Warum Vereinbarkeit ein Mythos ist

Unsere Autorin ist nicht nur Autorin, sondern auch Mutter – beides liebend gern. Sie hat beide Jobs lange probiert und musste feststellen: Es geht nicht zusammen. Ein Kommentar

Wie sich Vereinbarkeit anfühlt. Foto: Andrei Lazarev / Unsplash

„Wann bist du fertig?“, fragt mich meine Kollegin. Ich habe ihr meinen Text für 14 Uhr versprochen, jetzt ist es schon nach 15 Uhr. „Gleich“, sage ich. Da klingelt mein Telefon. Der Kita-Name ist auf dem Display, mein Herz schlägt schneller. Ein Anruf der Kita ist selten ein gutes Zeichen. „Hallo?“ Dann geht alles ganz schnell.

Weinendes Kind im Hintergrund, im Vordergrund die Erzieherin, in schnellen Worten. Finger, Tür, geklemmt, Schluchzen, nein, die Babysitterin nicht, Mama, Schluchzen. Das Telefon noch in der einen Hand, tippe ich mit der linken Hand eine Nachricht: „Ich muss zur Kita, Kind hat Finger eingeklemmt.“ Computer zu und los, das Taxi bestelle ich per App, während ich die Treppenstufen herunterlaufe.

„Den Text schicke ich dir heute Abend, spätestens“, schreibe ich der Kollegin aus dem Taxi. Mir wird schlecht, wie immer, wenn ich im Auto hinten sitze. Es ist kurz vor halb vier, die Straßen sind voll. Der Taxifahrer regt sich über die Autos auf, ich habe keine Kapazität für Aufregung über Autos. Nur für Fragen: Wann soll ich den Text fertig schreiben? Müssen wir ins Krankenhaus? Wann wird die fucking Ampel endlich Grün? Und wie, verdammt nochmal, soll das eigentlich alles gehen? Vereinbarkeit, schon allein das Wort.

Ich habe zwei Jobs und oft keine Ahnung, wie ich sie vereinbaren soll. Ich bin Mutter und Journalistin. Wie soll ich einen Text schreiben und gleichzeitig mit meinem Kind Uno spielen? Wie soll ich recherchieren und gleichzeitig mit meinem Kind auf dem Spielplatz sein? Wie soll ich diesen Text fertig schreiben und gleichzeitig mit meinem Kind und dem gequetschten Finger in die Notaufnahme fahren? Wie soll ich so arbeiten, dass ich meine Erwartungen an mich selbst erfülle, ausreichend Geld verdiene und gleichzeitig die Mutter sein, die ich sein möchte?

Wer hat den Begriff Vereinbarkeit eigentlich erfunden? Eine Mutter ganz bestimmt nicht. Während mir von der Taxifahrt und meinen Gedanken immer übler wird, gebe ich „Vereinbarkeit“ als Suchbegriff ein. Mein Ergebnis: „Unter der Vereinbarkeit von Familie und Beruf versteht man seit dem 20. Jahrhundert die Möglichkeit Erwachsener im arbeitsfähigen Alter, sich zugleich Beruf und Karriere einerseits und dem Leben in der Familie und der Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Personen andererseits zu widmen, unter Berücksichtigung der Schwierigkeiten, die dabei auftreten können.“

Schwierigkeiten, I feel you. Und es wird noch besser: „Wurde die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ursprünglich mehr als die Frage angesehen, ob sich Mutterschaft und Berufstätigkeit überhaupt vereinbaren lassen, entwickelte sich der gesellschaftliche Diskurs in den Industrienationen im Zuge der Emanzipation in die Richtung, wie sich für Mütter und Väter eine Berufstätigkeit mit der Erziehung der Kinder zeitlich vereinbaren lässt.“

Ja, wie eigentlich? Und zu welchem Preis? Vom 20. Jahrhundert ins jetzt. Eine neue Studie zeigt: Frauen in Deutschland verbringen jeden Tag im Schnitt vier Stunden und 29 Minuten mit unbezahlter Arbeit. Dazu gehören Haushalt, das Kümmern um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige sowie Vereins- oder Wohltätigkeitsarbeit. Und auch jetzt hier im Taxi zu sitzen, gehört dazu. Mutterschaft ist in Deutschland weiterhin Karrierekiller, Diskriminierung von Müttern am Arbeitsplatz die Regel.

Ein Alltag, der daraus besteht, nicht genug zu sein.

Wenn wir von Vereinbarkeit sprechen, meinen wir meistens Unvereinbarkeit. Denn das ist es, was die meisten Eltern erleben. Es ist die Zerrissenheit zwischen dem Job, den Kindern und den eigenen Bedürfnissen – wenn man denn überhaupt zulässt, eigene Bedürfnisse zu haben und sie zu achten. Es ist das Gefühl, weder dem Job, noch dem Kind, noch sich selbst gerecht zu werden. Und das täglich. Ein Alltag, der davon geprägt ist, nicht genug zu sein.

Vereinbarkeit, das klingt leicht. Nicht so, wie sich die Realität anfühlt. Vereinbarkeit ist ein Mythos, Gleiches gilt für die Work-Life-Balance. Worte wie Vereinbarkeit und Work-Life-Balance suggerieren: Es liegt an dir, dass du es nicht schaffst. Und so strugglen wir alle weiter und sind müde und oft auch unzufrieden und suchen die Schuld bei uns. Dabei ist die Unvereinbarkeit strukturell erschaffen. Vereinbarkeit ist die Ausnahme, Unvereinbarkeit die Regel. Jedenfalls bei mir und allen Eltern, die ich kenne.

Wir sollten nicht von Vereinbarkeit sprechen, sondern von der Herausforderung der Vereinbarkeit. Wir sollten nicht von der Work-Life-Balance sprechen, sondern vom Ungleichgewicht unserer Lebensbereiche. Und vielleicht gibt es auch noch mehr und bessere Worte, die beschreiben, wie anstrengend es in unserer Leistungsgesellschaft ist, ein glückliches Leben zu führen. Wenn wir sichtbar machen, dass wir nicht über Balance sprechen, könnten wir auch genauer schauen, was uns ins Straucheln bringt. Statt Work-Life-Balance müsste es für Eltern heißen: Care-Work-Leisure-Struggle. Wir sollten den Struggle sichtbar machen.

Ob sich Mutterschaft und Berufstätigkeit unter den aktuellen Bedingungen überhaupt vereinbaren lassen? In diesem Moment im Taxi zweifle ich stark daran. Auch am nächsten Morgen, als mein Kind mit geschwollenem Finger sagt: „Kann ich mit dir mit ins Büro kommen?“ Wenn ich ja sage, wird der Text nie fertig werden. Auch wenn meine Position, dass ich überhaupt darüber nachdenken kann, weil mein Kind im Büro willkommen ist, privilegiert ist. Dennoch wirft die Frage meinen kompletten Arbeitsplan um. „Ich hole dich früh aus der Kita ab“, lüge ich mein Kind an. Der Text, den ich meiner Kollegin versprochen habe, wird erst morgen fertig.


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