Warum sich die katholische Kirche mehr an ihren Jugendverbänden orientieren muss

Die katholische Kirche befindet sich mit ihren Ansichten immer noch im Mittelalter. Sie braucht dringend Gleichberechtigung von Männern und Frauen in ihren verstaubten Strukturen. Ein Kommentar

Women demand gender justice in the church

In Freiburg protestierten Mitte Mai 400 Frauen dafür, dass die katholische Kirche über ihr Frauenbild nachdenkt. Foto: Patrick Seeger/dpa

Die katholische Kirche: eine weltweite Institution mit fast zwölf Millionen Anhänger*innen allein in Deutschland. Aber auch: eine Institution mit verstaubter Ansicht von der Gesellschaft. Noch immer fußen die Standards für Geschlecht, Sexualität und Beziehungen in der religiösen Lehre auf der Bibel, einem 2000 Jahre alten Dokument.

Das neue Testament erzählt die Geschichte von Jesus Christus, der zwar für die damalige Zeit revolutionär und feministisch war, aber zu seinem engsten Kreis, den sogenannten Jüngern, nur Männer zählte. Die Priesterweihe ließ Jesus in der Heiligen Schrift nur Männern zukommen. An diesen Grundsätzen hält die Kirche weiterhin fest und schließt jegliches Umdenken aus. Zuletzt wurde das sogenannte Frauenpriestertum 1994 von Papst Johannes Paul II, einem vergleichsweise modernen Papst, final abgelehnt. Frauen finden nur als Gemeindereferentinnen statt, dürfen im Ehrenamt aktiv bleiben. Ein fester Job als Priesterin und damit einhergehende Karrierechancen gibt es nicht.

Die Kirche muss sich neuen Vorstellungen unserer Gesellschaft öffnen.

Dagegen protestierte vergangene Woche die Initiative Maria 2.0: „Die Menschen haben eine Sehnsucht danach, dass die Kirche abbildet, wie die Welt heutzutage aussieht“, sagt Lisa Kötter. Die 59-Jährige ist Mitinitiatorin der Kampagne. Mit ihrem Lesekreis hat sie eine Petition verfasst, welche Gleichberechtigung, das Frauenpriestertum, die Abschaffung des Zölibats und die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in der Kirche fordert. Anlass für den Start der Petition war der Sondergipfel zum Thema der sexualisierten Gewalt in der Kirche. „Wir wollen uns doch auch wiederfinden in der Kirche“, sagt Kötter. „Das sich-Erheben und sagen, was gottgemacht ist – was für eine Anmaßung. Als ob wir Gottes Willen kennen.“

Innerhalb einer Woche hatte die an den Papst gerichtete Petition auf der Plattform we act die mehr als 25.000 Unterschriften erreicht. Eine Graswurzelbewegung, die bisher ohne jegliche finanzielle Unterstützung auskam und einen Nerv trifft. Die Kirche muss sich neuen Vorstellungen unserer Gesellschaft öffnen und aufhören, nur mit dem Klischee der alten, weißen Männer ihre Priesterseminare zu füllen.

Die Kirche sollte angesichts der sinkenden Mitgliederzahlen doch eigentlich auch ein Interesse an der Abbildung einer modernen Gesellschaft haben.

Ich war im Januar in Panama beim Weltjugendtag – bewaffnet mit einer Regenbogenflagge. Bei dem im zwei- bis dreijährigen Rhythmus stattfindenden Event treffen sich junge Katholik*innen, um Gemeinschaft und Multikulturalität zu leben. Circa 120.000 Teilnehmer*innen sind in diesem Jahr gekommen, aus 155 Ländern. Doch Diversität und Offenheit für den Wandel der Lebensrealitäten findet in der Kirche nach wie vor nur in offeneren Jugendverbänden statt. Darum muss sich was tun – und die Kirche sollte angesichts der sinkenden Mitgliederzahlen doch eigentlich auch ein Interesse an der Abbildung einer modernen Gesellschaft haben.

Basisdemokratie, das selbstverständliche Umsetzen von Gendersternchen und geschlechtlich gleichbesetzte Gremien machen mir Hoffnung – zumindest in den Jugendverbänden wandelt sich die Kirche. Die Mitglieder einer modernen Kirche brauchen ein Mitspracherecht, um Gleichberechtigung und Offenheit gegenüber allen Menschen herstellen zu können. Nun muss dieses Umdenken nur noch beim Papst ankommen. Vielleicht kann Maria 2.0 ja dabei helfen.