Warum „Outlander“ die beste Serie der Welt ist – nicht nur für Feminist*innen

Einige Menschen rümpfen über die Serie Outlander ihre serienfeuilletonistischen Nasen. Unsere Autorin erklärt, warum das ein bedauerlicher Irrtum ist. Eine euphorische Serienkritik

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Es gibt viele gute Gründe, Outlander zu gucken! Foto: © 2018 Sony Pictures Digital Productions Inc.

Achtung – dieser Beitrag enthält kleine Spoiler zu Outlander!

„Hausfrauenporno“, sagen sie. „Kitschkram“, nennen sie es. Ich hingegen sage: Für mich ist Outlander die beste Serie, die es derzeit gibt. Und ja, ich kann das begründen.

Alles fing an, als ich etwa 17 Jahre alt war und mir der Schmöker Feuer und Stein von Diana Gabaldon in die Hände fiel. Ich war fasziniert: Die Geschichte hatte eine weibliche Protagonistin, die … anders war. Und mit anders meine ich: Die Figur Claire ist eine emanzipierte Frau, die einen Job hat (Krankenschwester, später Chirurgin) und im zweiten Weltkrieg an die Front geht, während ihr Mann zu Hause bleibt. Einfach so.

In dem Buch geht es darum, dass Claire nach dem Krieg in Schottland durch einen Steinkreis zweihundert Jahre in die Vergangenheit reist und im Jahr 1743 landet. Sie versucht, zurück in ihre Zeit und zu ihrem Ehemann Frank zu gelangen, aber das funktioniert natürlich nicht. Claire trifft den jungen Highlander Jamie und wird mit ihm zusammen in den Aufstand der Jakobit*innen 1745 verwickelt. Sie ist schlagfertig, lustig und ein bisschen schusselig.

Vor allem jedoch ist Claire eine Frau, die Freude an Sex hat. Bis dato kannte ich hauptsächlich Geschichten, in denen Frauen ihre Sexualität höchstens geheim oder passiv ausleben. In Outlander ist ER die Jungfrau in der Hochzeitsnacht und sie diejenige mit Erfahrung. Ich fand das befreiend und wundervoll.

Die Liebe zum Detail

Die Serie hält sich so gut es geht an die Buchvorlage; die Produzent*innen wissen, wie wichtig den Fans die Details sind. Einiges lässt sich auf dem Bildschirm logischerweise nicht 1:1 umsetzen, aber sie sind immer mit großer Sensibilität darum bemüht. Ich habe hier in Schottland von Leuten, die für Outlander arbeiten, gehört, wie perfekt jedes Detail stimmen muss und dass das manchmal etwas anstrengend sein kann.

Es geht nicht darum, ob sie sich kriegen – sondern wie sie gemeinsam als Paar funktionieren und die Hindernisse überwinden

Roger D. Moore

Das Produzent*innen-Team macht auch zu jeder Folge einen Podcast, in dem die Entscheidungen erklärt werden und in dem man hören kann, wie sehr sie selbst die Geschichte von Claire (in der Serie gespielt von Caitriona Balfe) und Jamie (in der Serie gespielt von Sam Heughan) lieben. „Es geht nicht darum, ob sie sich kriegen – sondern wie sie gemeinsam als Paar funktionieren und die Hindernisse überwinden“, sagte Produzent Roger D. Moore in einer Folge. Das macht einen erheblichen Teil der Magie von Outlander aus. Oh, Moore ist übrigens der Typ, der schon Star Trek-Serien und -Filme sowie Battlestar Galactica produziert hat. Ich sag’s bloß.

Die Autorin

Diana Gabaldon ist eine großartige Geschichtenerzählerin, von klein auf: „Als meine Schwester und ich sehr jung waren und uns ein Zimmer teilten, blieben wir bis spät in die Nacht auf und erzählten uns riesige, verschlungene, fortlaufende Geschichten“, schreibt sie in einem Begleitbuch zu Outlander. Das spürt man auch in der Serie, bei der sie als Beraterin fungiert. Wenn ein interessanter Charakter auftaucht, kann man davon ausgehen, ihm wieder zu begegnen.

Doch die Autorin verwebt nicht nur komplexe Handlungsstränge, sondern hat auch multidimensionale Bösewichte erschaffen. Captain Jonathan Wolverton „Black Jack“ Randall (gespielt von Tobias Menzies) in den ersten Staffeln ist ein abgrundtief finsterer Charakter. Er ist grausam und dabei einsam; die Brutalität des Soldatenlebens hat ihn innerlich verkümmern lassen. Der aktuelle Antagonist Stephen Bonnet in der vierten Staffel ist charmant, charismatisch, attraktiv – gleichzeitig so gewalttätig und beiläufig kaltherzig, dass mir der Atem stockt.

Und James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser hingegen entspricht der romantisierten Idealvorstellung des schottischen Highlanders. Die Figur hat anfangs extrem bedenkliche Vorstellungen vom Eheleben – es kommt zu häuslicher Gewalt und das wird meines Erachtens nach in der Geschichte zu sehr runtergespielt; auch, wenn Claire ihm später einen Dolch an die Kehle hält und ihn absolut in seine Schranken weist. Was Jamie jedoch auszeichnet, ist nicht nur seine Optik, sondern vor allem seine emotionale Intelligenz und Lernfähigkeit, die wachsende Unterstützung für seine Partnerin, sein Mut, sein Humor und naja, okay, ein bisschen eben doch seine Optik.

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Der Sex

Jaja, die Sex-Szenen – davon gibt es in Outlander reichlich. Doch im Gegensatz zur üblichen Hollywood-Performance, in der Sex eher wie „Stripclub meets Zumba-Kurs, aber ohne Nippel“ daherkommt, geht es in Outlander inniger zur Sache. Die erotischen Szenen sind nicht der Gipfel irgendeines hormongetriebenen Eroberungsfeldzuges, sondern wichtig für die Verbindung der beiden Hauptfiguren. Es gibt Hintern, Brustwarzen und viel Nähe zu sehen. Weil das nun mal so ist.

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Das Liebespaar

Das bringt mich zu den beiden Hauptdarsteller*innen. Die Chemie zwischen Caitriona Balfe (Claire) und Sam Heughan (Jamie) ist überragend. Wenn man sich Interviews mit den beiden anschaut, wird sofort klar: Das sind zwei, die auf derselben Wellenlänge liegen. Hier ein Ausschnitt von Caitrionas Audition als Claire (vorspulen zu 0:44):

Generell sind die Rollen in Outlander hervorragend gecastet. Wer mal ein Buch gelesen und geliebt hat und danach von der Film- oder Serien-Adaption enttäuscht war, weiß, was ich meine. Von Claire, Jamie und der Doppelrolle Black Jack/Frank Randall über Dougal und Colum McKenzie oder Murtagh und Roger und Brianna – die Schauspieler*innen füllen die Buchvorlagen nicht nur aus, sondern machen sie lebendig. Oder wie eine Freundin von mir in den Hörer rief: „Oh mein Gott, er ist genau so, wie ich ihn mir vorgestellt habe!“ Ein größeres Kompliment kann es fürs Casting kaum geben.

Hier erklärt Sonys Casting-Chefin Dawn Steinberg den Prozess für Outlander:

Das Schauspiel

Was die Schauspieler*innen in Outlander abliefern, ist stark. Allen voran Sam Heughan – ob fast tot auf dem Schlachtfeld von Culloden, mit gebrochenem Herzen im Gesicht beim Verlassen seines illegitimen Sohnes Willie, die Freudentränen beim ersten Treffen mit seiner Tochter Brianna – es geht jedes Mal direkt ins Herz.

Aber auch Claires Verlust ihres Babys in Paris, der tiefe Schmerz bei der Rückkehr aus der Vergangenheit, das in Teilen fast kammerspielartige Ehedrama mit Frank in Staffel drei. Kein Wunder, dass Caitriona unlängst für einen Golden Globe nominiert war.

Die Kostüme

Unglaublich, wie viel Recherche und Arbeit Kostümdesignerin Terry Dresbach in die atemberaubenden Outfits bei Outlander gesteckt hat. Claires legendäres Hochzeitskleid, die opulenten Kostüme aus der Zeit in Versailles, die historischen Highlander-Outfits … Zweimal war sie damit für einen Emmy nominiert. Leider ist die aktuelle vierte Staffel die letzte für Terry, aber auf Twitter kommentiert sie ihre aktuell in Outlander zu sehende Arbeit.

Die Geschichte

Obwohl der Jakobit*innenkonflikt in den Büchern und der Serie Outlander arg vereinfacht dargestellt wird – es ging mitnichten bloß um Engländer*innen gegen Schott*innen (es gab auch Schott*innen, die dem englischen König treu waren und englische Jakobit*innen) oder um Katholik*innen gegen Protestant*innen, – hat Diana Gabaldon durchaus ihre Hausaufgaben gemacht. Besonders ihre Darstellung von Charles Edward Stuart hat mich beeindruckt.

In popkultureller Wahrnehmung lächelt Bonnie Prince Charlie zart von jeder schottischen Keksdose und ist eine schillernde Figur. In Wirklichkeit, nun ja … Der Historiker George Smith Pryde schrieb: „Im wahren Leben war er eine weniger heldenhafte Figur; alles von seinen treuen Gefolgsleuten verlangend, gab er ihnen kaum mehr als einen inspirierenden Namen, und er floh aus Culloden, anstatt mit dem Schwert in der Hand für seine mutigen Highlander zu sterben.“

So hat ihn auch Diana Gabaldon in Outlander dargestellt: charismatisch, aber auch illusorisch, schwach und leider in entscheidenden Momenten ignorant und feige.

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Kritik

Outlander kommt nicht ohne Kritik aus. Zum einen definiert sich Claire in der Geschichte stark über ihre Gefühle für Frank und Jamie. Dadurch könnte ein Bild vermittelt werden, demzufolge eine Frau kein Leben ohne Mann im Mittelpunkt führen kann. Allerdings ist in den 1960er Jahren durchaus Scheidung zwischen ihr und Frank ein Thema. Und Claire geht ihren eigenen Weg, studiert als eine der ersten Frauen in Harvard Medizin und wird Chirurgin. Und bis sie nach Franks Tod erfährt, dass Jamie Culloden überlebt hat, kommt sie gut allein zurecht.

Dadurch, dass die Geschichte größtenteils im 18. Jahrhundert angesiedelt ist, werden in Outlander unweigerlich Unmenschlichkeiten wie Sklaverei und der Genozid von Native Americans thematisiert. Und obwohl die Figur Claire sich mehrfach deutlich gegen Sklaverei äußert und einsetzt, gibt es berechtigte Kritik an der Tatsache, dass People of Colour in der Geschichte hauptsächlich Opfer- oder Hintergrundfiguren ohne wesentliche eigene Handlung sind.

In Outlander kommt es auch immer wieder zu sexueller Gewalt. Claire wird mehrfach attackiert und beinahe vergewaltigt; Jamie wird von Black Jack tagelang massiv psychisch und körperlich missbraucht; Fergus wird ebenfalls von Jack Randall vergewaltigt; Claires und Jamies Tochter Brianna wird von Stephen Bonnet vergewaltigt und ist anschließend schwanger – um nur einige Übergriffe zu nennen. Das alles ist ehrlich gesagt teilweise schwer zu verdauen. Und auch, wenn die entsprechenden Szenen in Outlander von den Autor*innen und Produzent*innen verantwortungsvoll umgesetzt sind, frage ich mich, ob das in der Intensität und dem Ausmaß wirklich nötig ist.

Trotz dieser Schwächen halte ich Outlander insgesamt aber für ein auf mehreren Ebenen bewegendes TV-Erlebnis.

Die Landschaften

Ach, diese atemberaubenden, herzbewegenden Landschaften! Gedreht wird Outlander nicht nur, aber hauptsächlich in Schottland; vor allem in den Cumbernauld Studios in der Nähe von Glasgow. Erstaunlich, wie die Serienmacher*innen am gleichen Ort immer wieder andere Landschaften und Szenerien kreieren, wie zum Beispiel derzeit North Carolina.

 

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Auch in den Büchern hat Diana Gabaldon Schottland packend beschrieben – obwohl sie in Arizona lebt und vor dem Erscheinen des ersten Bandes keinen Fuß in die Highlands gesetzt hatte. Und zwar lange VOR den Zeiten des Internets. Outlander hat die Sehnsucht nach einem Land voll rauer Schönheit geweckt. So sehr, dass Bücher und Serie den Tourismus in Schottland nachweislich angekurbelt haben. Ganze 17 Prozent mehr Besucher*innen verzeichnete Schottland 2017; laut schottischer Regierung liegt das zum Teil tatsächlich an der Serie.

Darum Outlander!

Also nennt die Serie ruhig abfällig-unwissend Hausfrauenporno oder von mir aus Kitschkram, das ist okay. Ich sehe jedoch ein mit viel Liebe gemachtes Stück Eskapismus-TV, das Millionen Herzen auf der Welt mit ein bisschen Freude und Sehnsucht erfüllt. Viel mehr verlange ich nicht von einer Serie. Viel weniger aber auch nicht.

Sehen könnt ihr Outlander übrigens hier:

  • Staffel 1 und 2 auf Netflix
  • Alle Staffeln auf iTunes, wöchentlich immer eine neue Folge der vierten Staffel
  • Alle Staffeln und jeden Montag eine neue Folge der vierten Staffel auf Amazon Prime Video
  • RTL Passion montags um 19:15 immer neue Folgen, jeden Dienstag um 20:15 Wiederholungen

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