Warum #MeToo mehr als Asia Argento ist

Asia Argento soll einen Minderjährigen sexuell genötigt haben. Warum die MeToo-Bewegung wichtig ist, auch wenn eines ihrer Gesichter selbst mit Vorwürfen konfrontiert ist.

Asia Argento soll den damals minderjährigen Jimmy Benetts zu sexuellen Handlungen genötigt haben. Warum die MeToo-Bewegung trotzdem wichtig ist.

Eine Bewegung scheitert nicht daran, dass sich die Umstände unter denen sie ihr Ziel verfolgt, ändern. Sie lebt davon. Fotos: Sebastien Nogier / dpa, picture alliance; Spencer Platt / getty images

Asia Argento soll den damals minderjährigen Jimmy Bennett zu sexuellen Handlungen genötigt haben. Und als ob dieser Vorwurf nicht schon schwer genug wiegen würde, liegen der New York Times außerdem Dokumente vor, aus denen hervorgeht, dass Argento Bennett 360.000 US-Dollar „Schweigegeld“ gezahlt haben soll. Die Recherche der New York Times zum Fall Argento/Bennett hat viele schockiert.

Vor allem jene, die sich für das Anliegen der #MeToo-Bewegung eingesetzt hatten. Denn: Asia Argento war als Sprachrohr der #MeToo-Bewegung aufgetreten. Als eine der ersten Frauen in Hollywood hatte sie den Produzenten Harvey Weinstein öffentlich angeklagt, sie sexuell missbraucht zu haben. Dass sie jetzt selbst im Verdacht steht, stellt nicht nur ihre Glaubwürdigkeit und ihr bisheriges Engagement infrage: Es fällt negativ auf die ganze Bewegung zurück.

Seit den Vorwürfen gegenüber Argento, sprechen Kritiker*innen #MeToo jegliche Glaubwürdigkeit ab

Denn Kritiker*innen der #MeToo-Bewegung nehmen Argentos Doppelrolle als mutmaßliches Opfer/mutmaßliche Täterin zum Anlass, der ganzen #MeToo-Bewegung ihre Glaubwürdigkeit abzusprechen. „Deshalb sagte ich doch, man solle die ganze Bewegung mit Vorsicht genießen. So ein Doppelstandard. Ja, ungewollte sexuelle Übegriffe passieren, aber eben von beiden Geschlechtern aus. Und zu guter Letzt gibt es immer Falschbeschuldigungen und Lügen“, schreibt zum Beispiel der Twitter-Nutzer CarringtonCupte unter einen Post der konservativen Nachrichtenplattform Fox News.

Steht und fällt die Glaubwürdigkeit der #MeToo-Bewegung wirklich mit dem Ausgang des Falls Argento/Bennett? Nein! Denn Argento war zwar ein prominentes Sprachrohr der Bewegung, aber nicht deren Begründerin und schon gar nicht deren einzige Unterstützerin. Warum #MeToo mehr ist als Asia Argento, haben wir hier aufgeschrieben:

1. #MeToo wurde neben Asia Argento von unzähligen anderen Frauen geprägt

Anders als viele denken, hat die Bewegung ihren Ursprung nicht in Hollywood. Die Menschenrechtsaktivistin Tarana Burks prägte den Ausdruck erstmals 2006, als sie ihn auf dem Onlineportal MySpace im Zusammenhang mit Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch verwendete. Im Herbst des Jahres 2015 griff die Schauspielerin Alyssa Milano den Slogan MeToo auf und verwendete ihn erstmals als Hashtag. Auch sie griff den Slogan MeToo auf, um die Gesellschaft für die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs zu sensibilisieren und Präventionsmaßnahmen voranzutreiben. Erst im Oktober 2017 kam MeToo nach Hollywood und wurde von Schauspieler*innen, unter anderem auch von Asia Argento, verwendet. Nur weil #MeToo mit Argento eines seiner Sprachrohre verloren hat, heißt das nicht, dass auch die unzähligen anderen verstummt sind oder verstummen werden.

[Außerdem auf ze.tt: #MeToo: Es geht um sexuelle Belästigung, nicht um einen Geschlechterkampf]

2. Der Einfluss von #MeToo reicht weit über die Filmbranche hinaus

Nicht nur Schauspieler*innen, Produzent*innen oder Regisseur*innen haben von dem Hashtag profitiert. Im Gegenteil. Nur weil #MeToo von Hollywoods Aufmerksamkeitsmaschinerie profitierte, stand sie dennoch immer für alle Frauen – unabhängig von sozialem Status oder Herkunft: dafür, sexuelle Übergriffe gegenüber Frauen nicht länger zu ignorieren, zu dulden oder gar zu schützen, sondern gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das häufig totgeschwiegene Thema zu schaffen. Die Agenda von #MeToo galt nie exklusiv für Schauspieler*innen oder nur für Aktivist*innen.

Im Rahmen von #MeToo wurde an Küchentischen, Kneipentischen und in Vorlesungssälen weltweit über die Rolle der Frau und ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung diskutiert. Nicht nur in der Filmbranche, auch in der Politik, zum Beispiel in Norwegen, Schweden und den USA, sahen sich einflussreiche Männer mit Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs konfrontiert. Und in Frankreich stieg die Zahl der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe seit letztem Jahr rapide an, wobei das Innenministerium, welches die Zahlen erhob, nicht davon ausgeht, dass sich die Übergriffe vermehrten, sondern dass mehr Frauen den Mut hatten, die Taten anzuzeigen.

Diese Errungenschaften lassen sich nicht auf eine einzelne Branche oder auf das Reich der Schönen und Reichen beschränken. Es sind Errungenschaften, die auf den Mut einzelner Frauen auf der ganzen Welt zurückzuführen sind. Asia Argento kann ihnen das nicht nehmen.

3.#MeToo ist eine Bewegung – im wortwörtlichen Sinn

#MeToo verfolgt zwar einen roten Faden, aber als Bewegung ist sie nicht statisch, sondern befindet sich ständig im Wandel. Die Bewegung lebt von den äußeren Umständen und Einflüssen, aus denen sie sich speist. Sie ist in Deutschland, wo sexuelle Übergriffe gegenüber Frauen erstmals am Beispiel des Regisseurs Dieter Wedel und der Fernsehfilmbranche diskutiert wurden, nicht dieselbe wie in den USA, wo Tonaufnahmen des amtierenden Präsidenten vorliegen, in denen er zu dazu aufruft, Frauen ohne deren Einverständnis zwischen die Beine zu fassen.

Die Bedeutung von MeToo hat sich seit der erstmaligen Verwendung durch Tarana Burke konstant verändert. MeToo wurde gefüttert und ist gewachsen. Auch an der möglichen Erkenntnis, dass ein mutmaßliches Opfer gleichzeitig ein*e mutmaßliche*r Täter*in werden kann, würde die Bewegung höchstens wachsen. Eine Bewegung scheitert nicht daran, dass sich die Umstände, unter denen sie ihr Ziel verfolgt, ändern. Sie lebt davon.