Warum nur wenige Auszubildende die Möglichkeit nutzen, ins Ausland zu gehen

Diesen Monat starten viele Azubis in ihre Ausbildung. Nur wenige werden einen Teil dieser Zeit im Ausland verbringen, obwohl der Bundestag den Auslandsaufenthalt unterstützt.

Nicht nur Studierende können mit Erasmus+ ins Ausland. Aber nur wenige Auszubildende nutzen das Angebot.

Nicht nur Studierende können mit Erasmus+ ins Ausland. Aber nur wenige Auszubildende nutzen das Angebot. Foto: Bryan Dijkhuizen / Unsplash | CC0

Sie hat die letzten Prüfungen bestanden: Nach drei Jahren Ausbildung kann Estera sich Kauffrau für Tourismus und Freizeit nennen. Ihr Know-how hat die 25-Jährige nicht nur in einem Marketing-Unternehmen in Potsdam gesammelt. „Ich habe auch in einem Museum in Rabat auf Malta gearbeitet“, sagt Estera. Estera wollte auf der Mittelmeerinsel ihr Englisch aufpolieren. Vier Wochen lang arbeitete sie dafür am Empfang und im Archiv des Museums mit.

Mit ihrem Auslandsaufenthalt während der Ausbildung ist Estera etwas Besonderes: Während Auslandssemester bei Studierenden fast so etwas wie eine Selbstverständlichkeit geworden sind, verlassen nur wenige Azubis das Land. Aus der aktuellen Mobilitätsstudie der Nationalen Agentur Bildung für Europa (NA) beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) geht hervor, dass im vergangenen Jahr 31.000 Auszubildende einen Auslandsaufenthalt absolviert haben. Das sind 5,3 Prozent der Absolvent*innen einer Berufsausbildung. 2010 waren es 2,4 Prozent, die Tendenz ist nur mäßig steigend.

Dabei wünscht sich der Deutsche Bundestag explizit mehr mobile Lehrlinge. Der Nachwuchs soll bestmöglich auf die globalisierte Arbeitswelt vorbereitet werden und dafür Fremdsprachen lernen, unterschiedliche Arbeitsweisen sowie Kulturen kennenlernen. Deshalb soll die Bundesregierung darauf hinwirken, dass im Jahr 2020 mindestens zehn Prozent der Azubis Erfahrung im Ausland sammeln. Dafür unterstützt der Bund unterschiedliche Förderprogramme für Azubis.

Azubis sind oft unentbehrlich

Eines davon ist das Programm Berufsbildung ohne Grenzen der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und des Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Das Team berät Betriebe und Auszubildende zum Thema Auslandsaufenthalt, seit 2016 hat es mehr als 14.500 Beratungen durchgeführt und 2.700 Azubis ins Ausland vermittelt.

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Ein Grund dafür, dass Azubis während ihrer Berufsausbildung nicht ins Ausland gehen, sei, dass sie für ihre Betriebe häufig nicht entbehrlich wären. „Auszubildende sind meistens ab dem zweiten Lehrjahr in die betrieblichen Arbeitsabläufe voll integriert“, erklärt Moll. „Für sehr kleine Betriebe ist es dann natürlich schwierig, eine Freistellung von mehreren Wochen möglich zu machen.“ Das Berufsbildungsgesetz sieht vor, dass Azubis maximal ein Viertel ihrer Ausbildung im Ausland verbringen dürfen – bei drei Jahren wären das bis zu neun Monate. Moll betont, dass es jedoch möglich sei, die Zeit zu stückeln und nur ein paar Wochen im Ausland zu verbringen.

Je länger ein Aufenthalt dauert, desto teurer wird er auch.“ Es gibt gute Förderprogramme, aber es sind in der Regel keine Voll-Finanzierungsmodelle, also kommt auf die Teilnehmenden auch ein finanzieller Eigenbeitrag zu“, sagt Moll. Da viele Auszubildende bereits allein leben und eine Wohnung halten würden, fiele es ihnen schwer, einen Auslandsaufenthalt zu finanzieren. Vergangenes Jahr haben 34 Prozent der Azubis, die ins Ausland gegangen sind, ihre Zeit mit öffentlichen Mitteln finanziert. Bei 43 Prozent haben die Ausbildungsbetriebe die Kosten übernommen oder sie haben ihn privat getragen.

„Das Auslandspraktikum hat mich reifer und selbstständiger gemacht“

Die beliebtesten europäischen Ziele von Azubis sind Großbritannien, Niederlande, Frankreich und Spanien. International stehen die USA, China und Japan hoch im Kurs. Am häufigsten gehen Lehrlinge aus der kaufmännischen und technischen Betriebswirtschaft ins Ausland, gefolgt von Bürokräften und Azubis im Außenhandel.

Die 20-jährige Carmen ist eine der wenigen Azubis aus der Mechatronik, die ins Ausland gehen. Sie lebte fünf Wochen in Torquay, einem Ort südlich von London. „Ich war bei einem älteren Ehepaar untergebracht bei denen öfters die Kinder und Enkelkinder vorbeikamen“, berichtet sie. Sie habe sich dadurch sehr gut aufgenommen gefühlt.

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Carmen folgte einem straffen Programm: eine Woche Sprachkurs, zwei Wochen Arbeit in einem Dekogeschäft, wo sie ihr Englisch in der Praxis aufbesserte, schließlich half sie in einer 25 Mitarbeiter*innen großen Hydraulikfirma mit. Für sie war das eine gewinnbringende Erfahrung. „Das Auslandspraktikum hat mich reifer und selbstständiger gemacht“, sagt Carmen. „Da man dort auf sich alleine gestellt war. Man musste selbst kochen, waschen und sich selbst organisieren.“

Auch die 27 Jahre alte Tischlerin Annkathrin hat von ihrem Auslandsaufenthalt profitiert. Die Handwerkskammer Berlin vermittelte ihr ein Erasmus-Praktikum in Valencia, eine Partnerorganisation vor Ort stellte Kontakt zu Unternehmen her und suchte sogar ein Zimmer. „Ich fand es sehr spannend und bereichernd, andere Arbeitsweisen und -techniken kennenzulernen, einen anderen Arbeitsrhythmus mitzuerleben und dadurch mein handwerkliches Repertoire zu erweitern“, erzählt sie.

Valencia verließ sie mit vielen neuen Eindrücken und Inspiration für die Zukunft. In ihrem Betrieb, dem größten Theaterdienstleister in Deutschland, stelle Annkathrin keine Ausnahme mehr dar: Im zweiten Lehrjahr würden die meisten Tischler*innenrazubis die Möglichkeit wahrnehmen, ins Ausland zu gehen.