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Warum regelmäßige HIV-Tests Pflicht sein sollten

Weißt du deinen HIV-Status? Und weißt du den Status des Menschen, mit dem du gerade schläfst? Meistens wissen wir beides nicht genau und riskieren so, krank zu werden.

Wenn wir jemand Neues kennenlernen, fragen wir uns oft zu wenig, ob wir uns bei ihm*ihr vielleicht anstecken könnten. © Pexels II CC0

Ich komme gerade von der Abholung meiner letzten HIV-Testergebnisse, ich habe das Virus nicht. Nicht, dass ich dachte, ich hätte es. Also, nicht wirklich. Zumindest nicht bis wenige Stunden vor dem Test, den ich als Routineuntersuchung bei meinem Hausarzt in Berlin durchführe. Der Assistenzarzt trifft meine Vene nicht, wir lachen kurz darüber. Es ist einfach noch zu früh, 8:30 Uhr an einem Freitagmorgen. So fühlt sich kein Test an, dessen Ergebnis fatale Aussagen über meine gesundheitliche Zukunft treffen könnte.

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HIV-Tests werden allen Menschen empfohlen, die ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Personen hatten, deren HIV-Status unbekannt ist. Wenn man so will also ungefähr allen Menschen, die ich zu meinem Bekanntenkreis in Wien, Berlin und Hamburg zähle. All jenen, die mir in beschwipsten Runden von ihren One-Night-Stands mit britischen Tourist*innen, Fremdgehgeschichten im Urlaub oder ihren neuen Freund*innen erzählen.

Einmal ist nicht keinmal

Was jetzt folgt, ist die unangenehmste aller Fragen: Weißt du deinen eigenen Status? Weißt du den Status der Person, mit der du gerade Sex hast? Den Status deines*r Exfreund*in, auch wenn ihr längst Schluss gemacht habt? Wahrscheinlich nicht.

[Außerdem auf ze.tt: Zehntausende Menschen in Europa wissen gar nicht, dass sie HIV-positiv sind]

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„Na, hast du HIV?“, ist nicht unbedingt die erste Frage, die man bei einem Date stellt, und höchstwahrscheinlich auch nicht die letzte vor dem eventuell später folgenden Akt. Wenn man Glück hat, denkt man oder der andere ans Kondom. Weil schwanger werden will ja auch keine von Unbekannten aus dem Internet. An Geschlechtskrankheiten will zwischen Lecken und Blowjob wirklich keiner denken. Schließlich will niemand die Stimmung verderben. Manchmal, da fragt man, ob der*die andere auch nichts hätte. Der*die andere sagt dann „natürlich nicht“ und auf die Nachfrage, ob er*sie es denn zu 100 Prozent wisse „nein“. Sehr beruhigend, diese auf leeren Phrasen gründenden Aussagen.

Nein, man sieht HIV-Infizierten ihre Erkrankung nicht an

Also bleibt man, wenn wir hier vom Idealfall sprechen, beim Kondom. Man bleibt die ersten Wochen beim Kondom, vielleicht auch die ersten Monate, naja, auf jeden Fall aber bis dann eventuell der erste Unfall passiert und dann ist es „ohnehin zu spät“ , sagt man sich und dem*r anderen. Weil das Kondom stecken geblieben ist, zum Beispiel. Oder gerissen ist. Oops!

Oder weil man nach dem Feiern doch noch gemeinsam duschen war und wenn man sein Ding vorher einfach ein bisschen mit Wasser – man kennt die Gedankengänge. Es sind Gedankengänge, die einen beruhigen sollen, wenn innerlich bereits Panik ausbricht. Breaking-News an dieser Stelle: Man sieht HIV-Infizierten ihren Status ebenso wenig an wie Nicht-Infizierten. Man kann nicht einfach annehmen, dass „der nette Freund der einen Freundin“ HIV-negativ ist, nur weil es heiß aussieht, wenn er sich die Skinnyjeans auszieht.

[Außerdem auf ze.tt: Es betrifft alle: Warum wir viel mehr über Geschlechtskrankheiten sprechen müssen]

Wir alle, wir wissen insgeheim über die Gefahren von Groß- und Kleinstadtsex mit Fremden und Bekannten Bescheid. Schließlich sind wir in diesem Internet aufgewachsen und haben den Sexualkundeunterricht nicht von den Lehrer*innen alleine verbrechen lassen. Wir versuchen, mal mehr, mal weniger halbherzig, Schutz zu verwenden, wenn wir die Genitalien des*der anderen in unsere Körperöffnungen gleiten lassen. Aber: Wie safe kann Sex denn bitte langfristig sein, wenn man in Deutschland für HIV-Tests noch immer mitunter 18 Euro berappen muss und diese nicht zu einer allgemeinen Untersuchung dazugehören?

Immer wieder werden rund um den Weltaidstag Know-your-status-Kampagnen gefahren, erleichtert wird Menschen das Testing-Prozedere nicht. Man muss sich selbst zum*r Ärzt*in schleppen, nachdem man sich mehrere Wochen alleine im WG-Zimmer wegen einer Lappalie in die Hosen gemacht hat. Vor Angst, doch betroffen zu sein.

Viele wissen gar nicht, dass sie HIV-positiv sind

In Deutschland gibt es laut Schätzungen des Robert-Koch-Instituts 84.700 Menschen, die HIV-positiv sind. Davon 69.000 Männer und 15.200 Frauen. Im Jahr 2015 gab es 3.200 geschätzte Neuinfektionen in Deutschland, 2.200 sind beim Geschlechtsverkehr zwischen Männern entstanden, 740 bei heterosexuellem Kontakt und 250 durch Drogenmissbrauch.

Wenn man auf der Seite des Berliner Gesundheitsamtes auf STI/HIV klickt, fühlt man sich wie ein schäbiger Hund. Jemand, der sich täglich Drogen spritzt und ab und an Sex für Geld in Bahnhofklos hat – denn scheinbar sind das die Voraussetzungen, um als angemessene*r Kandidat*in für einen HIV-Test zu gelten. Selbst beim Gesundheitsamt kostet der Test dann zehn Euro, man muss zuvor einen telefonischen Termin ausmachen. Ein Anruf, ungefähr so angenehm wie eine fristlose Kündigung nach dem Urlaub.

Solange Menschen nicht nur miteinander Netflix schauen, sondern auch Sex haben, sollten HIV-Tests zu einem fixen Utensil im Hausmittelschrank werden.“

Das Thema HIV ist immer noch mit großer Angst und Ahnungslosigkeit verknüpft. Im seltensten Fall spricht man darüber. Wenn überhaupt, reißt man im Freundeskreis Witze darüber. „Haha, ich schlafe nur mit Losern, wenn, dann stecken die sich bei mir an“, sagt eine Freundin beim Karaoke-Abend. Die Mädels und ich, wir lachen. Natürlich, wird schon nichts sein. Oder? Wird schon nichts sein, sagen und denken wir, bevor wir einen Schluck von unseren Colas nehmen und den nächsten Track in die Maschine tippen.

Ich würde mir wünschen, dass heutzutage weniger verschämt mit diesem wichtigen Thema umgegangen würde. Dass die Stigmatisierung von HIV-Infizierten und Aids-Patient*innen durch Aufklärungsarbeit abnimmt, denn letztlich ist auch das Stigma dafür verantwortlich, dass so wenige Menschen über ihren Status Bescheid wissen und reden wollen. Weil fälschlicherweise immer noch gedacht wird: Ach, das betrifft mich eh nicht! Das betrifft die anderen. Die Obdachlosen, die Sexarbeiter*innen, die Abgehängten, die dann elendig innerhalb von wenigen Jahren daran verrecken ohne es überhaupt zu bemerken – und nicht mich, der*die doch nur mit Akademiker*innenkindern aus gutem Haus schläft.

Gleichzeitig sollten sich die staatlichen Behörden etwas einfallen lassen, um Menschen Zugang zu HIV-Schnelltests zu ermöglichen, ja, diese wie die Pille danach nur eben zuvor von befähigtem Personal in Apotheken aushändigen zu lassen. Ohne blöde Fragen und löchernde, verurteilende Blicke. 2015 belegten die PrEP-Studien Ipergay und PROUD bei schwulen Männern eine Senkung des HIV-Übertragungsrisikos von 86 Prozent, sofern diese die Tabletten regelmäßig einnahmen.

[Außerdem auf ze.tt: Diese Behandlung kann HIV-Infektionen verhindern – ist aber in deutschland noch nicht zugelassen]

Solange Menschen nicht nur miteinander Netflix schauen, sondern auch Sex haben, sollten HIV-Tests zu einem fixen Utensil im Hausmittelschrank werden. So zugänglich wie Kondome, die Pille danach, Pflaster, Gurgellösung und Halswehtabletten. Denn wenn jede*r regelmäßig testet, gibt es weniger Angst und Verunsicherung für alle.

Es kann früher therapiert und im besten Falle natürlich mit gutem Gewissen (weiter)gevögelt werden.

 


HIV-Test machen

HIV-Tests werden von Gesundheitsämtern und Arztpraxen angeboten. Wo man sich testen lassen kann, erfährt man bei den Aidshilfen und unter der Telefonnummer 0180 33 19411. Eine bundesweite Liste gibt es hier.

Gesundheitsämter bieten den Test kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr an. Man kann anonym bleiben, muss also seinen Namen nicht nennen.

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