Warum uns Glückskekse glücklich machen

Wo kommt der Glückskeks her? Wer schreibt den Spruch? Und warum ist er so beliebt? Auf den Spuren des mondförmigen Keks voller Glück.

Vor 20 Jahren schoben sich die Besucher*innen auf Werbemessen noch den ganzen Keks in den Mund und verspeisten ihn inklusive Spruch. „Grundsätzlich ist das nicht schlimm, da das Papier essbar ist“, erklärt Ralph Schäfer. Er ist so etwas wie der Mr. Glückskeks Deutschlands. Oder zumindest von Bayern. Ralph ist nun seit 16 Jahren im Geschäft. Gemeinsam mit seinem Sohn Raphael stellen die beiden im bayerischen Bad Abbach jeden Tag zwischen 20.000 und 30.000 Glückskekse her.

Warum Menschen Glückskekse so lieben
Ralph und Raphael Schäfer produzieren im bayrischen Bad Abbach Glückskekse. Foto: Bavarian Lucky Keks

Das Schicksal wohnt in Bayern

Bavarian Lucky Keks zählt als Europas größte Glückskeks-Backanlage. Je nach Auftragslage backt die Firma im Jahr zwischen einer Million und fünf Millionen Glückskekse. Mit der Anekdote der Messe will Ralph Schäfer zeigen, wie unbekannt der Keks damals noch war. Heute wissen alle, dass sich im Glückskeks ein mehr oder weniger weiser Spruch befindet. Mittlerweile lesen die Menschen meist nur den Spruch und lassen den mondförmigen Keks im Restaurant zurück. 

Ralph und Raphael Schäfer tun diese Momenten in der Seele weh, denn sie versuchen Kekse zu produzieren, die man auch essen will. Ihre Kekse schmecken nach Vanille, Zitrone, Zimt oder Cappuccino. Die bayerische Firma sieht ihr Geschäft aber vor allem in der Werbung. Für sie ist der Keks der perfekte Werbeträger. Darum verkaufen die Schäfers vier von fünf Keksen an Apotheken, Banken, Versicherungen, Parteien und Fast-Food-Restaurants. Meist gibt das Unternehmen dann den Spruch vor. Seit einigen Jahren produzieren sie aber auch eigene Serien mit bayerischen Sprüchen oder Neujahrswünschen.

Bekommt man ihren Keks also auch im China-Restaurant? „Nein, meist nicht“, erklären sie. Denn Restaurants würden günstigere Kekse kaufen. Diese kommen aus anderen Firmen in England, Polen oder der Konkurrenz in Deutschland. Denn ein Import aus China würde allein aus logistischer Sicht keinen Sinn machen, erklärt Raphael Schäfer: „Es wäre ein Schmarrn, wenn die Kekse zwei Monate in Containern auf Schiffen herumstehen würden.“

Woher kommt der Glückskeks ursprünglich?

Der eigentliche Ursprung des Kekses ist umstritten. Aber eins ist klar: Mit China hat er wenig zu tun. Es gibt zwar die Sage von einem armen Prinzen in China, der in die Tochter eines Herrschers im 13. Jahrhundert verliebt gewesen sein soll. Sie musste jedoch einen anderen Prinzen heiraten, um zwei Länder zu vereinen. Die Verliebten durften sich nicht wieder sehen und schickten sich Nachrichten in einem keinen Mondkuchen, wobei sie ihre Rettung planten und schließlich entkamen.

Laut der japanischen Historikerin Yasuko Nakamachi wurde der Keks allerdings in Japan erfunden. 1878 sollen dort mit einer Art Waffeleisen hohle Kekse herstellte und mit Spruchbändern gefüllt worden sein. Eine etwas zeitnäherer Einschätzung ist, dass ein japanischer Einwanderer namens Makato Hagiwara eines Tages im Jahr 1909 in San Francisco auf die Idee gekommen ist, Glückskekse in seinem Teegarten nach der Bezahlung zu verschenken. Wiederum eine andere Theorie besagt, dass etwa zehn Jahre später ein Unternehmer in Los Angeles den Glückskeks als Marketingstrategie erfunden haben soll. 

Vermutlich ist der Glückskeks also irgendwann im 20. Jahrhundert aus strategischen Gründen etabliert worden. Klar ist aber, dass der Keks sich erst in den 1990ern in der chinesischen Gesellschaft verbreitete. Wenn schon die wahre Entstehungsgeschichte des Keks eher ernüchternd ist, macht das der Kitsch des Spruches im Keks wieder weg.

Wer nur an Sonnentagen wandert, kommt nie ans Ziel.“ – Glückskeks-Philosophie

„Wer nur an Sonnentagen wandert, kommt nie ans Ziel“, „Es gibt Grenzen die man überschreiten muss, um die Welt zu verstehen“ oder „Die Zeit beugt sich nicht zu dir; du musst dich ihr beugen“ sind typische Sprüche. Rund 135 Zeichen voll mit Prophezeiungen, Horoskopen oder Kalenderweisheiten laut Konfuzius passen auf das Blatt im Keks. 

Berliner Glückskekse mal anders

„Mir schmeckt weder der Keks, noch finde ich den Spruch meist besonders schön“, sagt Annette Fahrtmann über den klassisch industriell hergestellten Keks. Annette Fahrtmann gehört zu den Menschen, die morgens aufstehen und schon gut drauf sind. Das erzählt sie selbst in ihrer Wohnung in Wilmersdorf und lacht. Sie sitzt an einem schweren Holztisch, in der Mitte stehen Pfingstrosen. In ihrem Wasserglas in der Hand schwimmen ganze Himbeeren. Als sie 17 Jahre alt war, brachte ihr eine Freundin in Niedersachsen einen Glückskeks aus London mit. Die Idee selbst einen Glückskeks zu entwickeln, der lecker schmeckt und einen innovativen Spruch in sich hat, ließ sie ihr Leben lang nicht mehr los.

[Außerdem bei ze.tt: Neuer Podcast von ze.tt: Eva begibt sich auf den Weg zum Glück]

Warum Menschen Glückskekse so lieben
Annette Fahrtmann sieht nicht nur den Trend nach Glückskeksen, sondern einen Trend nach dem Glück. Foto: ze.tt

Fahrtmann arbeitet als Produktmanagerin bei einem Berliner Radiosender. Vor acht Jahren sah es beim Sender nicht gut aus und von einem Tag auf den anderen wusste sie nicht mehr, ob sie ihren Job behalten können würde. „Ich dachte mir damals: Wenn nicht jetzt, wann dann?“, erzählt sie heute und spielt mit der Kette um ihren Hals. Sie suchte nach einer Druckerei, sammelte Sprüche, schrieb einige auch selbst und fand einen Keks, der ihr wirklich schmeckte: kleine Mandel-Florentiner mit Zartbitter- und Vollmilchschokolade.

Jib immer allet!“ – Berlinerischer Glückskeks 

Stundenlang saß sie mit ihrem Sohn und seinen Freund*innen am selben Tisch wie heute und faltete Verpackungen und füllte sie mit Keksen und Sprüchen. Mit ihrer Firma Häppi verkauft sie glücklich machende Sprüche in Verpackungen, die wie kleine Täschchen aussehen. Auf die Idee kam sie nach dem Tod ihrer Großmutter, die ihr eine Krokodilledertasche vererbte. Darum packt Annette Fahrtmann heute das Glück in die Erinnerung.

Eine ihrer Spezialitäten sind die Glückskekse mit Sprüchen in Berlinerisch: „Jib immer allet!“ oder „In neunzisch Prozent der Fälle hilft jut zureden. Wenn’s nich hilft, versuch’s mit’m Keks.“

Der Trend nach Glück 

Annette Fahrtmann sieht nicht nur den Trend nach Glückskeksen, sondern einen Trend nach dem Glück. Überall werden mittlerweile Postkarten, Poster und Sticker mit positiven Sprüchen angeboten. Egal ob Handyhülle, Schild in der Küche oder das Poster über den Sofa, alles scheint voll mit positiven Affirmationen und lebensbejahenden Sprüchen. Es passt zum Zeitgeist von Achtsamkeit und platten Lebensphilosophien auf Instagram und Pinterest.

[Außerdem bei ze.tt: Vorsätze, die dich wirklich ein bisschen glücklicher machen]

Die Suche nach dem Glück kann auch zu einer Art Zwang werden, sich selbst zu optimieren. Die Idee dahinter: Alle sind ihres Glückes Schmied*in. Alle können glücklich sein, wenn sie sich nur genug anstrengen. Annette Fahrtmann sieht das kritisch. „Du kannst dein Streben nach dem Glück nicht an ein Poster oder einen Keks abgeben. Zu denken, solange das Poster da hängt und ich mich daran erinnere, glücklich zu sein, finde ich problematisch“, erklärt sie. Sie will mit ihren Keksen niemandem vormachen, allein dadurch glücklicher zu werden. Aber ein Keks könne sehr wohl ein Lächeln auf die Lippen zaubern, meint sie und grinst über das ganze Gesicht.

Annette Fahrtmanns Mission ist keine geringere, als Berlin für seine glücklichen Menschen bekannt zu machen. „Wir leben in dieser großartigen Stadt. Wie großartig wäre es, wenn die ganze Welt darüber berichtet, dass Berlin nicht nur arm und sexy ist, sondern die Menschen hier glücklich sind und sich gegenseitig Gutes tun?“ Auf diesen Plan könnte man ebenfalls mit einem Glückskeks-Spruch antworten: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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