Warum so viele Menschen für gutes Essen auf Reisen gehen

Zwischen Koch-Workshops, Food Festivals und dem Besuch beim nächsten Weingut erfahren Reisende viel über Land, Leute und Kultur. Woher kommt das Interesse an fremden Esskulturen und welche Folgen kann es haben?

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Auch wer am Ziel seiner Reise eine Weinprobe macht, ist ein Foodie Traveller. Foto: Kym Ellis / Unsplash | CC0

Wir haben uns durch nicht einmal ein Drittel der etwa 50 hauptsächlich regionalen Bier- und Spirituosensorten, geschweige denn durch die Varianten von Ćevapčići, kroatischen Tapas und Snacks durchprobiert, als wir pappsatt und nicht mehr ganz nüchtern in gemütliche Hängematten sinken. Krafting, das Makarska-Craft-Festival, findet in einem kleinen Park direkt am Hafen Makarskas statt, einer Stadt an der dalmatischen Küste Kroatiens.

Tourist*innen mischen sich mit Einheimischen für Kochworkshops, bereiten gemeinsam regionaltypische Gerichte zu, hiesige Gastronom*innen verkaufen aus Pavillons und Holzständen heraus ihre Spezialitäten, eine Jazzband lockt die Menschen auf die Tanzfläche. Das Meer treibt seine Wellen im Takt an die Kaimauer, Lichterketten und Lampions hüllen die Szenerie in warmes Licht. So umgeben von unbekannten Düften, Geschmacksrichtungen und Klängen lassen wir uns ganz auf alles ein. Entdecken zwischen leckerem Essen und Getränken das, was die Region und die Menschen prägt, was einen essenziellen Teil ihrer Kultur ausmacht: ihre Esskultur.

Zeige mir, was du isst, und ich bekomme ein Gefühl dafür, wer du bist

Den Zugang zu einer fremden Kultur über die lokalen Ess- und Trinkgewohnheiten zu suchen, das gehört bei vielen Tourist*innen mittlerweile schon zum guten Ton. Kulinarischen Tourismus oder auch Food-Tourismus nennen Forscher*innen wie Tourismusexperte Gerald Wetzel von der Fachhochschule Schwerin diesen Trend, der, versehen mit Hashtags wie #foodtourism oder #foodietraveller, quer über alle Social-Media-Plattformen hinweg dokumentiert wird. Kulinarische Tourist*innen oder Foodie Traveller sind vor allem diejenigen, die ihre Reise komplett oder teilweise an der Esskultur und Küche einer Gegend ausrichten und die vor Ort an kulinarischen Erlebnissen wie Food Festivals, Koch-Workshops, Festen oder Führungen teilnehmen.

Der US-amerikanische Verband World Food Travel Association hat 2016 knapp 3.000 Menschen aus elf Ländern befragt und kam zu dem Schluss, dass je nach Alter bis zur Hälfte der Befragten als Foodie Traveller gelten. Für sie ist es wichtiger als für andere Reisende, das Essen und Trinken vor Ort auszuprobieren. Zumindest die aus der USA stammenden kulinarischen Tourist*innen geben auf ihrer Reise auch bis zur Hälfte mehr aus als normale Reisende.

Essen und Trinken als integraler Bestandteil einer Kultur

Dabei ist der Drang, fremde Kulturen kulinarisch zu erkunden, nichts Neues und ziemlich logisch zu begründen. Denn Essen gibt uns Identität – als Individuum, aber auch als Gesellschaft. „Ich definiere mich durch das, was ich esse, wo ich esse und mit wem ich esse. Ich zeige so, zu welcher sozialen Gruppe ich gehöre“, sagt Forscherin und Soziologie-Professorin Jana Rückert-John. Wir sind dadurch untrennbar mit der Region, in der wir leben, mit den Menschen, die uns umgeben, und mit unseren Traditionen verbunden. Tischsitten, Lebensmittelauswahl, Kochgewohnheiten und Rituale – all das wird geprägt durch unsere Kultur. Tourist*innen haben durch das Erfahren der lokalen Esskultur die Möglichkeit, sich weniger als Fremde und Besucher*innen zu fühlen. Sie können dazugehören. Da wundert es wenig, dass das wichtigste Kriterium einer gelungenen Reise für viele Urlauber*innen das Sammeln weniger touristischer, sondern vielmehr authentischer Erfahrungen ist – vor allem in Bezug auf kulinarische Erfahrungen.

Kulinarischer Tourismus als Chance für nachhaltigeren Tourismus

Auf ökonomischer und ökologischer Ebene sind die Vorteile dieses Trends zu Authentizität und Regionalität im Tourismus eindeutig. Die wirtschaftliche Situation gerade kleinerer Unternehmen aus Gastronomie und Lebensmittelproduktion wird verbessert, der Tourismus ist weniger saisonal abhängig, Transportwege werden auf ein Minimum reduziert, Artenvielfalt wird wichtiger, einwandfreie Tierhaltung und Produktionsprozesse bei Lebensmitteln werden wertgeschätzt.

Die bewusste Auseinandersetzung der Tourist*innen mit der Esskultur kann neben lokalen Unternehmen aber auch die Identität einer gesamten Region und ihrer Bewohner*innen stärken. Denn es geht beim Food Tourismus nicht darum, neue gastronomische Angebote aus dem Boden zu stampfen und die Gastronomie vor Ort touristentauglich zu gestalten, sondern darum, die Besucher*innen auf die bestehende Gastronomie und Landwirtschaft aufmerksam zu machen und sie anzuregen, an der kulturellen Realität der Region teilzunehmen. Diese mit dem kulinarischen Tourismus mögliche Abkehr vom massenkonformen Tourismus für Tourist*innen bedeutet – gerade in Zeiten, in denen die Nachhaltigkeit auf Reisen immer wichtiger wird – nicht nur ein gutes Gefühl für die Reisenden selbst, sondern auch eine Chance für die bisweilen arg geplagten Tourismusregionen.