Warum ich sogar bei der Arbeit eine Hängematte habe

Auch wenn ich nur einen Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt bin, entrückt mich die Hängematte von all den To-dos, von allem „Muss noch“ und „Habe noch nicht“. Eine Ode an die Hängematte

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In der Hängematte zu liegen, kann neue Perspektiven eröffnen und beim Entspannen helfen. Foto: Addictive Stock / Photocase

Hängematten sind umweltfreundliche Kreuzfahrten für zwischendurch. Kleine oder größere Auszeiten, die die Neubeurteilung der Welt erlauben. Sobald ich den Stoff der Matte berühre, meinen Arm in der Luft nebenher pendeln lasse, die Finger gleiten durch imaginäres Wasser, und ich mich der Länge nach ausstrecke, fällt alle Anspannung von mir ab. Hängematten sind die erste Klasse auf dem Achterdeck und definitiv unterschätzte Ruhegelegenheiten.

Manche Leute sagen ja, so richtig nichts tun, das ginge ja überhaupt nicht, auch nicht in der Hängematte. Mag sein. Tu ich ja aber auch nicht. Ich schaukle. Ich schwinge. Ich bin schwere- und sorgenlos. Es gibt nichts Besseres, wenn die Welt um mich herum ins Wanken gerät. Einfach mitschlenkern. Dann befinde ich mich im Fluss mit dem, was sich gegen mich wirft, gebe dem Vor und Zurück aller Ereignisse nach, deren Relevanz an der Außenseite der Hängematte abprallt und im hohen Gras der Wiese verloren geht. Die Hängematte beschützt mich wie eine Nussschale. Da können die Mieterhöhung oder das kaputte Auto noch so sehr versuchen, diese zu knacken.

Einfach mal in Ruhe schwingen

Das sanfte Schwingen in der Hängematte hat etwas Ursprüngliches, es ist eine Rückbesinnung auf die Wurzeln. Bereits im Mutterleib wird der Mensch hin und her geschaukelt. Auch erboste Babys weiß man mit einer sanften Wiegebewegung des Arms zu beruhigen. Warum als Erwachsene mit dem aufhören, was sich über Jahre bewährt hat? Wieso sollte ich das Recht auf wohltuende Schwingbewegungen verlieren, nur weil ich mittlerweile volljährig bin? Schließlich stimuliert die Schaukelei das Vestibularorgan, mein Gleichgewichtsorgan, und trägt so zur inneren Entspannung bei.

Wenn ich mir in der büroeigenen Hängematte ein Päuschen gönne, bleibt der Stress im Gewebe des Stoffs wie in einem Filter hängen. Auch wenn ich nur einen Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt bin, entrückt mich die Hängematte von all den To-dos, von allem „Muss noch“ und „Habe noch nicht“. Sie fordert einen Perspektivwechsel ein und nötigt mich, das ganze Hickhack mal aus der Vertikalen zu betrachten. Sie zwingt mit ein paar Schwingungen die Mir-geht-alles-aber-dermaßen-auf-den-Zeiger-Wut in die Knie, küsst sie auf die Stirn und nimmt sie in den Arm. Die unangenehme E-Mail, die ich noch schreiben muss, der platte Fahrradreifen, die überzogene Leihfrist der Bibliotheksbücher oder die offenen Strafzettel – alles relativiert sich zwischen Hin und Her. Und wenn selbst Peter Pan und seine krass aufgedrehte Gang der verlorenen Jungen nachts in Hängematten endlich mal Ruhe finden, dann soll das doch wohl bitte was heißen.

Aus der Hängematte heraus sieht die Welt anders aus

Früher war die Hängematte etwas Pragmatisches. Sie war sparsamer Schlafplatz auf See oder sicheres Nachtquartier in der Wildnis. In Deutschland steht die Hängematte für Leichtigkeit, dafür, sich selbst nicht mehr so ernst zu nehmen. An anderen Orten der Welt hingegen, wie beispielsweise in Brasilien, ist die Hängematte für von Armut betroffene Menschen oftmals die einzige Option auf eine nächtliche Ruhestätte fernab vom Boden. Was hierzulande lustiges Freizeitbaumeln ist, wird anderorts zu etwas Existenziellem. Die Vorstellung einer wohlverdienten Auszeit im schwingenden Stoffkonstrukt wird unter diesem Gesichtspunkt in ein anderes Licht gerückt. Vor allem wenn der einzige Grund für diese Konnotation der Chat-Roulette-Algorithmus des Schicksals ist, der manche Menschen in Industrieländer und andere in den Globalen Süden wirft.

Zeit in der Hängematte ist also nicht nur Zeit zum Abhängen. Sich mit dem Vorsatz in eine Hängematte gleiten zu lassen, den Sonntagvormittag mit einem guten Buch schwingend und in der Vertikalen zu verbringen, ist auch ein Privileg. Und sich dessen beim Abhängen bewusst zu werden, ist eine gute Sache. Denn zwischen ihren beiden Verankerungen eröffnet die Hängematte Raum zum Nachdenken über die eigene Rolle sowie Position in der Weltgesellschaft und wie die persönliche Partizipation für das Gemeinwohl derselben aussehen kann.

Außerdem auf ze.tt: Diese Fotos zeigen kurze Momente der Ruhe im hektischen Alltag