Warum sich Paare orten: „Ich sehe das als Zeichen des Vertrauens und nicht des Misstrauens“

Sich in der Beziehung gegenseitig überwachen? Was nach einer Dystopie aus Black Mirror klingt, machen einige Paare bereits in der Realität.

Schatz, was machst du da? © Yoann Boyer / Unsplash / CC0

Manchmal schalten Miriam und Lukas die Ortung aus. Kurz vor Weihnachten zum Beispiel oder vor Geburtstagen. Sonst ist sie an. Die beiden wissen immer, wo sich die andere Person gerade befindet.

Zu Beginn fanden sie die App Find my Friends einfach lustig. Lukas arbeitet selbst als App-Programmierer und wollte es ausprobieren. Die beiden sind schon lange ein Paar und bezeichnen sich als „absolut nicht eifersüchtig“. Für sie ist die App vor allem eins: praktisch. Sie erspart ihnen das fragen, wann der*die andere nach Hause kommt und wo er*sie gerade ist.

„Ich schaue eigentlich selten in die App, aber ich habe meinen Standort für ihn immer freigegeben“, erzählt Miriam. Miriam fühlt sich weder kontrolliert, noch macht sie eifersüchtig, was sie sieht. Für sie überwiegen die positiven Erlebnisse. Wie zum Beispiel einmal, als ihr Freund sie überraschend von einem Bewerbungsgespräch abgeholt hat, bei dem ihr Smartphone in der Tasche bleiben musste.

Neues Produkt: Vertrauen

Wo mittlerweile Meditations-Apps Ruhe und Achtsamkeit verkaufen, Sport-Apps eine gesündere Lebensweise versprechen und Schlaf-Apps einen besseren Schlaf ermöglichen wollen, war es nur eine Frage der Zeit, dass Technologie auch Verliebten einen Nutzen bringen soll.

Ein wenig klingt die Ortung von Menschen nach einer Dystopie, nach einer düsteren Zukunftsvision wie aus der Serie Black Mirror. In einer Folge wurde das Thema tatsächlich schon behandelt. Nachdem ein Mädchen beinahe verschwunden wäre, lässt ihre Mutter ihr einen Chip einsetzten und beginnt, sie mit einem Tablet zu orten. Über das Gerät kann sie zudem ihre Körperfunktionen überwachen und durch die Augen ihrer Tochter sehen, was sie sieht. Ohne spoilern zu wollen: Es geht natürlich nicht gut aus und die Mutter entwickelt sich zu einer regelrechten Helikopter-Mutter, die süchtig nach der Kontrolle wird.

Die Standortfeststellung der Liebsten passt in das düstere Bild des gläsernen Menschen der Zukunft: jederzeit überwachbar, nie allein. Am Ende bringt die Sehnsucht nach totaler Kontrolle und die fehlende Privatsphäre den Menschen zum Durchdrehen, so weit die Dystopie.

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Ganz so dramatisch ist es in der Realität dann doch nicht. Wenn ich mich umhöre, tracken sich einige Menschen. Freund*innen, Partner*innen, ja ganze Freundeskreise und Familien. Entweder über eigene Tracking-Apps, die neue Standortfreigabe auf WhatsApp oder per Cloud am Betriebssystem des Telefons. Alle Methoden funktionieren gleich: Man schaltet seinen Aufenthaltsort für gewisse Personen und auf bestimmte Zeit frei. Stimmen diese zu, können sie beobachten und auch ihren eigenen Standort freigeben. Dann wandern blaue Punkte mit Gesichtern über die Karten.

Krankhafte Überwachung oder Vertrauenshilfe?

Wir haben ze.tt-Leser*innen gefragt, ob und warum sie sich in ihren Beziehungen tracken. Viele haben uns geschrieben. Ihre Einstellungen und Erfahrungen könnten nicht konträrer sein. Eine Leserin ortet sich bereits seit über zwei Jahren mit ihrem Partner über eine App. Sie tun das vor allem, um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung sei und um zu sehen, wenn die andere Person zum Essen nach Hause kommt.

Ich sehe die App als ein Zeichen des Vertrauens und nicht des Misstrauens.“

Ein Leser erzählt, dass er krankhaft eifersüchtig sei. Er habe bereits seiner Freundin nachgeschnüffelt, ihre Nachrichten gecheckt und begann eine Therapie, um seine Eifersucht in den Griff zu bekommen. Dabei entdeckte er die Ortung des Standpunktes als Mittel für sich. „Meine Freundin hat seither den Standort dauerhaft an, um mich zu beruhigen.“ Auch wenn es ihm heute besser gehe, lasse sie die Ortung nach wie vor an. Schließlich habe habe sie „nichts zu verheimlichen“, wie er erzählt.

Andere Leser*innen berichten von den negativen Seiten der Ortung: dem nicht mehr stillbaren Bedürfnis nach Kontrolle. „Wir haben ein paarmal vergessen, dem anderen zu erklären, warum man gerade wo unterwegs ist. Wir wurden süchtig nach der Ortung und haben uns gestritten. Dann haben wir beschlossen, es ein für alle Mal sein zu lassen.“

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Andere erzählen von ihren Fernbeziehungen, in denen sie Stunden vor dem Display verbrachten und es sie fast verrückt machte, nicht zu wissen, was die Person am anderen Ende der Welt gerade in dieser Straße macht.

„Ich habe ein Leben ohne meinen Partner. Wenn er wissen will, wo ich mich gerade befinde, soll er mich fragen und ich erzähle es. Manchmal nehme ich mein Handy nicht mit, damit ich nicht erreichbar bin und einfach nur ich sein kann“, erzählt eine andere Leserin.

Ortung als Liebestöter

Joachim Engl ist Psychotherapeut und Eheberater. Er leitet die angewandte Forschung am Institut für Kommunikationstherapie in München. Er arbeitet gerade an einer App für Paare und verzichtet dabei ganz bewusst auf eine Ortungsfunktion. „Im günstigsten Fall ist die Partnerortung eine kleine Spielerei, im ungünstigsten Fall ist es verdeckte Überwachung“, sagt Engl gegenüber ze.tt.

Im günstigsten Fall ist die Partnerortung eine kleine Spielerei, im ungünstigsten Fall ist es verdeckte Überwachung.“

Er empfindet solche Apps als eine Art Aufsicht über den*die Partner*in; und das als den „falschen Weg zum Beziehungsglück“ oder sogar als einen „Liebestöter“. Für den Psychotherapeuten stellt dabei nicht das Wissen über den Aufenthaltsort an das Problem dar – sondern das ständige Wissenwollen.

Besonders problematisch schätze er die Ortung bei Paaren ein, die ohnehin zu Eifersucht tendieren oder Vertrauensprobleme hätten. Weniger problematisch hingegen sieht er die Ortung unter Freund*innen.

Transparenz als das Gegenteil von Vertrauen

Philipp Ikrath forscht hauptberuflich an den Werten von jungen Menschen in Wien. Er sieht in dem Bedürfnis, den*die Partner*in orten zu wollen, eine Konsequenz aus dem Zeitgeist: „Transparenz gilt ja heute als etwas absolut Erstrebenswertes. Wer Geheimnisse hat, ist verdächtig, wer alles von sich preisgibt, hat hingegen scheinbar nichts zu verbergen.“

Für den Jugendforscher sind Apps zum Tracken des Standorts charakteristisch für die junge Generation: „Für junge Menschen stellen langfristige Beziehungen an sich etwas sehr Fragiles dar.“ Darum gelte das Misstrauen auch nicht unbedingt dem*der Partner*in, sondern der Beziehung an sich.

„Alles was das Vetrauen in die Beziehung stärkt und greifbar macht, gewinnt so an Bedeutung. So auch die Funktion der Ortung“, sagt Ikrath. Überspitzt ausgedrückt stehe aber oftmals dahinter: Du musst mir nicht mehr vertrauen, schließlich kannst du mich orten.

Für Miriam und Lukas scheint es hingegen wirklich eine Spielerei zu sein. Miriam zeigt mir zum Beispiel eine Nachricht, in der sie ihren Freund fragt, warum sie sich eigentlich orten. Er antwortet scherzhaft: „Damit ich weiß, wann du aus der Arbeit gehst und ich noch aufräumen kann.“