen so zu bieten hat? Möglich wäre es. Will ich das wirklich? Ich habe vier Jahre lang in Spanien gelebt. Die ersten zwei Jahre waren zwei Koffer alles, was ich besaß und die Finanzen waren auch eher bescheiden. Und doch waren es die intensivsten und aufregendsten Jahre meines Lebens. Heute arbeite ich viel, um die Fixkosten zu zahlen. Die Routine gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Angst zugleich. Oft denke ich, dass ich es eines Tages bereuen werde, dieses eine Leben nicht intensiver ausgekostet zu haben.

Ich wollte wieder Pferde um mich haben, ihren Geruch und das Klappern der Hufe vernehmen.

Als ich das Inserat veröffentlichte, herrschte in meinem Kopf ein ziemliches Vakuum. Nur eins wusste ich genau: Ich wollte wieder Pferde um mich haben, ihren Geruch und das Klappern der Hufe vernehmen – weg vom Computer und der Informationsflut aus dem Netz, mich wieder lebendig fühlen. Schon als Kind faszinierten und berührten mich Pferde und ich verbrachte Ferien und Freizeit am liebsten zwischen Pferdekoppel und Reitplatz.

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„Ich habe ein paar Pferde, die sich über Spaziergänge sehr freuen würden“, lautete eine der Antworten auf mein Gesuch. Am nächsten Tag stand ich auf der Weide – zwischen sechs Pferden, die mich neugierig mit ihren sanftmütigen Augen begutachteten. Da war es wieder, dieses Gefühl aus der Kindheit. Für mich das Glück dieser Erde.

Seit diesem Tag besuche ich die Pferde mehrmals pro Woche. Mit Kim, der alten Pinto-Stute und Chefin der Herde, habe ich eine besondere Verbindung. Sie ist sanftmütig, weise, hochsensibel und souverän. Sie ist wie ein Spiegel, reagiert sofort auf mein Verhalten. Mittlerweile kennt sie mich und ich kenne sie, wir vertrauen uns. Für den Reitsport ist sie zu alt, regelmäßige Bewegung braucht sie aber für ihre Gesundheit. Ich fühle mich ihr gegenüber verpflichtet, denn sie hat mir in wenigen Wochen bereits so viel gegeben. Mehr innere Ruhe, einen gewissen Seelenfrieden, mehr Klarheit. Wir gehen spazieren, Zugvögel ziehen über uns hinweg, der Wind fegt durch die Felder und ich bin mit allen Sinnen da.

In so einem Moment mit dieser in sich ruhenden Stute an meiner Seite fühle ich mich komplett.

In so einem Moment mit dieser in sich ruhenden Stute an meiner Seite fühle ich mich komplett, eins mit der Natur, im Reinen. Ich weiß nicht, was dieses Pferd mit mir angestellt hat, doch die chronische Unzufriedenheit der letzten Monate ist wie weggefegt und die Ideen für neue Projekte sprudeln nur so.

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Das Pferd als Coach

Damit unsere Ausflüge harmonisch verlaufen, muss ich klar kommunizieren und durch mein Verhalten und meine Körpersprache signalisieren, dass auf mich Verlass ist. Sie zeigt mir mit Ohren und Schweif genau, ob sie sich gerade wohl fühlt oder nicht. Stimmt etwas nicht oder nimmt sie mich nicht für voll, werde ich am anderen Ende des Stricks direkt darauf hingewiesen. Läuft einem ein 500 Kilo schweres Fluchttier nach einer angespannten Situation wieder vertrauensvoll hinterher, ist das ein schönes Gefühl.

Ähnlich sieht es auf der Weide aus, wenn ich Kim hole und die anderen Pferde mich zu sehr bedrängen. Ohne Hysterie muss ich verdeutlichen: Nehmt mich für voll, lasst mir meinen Raum. Meistere ich das, bin ich stolz und fühle, dass ich fordernden Situationen gewachsen bin und Ängste überwinden kann. Durch die Arbeit mit den Pferden fühle ich mich auch im Alltag sicherer und zufriedener. Ich habe nicht mehr das Gefühl, eine Suchende zu sein. Ich bin glücklich, hier und jetzt.

Zu Besuch bei der Pferdefrau

Doch was ist passiert? Können Pferde Menschen therapieren? Das wollte ich genauer wissen und habe mich mit Christiane Schwagrzinna in Berlin getroffen. Die Pferdefrau – so nennt sie sich – ist Reittherapeutin und unterstützt mit ihren Pferden Kinder und Erwachsene in psychischen Belastungssituationen. Dazu zählen Angsterkrankungen oder Burn-out. Sie selbst hat vor vielen Jahren mit Hilfe ihres Pferdes Sassano eine persönliche und berufliche Krise gemeistert.

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Marion Schoening/ tierfotografie.berlin

Die hochgewachsene Frau strahlt eine unglaubliche Souveränität und Klarheit aus. Für unser Gespräch darf ich mich auf den Rücken von Sassano setzen und werde von ihr durch das Gelände geführt. In Zusammenarbeit mit dem berühmten sogenannten Pferdeflüsterer Monty Roberts hat sie das ASV-Coaching entwickelt. ASV steht für Achtsamkeit, Selbstvertrauen, Vertrauensbildung.

Aufrecht durchs Leben schreiten

Christiane Schwagrzinna bestätigt, was ich über das, was Kim mich gelehrt hat, denke. Ein Pferd spiegele das eigene Verhalten. Es spürt Unsicherheit, urteilt jedoch nicht. Es reagiert auf emotional gesteuertes Verhalten. Für ein gutes Miteinander muss ich seine Körpersprache verstehen, empathisch handeln, Ruhe und Selbstvertrauen ausstrahlen, bei der Sache sein. Jedes Erfolgserlebnis wird von Patient*innen verinnerlicht. Die Reittherapie führt im Alltag zu mehr Selbstvertrauen und besserem Problem-Management. Verantwortung übernehmen, sich fragen: Was ist los, wo möchte ich hin, wie komme ich ans Ziel? Souverän handeln und auch Grenzen setzen.

Ein Satz der selbsternannten Pferdefrau ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: „Stell dir vor, du reitest ein Turnier. Das hinter dir liegende Hindernis hast du verbockt. Du hast keine Zeit, dich zu ärgern. Du musst im Moment sein und schon die nächste Hürde anvisieren. Nur so kann es klappen“.

Ich schaue nun ohne ständiges Grübeln nach vorne und weiß, wohin ich will: In den Westernsattel. Ein paar Wochen lang durch die Natur reiten – Wanderreiten. Weg vom Computer, into the Wild, mit allen Sinnen. Danke, Kim, du wundervolles Wesen.