Hass auf jüdische Menschen: Warum viele Corona-Verschwörungen antisemitisch sind

Bill Gates, der uns zwangsimpfen will, Eliten, die eine neue Weltordnung einführen wollen – um Corona ranken sich viele Verschwörungsmythen, die antisemitische Wurzeln haben. Was hat ein Virus mit Hass auf Jüd*innen zu tun?

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Viele Verschwörungserzählungen bedienen antisemitische Vorurteile. Illustration: © Elif Küçük / ze.tt

Das Virus sei ein Werkzeug von Jüdinnen*Juden oder Israel, um ihre globale Macht auszubauen. Jüdische Menschen würden von dem Virus finanziell profitieren.Jüdinnen*Juden seien der eigentliche Virus – solche und ähnliche Falschaussagen liest und hört man seit Beginn der Corona-Pandemie immer wieder. Die Anti-Defamation League (ADL), eine Organisation, die sich gegen Diskriminierung und Diffamierung von Jüdinnen*Juden weltweit einsetzt, hat im März in einem langen Artikel antisemitische Verschwörungen gesammelt, die das Virus in direkten Zusammenhang mit Jüdinnen*Juden bringen.

Es ist kein neues Phänomen, dass antisemitische Verschwörungsideologien in Krisenzeiten aufblühen. Bereits während der Pest im Mittelalter wurde Jüdinnen*Juden vorgeworfen, Brunnen zu vergiften und schuld an der Krankheit zu sein – mit fatalen Folgen. Europaweit kam es zu Pogromen, bei denen teilweise jüdische Gemeinden komplett ausgelöscht wurden.

Warum alle Verschwörungserzählungen potentiell antisemitisch sind

Eine Krise wie die derzeitige Pandemie kann bei Menschen ein Gefühl von Kontrollverlust und Unsicherheit auslösen. Studien zeigen wiederum, dass Menschen aufgrund eines gefühlten oder tatsächlichen Kontrollverlusts eher die Tendenz aufweisen, an Verschwörungserzählungen zu glauben. „Eine Verschwörungserzählung ist immer potentiell antisemitisch“, sagt Melanie Hermann, die sich im Rahmen des Projekts No World Order der Amadeu Antonio Stiftung mit Verschwörungsideologien auseinandersetzt.

Um den Grund dafür zu begreifen, muss man sich zunächst anschauen, was eine Verschwörungserzählung ist. In ihrem Buch Fake Facts unterscheiden Katharina Nocun und Pia Lamberty zwischen Verschwörungserzählungen und -ideologien. Erstere sind einzelne Erzählungen, zum Beispiel: Hinter den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 steckt die US-Regierung selbst. Bei einer Verschwörungsideologie wird hingegen die ganze Welt als Ort von Verschwörungen wahrgenommen – hinter jedem großen Ereignis stecken vermeintlich dunkle Mächte.

In dem Moment, in dem man versucht, komplexe gesellschaftliche Verhältnisse auf eine Ursache runterzubrechen, liegt es nahe, dass man irgendwann bewusst oder unbewusst auf antisemitische Erklärungsstrukturen zurückgreift.

Melanie Hermann

Eine Verschwörungserzählung muss nicht zwingend antisemitisch sein – aber sie hat das Potenzial, es zu werden. Grund dafür ist unter anderem die sogenannte Verschwörungsmentalität: Menschen, die an eine Verschwörungserzählung glauben, so erklärt Katharina Nocun, stimmen häufig auch anderen Erklärungen dieser Art zu. So wird aus dem Glauben an eine einzelne Verschwörungserzählung schnell eine Verschwörungsideologie.

Bei einem Menschen, der eine hohe Verschwörungsmentalität aufweist, steigt damit auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Person antisemitische Ressentiments vertritt. „Dieser Zusammenhang wird plausibel, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Antisemitismus selbst als Verschwörungstheorie funktioniert, ist doch die gegen Jüdinnen und Juden gerichtete Zuschreibung von (geheimer) Macht und Einfluss ein integraler Bestandteil antisemitischer Ideologie“, schreibt Anders Denken, eine Onlineplattform für Antisemitismuskritik. Jüdinnen*Juden wird in diesem konspirativen Denken zugeschrieben, als Drahtzieher*innen hinter bestimmten Ereignissen zu stecken und die Medien, das Finanzsystem oder die Politik zu kontrollieren. Politiker*innen oder Journalist*innen seien demnach nichts anderes als gesteuerte Marionetten.

Antisemitismus ist nicht mit dem NS-Regime untergegangen.

Melanie Hermann

Eine Person, die an ein geschlossenes verschwörungsideologisches Weltbild glaubt, bediene immer auch antisemitische Erzählungen, so Melanie Hermann. Grund dafür sei, dass bei einer Verschwörungsideologie immer davon ausgegangen wird, dass eine kleine, geheime, mächtige Elite hinter allem steckt – ein antisemitisches Narrativ, das gesellschaftlich fest verankerte Vorurteile über Jüdinnen*Juden bediene.

Folgende Zuschreibungen werden laut der Amadeu Antonio Stiftung (PDF) schon seit Jahrhunderten Jüdinnen*Juden angeheftet:

  • sie würden im Geheimen Böses tun,
  • sie seien Agent*innen des Bösen,
  • sie würden Christ*innen vergiften,
  • und Kinder in Ritualmorden töten,
  • traditionelle Geschlechterbilder zerstören wollen,
  • seien verschlagen und wollten betrügen,
  • würden Finanzwirtschaft, Regierungen und die Medien kontrollieren,
  • hätten den Kommunismus erfunden,
  • würden die Weltherrschaft anstreben.

Diese Vorurteile werden häufig in Verschwörungserzählungen reproduziert – auch, wenn dabei nicht immer explizit von jüdischen Menschen gesprochen wird.

Was, wenn Jüdinnen*Juden gar nicht explizit als die vermeintlichen Verschwörer*innen genannt werden?

Eine Verschwörungsideologie ist nicht nur dann antisemitisch, wenn Jüd*innen klar als die Schuldigen benannt werden. „Seit der Schoa, also der versuchten Auslöschung der europäischen Jüdinnen und Juden und der millionenfachen Ermordung, gab es insbesondere in Deutschland eine Notwendigkeit, sich nicht mehr offen antisemitisch zu äußern“, sagt Hermann. Ein Grund dafür sei, dass bestimmte Aussagen in Deutschland strafrechtliche Relevanz hätten – zum Beispiel die Leugnung des Holocaust.

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„Gleichzeitig ist der Antisemitismus nicht mit dem NS-Regime untergegangen“, sagt Hermann. Er hätte sich einfach andere Verkehrsformen gesucht. Mittlerweile trete er im öffentlichen Diskurs häufig in Form von Codes oder Chiffren auf. Diese Form des Antisemitismus nennt man sekundären oder Post-Schoa-Antisemitismus. Ausnahme seien bekennend rechtsextreme Kreise, in denen auch heutzutage keine Scheu herrsche, antisemitisch zu sein.

Die Autor*innen Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz haben in ihrem Buch Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert diese Codes und Chiffren analysiert. So wird aus dem Satz „Die Banker an der Ostküste beeinflussen Amerikas Politik“ nicht sofort klar, dass es sich um eine antisemitische Aussage handelt. Die Phrase sei jedoch eine gängige Paraphrase für US-amerikanische Jüdinnen*Juden, schreiben die Autor*innen. Ähnlich sei es mit Aussagen wie „Jene, die in unserem Land das Sagen haben“ – auch hier wüssten Leser*innen kontextuell sofort, wer gemeint sei.

„In dem Moment, in dem man versucht, komplexe gesellschaftliche Verhältnisse auf eine Ursache runterzubrechen und gleichzeitig seine eigenen Gefühle wie Unsicherheit oder Kontrollverlust unterdrückt, liegt es nahe, dass man irgendwann bewusst oder unbewusst auf antisemitische Erklärungsstrukturen zurückgreift“, sagt Melanie Hermann. Diese Strukturen seien etwas, das einer*m zumindest subtil bekannt sei, da sie sich gesellschaftlich so verfestigt hätten.

Leute finden oft relativ direkt einen Weg, eine Verbindung zu etwas Jüdischem herzustellen – oder zu etwas, das als jüdisch gedeutet wird.

Melanie Hermann

Was bedeutet das für Verschwörungserzählungen rund um die Corona-Pandemie?

Rund um die Corona-Pandemie werden derzeit ebenfalls Verschwörungserzählungen verbreitet, die nicht auf den ersten Blick antisemitisch sind. Zum Beispiel, dass Bill Gates von einem Impfstoff finanziell profitieren würde und mithilfe der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die er angeblich kontrollieren würde, die ganze Welt zwangsimpfen wolle. Dieser antifaktischen Geschichte wird vorgeworfen, antisemitisch zu sein – obwohl Bill Gates kein Jude ist.

Für Melanie Hermann manifestiert sich in dieser Geschichte die Vorstellung, dass alles, was in der Welt passiere auf eine einfache Ursache zurückzuführen sei. „In dieser Welt tut die vermeintlich schuldige Person etwas nur aus Gier, Arglist oder Machtsucht. Komplexe gesellschaftliche Vorgänge werden so auf die niederen und abzuwertenden Interessen von mächtigen Einzelpersonen oder kleinen Gruppen von Personen runtergebrochen.“ Und dieses Narrativ sei historisch antisemitisch aufgeladen.

Hinzu komme, dass – wenn man genauer nach Namen und Zahlen frage – schnell von weiteren, versteckten dunklen Mächten gesprochen werde. „Das wird dann beispielsweise daran festgemacht, wer in welcher Aktiengesellschaft mit drinsteckt“, sagt Hermann. „Leute finden oft relativ direkt einen Weg, eine Verbindung zu etwas Jüdischem herzustellen – oder zu etwas, das als jüdisch gedeutet wird.“

Ähnlich sei es mit anderen Narrativen, die man um die Corona-Pandemie beobachte: Auf den Demos gegen die Eindämmungsmaßnahmen hetzen Leute immer wieder gegen „die da oben“, fragen, wer von all dem profitiere oder sehen in den Eindämmungsmaßnahmen die ersten Anzeichen einer neuen Weltordnung, die durchgesetzt werden solle. Bei all diesen Verschwörungserzählungen werden komplexe Sachverhalte stark vereinfacht, die Schuld einer meist vagen Gruppe mächtiger Menschen zugeschrieben.

Bin ich eine Antisemit*in, wenn ich gar nicht weiß, dass ich antisemitische Codes und Chiffren verbreite?

Laut Melanie Hermann funktioniere die Codierung antisemitischer Inhalte so gut, dass viele Menschen gar nicht wüssten, dass sie mit ihren Aussagen antisemitische Narrative reproduzieren. „Das Problem ist: Dem Antisemitismus ist es egal, ob einer*m das bewusst ist oder nicht“, so Hermann. Solche Diskurse speisten sich aus Stereotypen, die laut Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz im kulturellen und kommunikativen Gedächtnis verankert seien – auch nicht beabsichtigte Reproduktionen würden dazu beitragen, diese Stereotype zu erhalten.

Teilnehmer*innen ihrer Workshops rät Hermann immer, sich intensiv mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu beschäftigen, die man kritisieren möchte. „Es ist ein großes Problem im deutschen Diskurs, dass es sehr viel mehr Menschen beschäftigt, ob man jemanden eine*n Antisemit*in nennen darf oder nicht, anstatt sich damit zu beschäftigen, wie man sich eben nicht antisemitisch äußert: indem man nämlich verstanden hat, was das Problem ist“, sagt Hermann.

Den Leuten, die zu den sogenannten Hygienedemonstrationen gehen, hält sie vor, dass sie, auch wenn sie selbst vielleicht ein anderes Weltbild haben, dort Leuten den Rücken stärken, die menschenfeindliche Ideologien verbreiten. „Da wird offen der Holocaust geleugnet“, kritisiert sie. „In dem Fahrwasser gibt es extremen Rassismus gegenüber Menschen, die als asiatisch gelesen werden. Die Leute möchten ja ernst genommen werden, sonst würden sie nicht auf die Demos gehen. Und wenn man ernst genommen werden will, dann muss man sich auch mit seiner Menschenfeind*innenschaft ernst nehmen lassen.“

Wie erkenne ich Antisemitismus?

Laut dem Soziologen Thomas Haury gibt es drei Merkmale, anhand derer man ein antisemitisches Weltbild erkennen kann: Antisemitismus liegt demnach vor, wenn über Vorurteile gegenüber Jüdinnen*Juden eine Identität hergestellt wird, also ein Kollektiv, eine Wir-Gruppe. Hinzu kommt ein manichäisches Weltbild: Alles ist entweder gut oder böse, es gibt keine Zwischentöne. Meistens wird der*die Feind*in dabei eindeutig benannt. Außerdem werden gesellschaftliche Prozesse personifiziert: Es wird angenommen, dass bestimmte Personen oder Personengruppen hinter Ereignissen stecken.

Anhand dieser Merkmale zeigt sich auch die unentrinnbare Nähe zu Verschwörungsideologien: „Beide basieren auf einem Weltbild, in dem ein ständiger Kampf zwischen Gut und Böse tobt“, sagt Melanie Hermann. „Das Böse in diesem Weltbild ist immer das absolut Böse, also etwas wird nicht böse, weil es böse Dinge tut, sondern es tut böse Dinge, weil es so böse ist.“ Beide würden die Verantwortung für Leid – insbesondere das, was man selbst nicht richtig verstehen könne – auf eine Person oder Personengruppe projizieren. Bei beiden schaffe die Erzählung, dass man kurz vor der Apokalypse stehe und das Böse abwehren müsse, eine Gruppenzugehörigkeit.

Warum ist antisemitisches Verschwörungsdenken so gefährlich?

„Beide legitimieren, weil sie eine Notwehrsituation kreieren, gewaltvolles Verhalten“, sagt Hermann. Das bestätigt auch Katharina Nocun. Sie nennt Verschwörungsideologien „Radikalisierungsbeschleuniger“. Welche fatale Rolle insbesondere explizit antisemitische Verschwörungsideologien einnehmen, sieht man am Rechtsterrorismus der vergangenen Jahre:

Der Attentäter von Halle glaubte beispielsweise, dass jüdische Personen eine Umvolkung planen, bei der die europäische Bevölkerung durch muslimische Einwander*innen ausgetauscht werden würde. Bei einem Anschlag, der eigentlich Besucher*innen einer Synagoge treffen sollte, ermordete er zwei Menschen.

Auch der Holocaust wäre letztlich ohne die politische Instrumentalisierung antisemitischer Verschwörungsideologien so nicht möglich gewesen, sagt Melanie Hermann. Die NS-Propaganda bediente sich hierfür beispielsweise der Protokolle der Weisen von Zion, ein gefälschter Text, der von einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung erzählt. „Der Text diente den Nationalsozialist*innen als Beleg dafür, dass sie sich eigentlich in einem Abwehrkampf befinden“, sagt Hermann.

Findet man antisemitisches Verschwörungsdenken nur in extrem rechten Kreisen?

Für Hermann kommt rechtsextreme Ideologie im Kern nicht ohne antisemitische Verschwörungsideologien aus. Grund dafür ist, dass diese immer von einer Sehnsucht nach einer völkischen Identität angetrieben wird. „Diese Identität ist ein Mythos, es gibt sie nicht und hat sie nie gegeben“, sagt Hermann. Trotzdem wird so getan, als käme man zu diesem vermeintlichen Naturzustand zurück, wenn man sich des sogenannten „inneren Zersetzers“ entledige. „Es muss ja eine Erklärung dafür geben, warum das alles noch nicht so aufgeht, wie man sich das vorstellt. Ohne den übermächtigen Feind, der von innen heraus das Volk gefährdet, funktioniert der völkische Mythos nicht“, so Hermann.

Antisemitismus war nie nicht Bestandteil der bürgerlichen Mitte.

Melanie Hermann

Gleichzeitig betont sie, dass antisemitische Verschwörungsideologien bei weitem nicht nur an den Rändern der Gesellschaft angetroffen werden. Das zeigt auch die Mitte-Studie, die rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung misst. Darunter auch die Neigung, an Verschwörungserzählungen zu glauben.

Der Aussage „Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“, stimmen in der aktuellen Studie fast 46 Prozent der Befragten zu. Hier werden Jüdinnen*Juden nicht klar als Schuldige benannt, aber die Eigenschaften rekurrieren auf antisemitische Vorurteile – die Aussage lässt sich demnach als antisemitisch einstufen. Der offen antisemitischen Aussage „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß“, stimmen immerhin noch 10 Prozent der Befragten voll und ganz zu.

„Antisemitismus war nie nicht Bestandteil der bürgerlichen Mitte“, sagt Melanie Hermann. „Weder während des Nationalsozialismus noch während irgendeiner Zeit danach.“

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