Warum täuschen manche Menschen Liebe vor?

So zu tun, als hätte man intensive Gefühle für jemanden und plötzlich einen Rückzieher zu machen – das ist so ungefähr das Gemeinste, was man in der Liebe anrichten kann.

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Manchmal begegnet man Menschen, die ihre Liebe nur spielen. Wieso tun sie das? Foto: joyce huis/Unsplash | CC0

Wir saßen im Café, als sie mir zum ersten Mal von ihm erzählte. „Ich glaube, das könnte echt was sein“, sagte meine Kommilitonin S. und leuchtete ein bisschen.

Wenige Wochen später sitzen wir wieder im Café und ich frage beiläufig nach ihm. „Ach, Arschloch“, sagt sie und erklärt warum. Sie hätten viel Zeit miteinander verbracht, Ausflüge unternommen, sich wunderbar verstanden, er hätte sie nächtelang im Arm gehalten. Nähe war da und so ein warmes Gefühl. Am Anfang hat sie ihn gefragt, ob er noch andere Menschen so umarmen würde. Nein, hat er gesagt. Nur dich.

Und dann hat sie ihn zufällig in einem Restaurant getroffen. Auf einem Date mit einer anderen Frau. Am Valentinstag. Er hätte nicht gewusst, dass es was Ernstes sein sollte, sagte er hinterher. Und er fühle sich auch nicht bereit dafür. „Aber warum hat er sich dann so verhalten als ob? Ich hätte mich doch nicht so emotional drauf eingelassen, wenn ich das vorher gewusst hätte. Und ich habe ihn gefragt. Einfach nur Sex kenne ich, kann ich auch. Aber das … Er hat mich absichtlich ausgenutzt.“

Bindungsstörung? Bitte nicht

Nicht das erste Mal, dass ich so eine Geschichte höre. Warum, frage ich mich – auch nicht zum ersten Mal –, tun Menschen sowas? Andere emotional verwickeln, Nähe aufbauen, Gefühle nähren, Liebe spielen – und dann so tun, als wäre das alles ganz anders und überhaupt nicht echt?

Ich frage die Beziehungsexpertin und Paartherapeutin Andrea Bräu. „Ich vermute stark, dass diesen Menschen Empathie, Entwicklung oder Reife fehlt“, erklärt sie. „So etwas macht man normalerweise einfach nicht.“ Auch narzisstische Züge oder tiefe Bindungsstörungen ließen sich laut Andrea Bräu erahnen, wenn jemand fürs eigene Wohlbefinden und zur Egobestätigung das gebrochene Herz eines anderen Menschen in Kauf nimmt.

Verrat und Vertrauensbruch

In der Liebe so getäuscht zu werden tut weh und zwar sehr. Das liegt, so die Expertin, vor allem am massiven Vertrauensbruch. Wer mutig ist und versucht, von Anfang an offen zu sein und klar den Beziehungsrahmen abzustecken, macht eigentlich von eigener Seite aus alles richtig, sich zugleich aber auch ein Stück weit verletzbar.

Welchen emotionalen Schaden so eine Täuschung anrichtet, das hängt von der einzelnen Persönlichkeit und der aktuellen Situation ab. „Reifere Persönlichkeiten nehmen es sich nicht so zu Herzen“, sagt Andrea Bräu. „Sie können das bei der anderen Person lassen, ohne selbst zu sehr verletzt oder gekränkt zu sein. Andere hingegen haben ein größeres Thema damit.“ Auch, weil das Ego dadurch gebeutelt wird.

Daran erkennst du echte Gefühle

Niemand ist hundertprozentig davor gefeit, von jemand anderem manipuliert zu werden. Erst recht nicht, wenn Liebe im Spiel ist und die Hormone im Kopf Karussell fahren.

Allerdings kann es laut Andrea Bräu bei der Einschätzung helfen, ein paar Aspekte abzuklopfen: Unter welchen Umständen habt ihr euch kennengelernt – mit drölfzig Promille in einer Bar, auf Tinder oder eher im Job oder Freundeskreis? Ist die Kommunikation regelmäßig und vielseitig – oder gibt’s bloß sporadische Sprachnachrichten mit gelegentlichem Nacktfoto? Trefft ihr euch hauptsächlich zum Sex oder quatscht ihr auch mal die Nacht durch?

Und was sagt das Bauchgefühl – ist es irgendwie minimal unruhig? All das zeigt jedoch höchstens eine Tendenz und gibt keine Garantie. Die gibt es nämlich nie.

Eigentlich ist Liebe leicht

Wenn zwei Menschen sich wirklich gleichermaßen toll finden, dann geht zumindest das Zusammenkommen einigermaßen automatisch. Weil beide es wollen. Komplizierte Konstellationen wie beispielsweise Fernbeziehungen oder Verlieben unter Liierten mal ausgenommen. „Am Anfang verläuft es steil nach oben. Dabei ist jedoch die Gefahr von Projektionen groß“, sagt Beziehungsexpertin Andrea Bräu. Also Vorsicht vor ausgeprägter Idealisierung, auch wenn sie im gewissen Maße zum Verlieben dazugehört.

Liebe kennt keine Spielchen, sie ist nicht frustig, schmerzhaft und anstrengend. Wenn’s hakt und ziept, dann stimmt was nicht, sage ich zu S. und schlürfe den Rest Kaffee aus. Klar, wenn es eine feste Langzeit-Partnerschaft wird, kommt irgendwann aktive Beziehungspflege dazu. Nur was schon als kompliziertes Vielleicht beginnt, das kann weg. Das Herz muss im Leben einiges aushalten. Aber echt nicht alles.

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