Warum viele junge Frauen lieber Karriere machen, als Beziehungen zu führen

Laut einer Studie scheinen junge Frauen das Single-Dasein als das zu begreifen, was es schon immer sein konnte: Ein großes Ja zu sich selbst. Eine Kolumne

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Ein Hoch auf das Singleleben! Foto: Bruce Dixon / Unsplash | CC0

Romantische Liebe ist etwas Schönes. Ehrlicherweise aber auch etwas, das viel Zeit kostet. Beziehungen sind viel Arbeit. Und das ist weder schlecht noch gut, es ist einfach so. Aber ist das der Preis, den man zahlen muss? Offensichtlich sind viele junge Frauen nicht mehr bereit, diese Rechnung ohne Weiteres zu begleichen. Das zeigen die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage von Tinder. 1.000 Singles wurden dafür befragt, warum sie denn nun single sind.

Ein Drittel (34 Prozent) der befragten Frauen nannte die Karriere als Grund oder auch das Studium, in das sie lieber ihre Zeit und ihre Kraft investieren wollten als in eine Beziehung. Bei den Männern waren es etwas weniger, die ihre Arbeit vor eine Beziehung stellten (28 Prozent). Und gar 68 Prozent der Frauen gaben an, sich schon bewusst gegen eine Beziehung entschieden zu haben, weil sie sich lieber auf sich selbst konzentrieren wollten.

Schluss mit dem Label „beziehungsunfähig“

Während die einen nun wieder wegen der vermeintlichen Gefühlskälte und der Generation Beziehungsunfähig aufjaulen werden, gibt sich Tinder in seiner Pressemitteilung zu den Ergebnissen begeistert. Da heißt es: „Wir haben es ja schon lange gewusst: deutsche Frauen sind Powerfrauen!“ Natürlich musste nun wieder der Begriff Powerfrau hinter dem Ofen vorgeholt werden, hinter dem er eigentlich so lange verstauben könnte, bis wir dazu übergehen, bei Männern auch von echten Powermännern zu sprechen, wenn sie irgendwas (vermeintlich) Starkes machen oder leisten.

Es ist eine ziemlich legitime Entscheidung, seine Kraft lieber in die Arbeit zu stecken als in Zwischenmenschliches, und sich auf sich selbst zu konzentrieren, statt romantischen Nestbau zu betreiben. Aber braucht es dafür eine überzogene Pressemitteilung? Ein High-Five?

Sich selbst in den Mittelpunkt seines Lebens stellen

Vielleicht schon, denn die Selbstverwirklichung im Job und nicht im Privaten zu suchen oder die Selbstverwirklichung auf beide Bereiche auszudehnen, ist für eine weibliche Biografie immer noch weniger selbstverständlich als für eine männliche. Das Leben ohne feste*n Partner*in also ganz natürlich als möglich zu betrachten, ist für Frauen eher neu. Und auch die Entscheidung, sich selbst ohne Abstriche in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen und sich nicht in erster Linie liebevoll um andere zu sorgen und sie auch (emotional) versorgen zu wollen, ist auch nichts, was Frauen ohne Weiteres und wertfrei zugestanden wird. Mit Power hat all das aber wenig zu tun, sondern einfach damit, ein Leben nach ganz persönlichen und individuellen Vorstellungen zu führen. Und nicht anhand von Geschlechterstereotypen oder Lebensläufen nach Blaupause.

Tinder kann das Kuppeln allerdings nicht ganz lassen. Denn zu guter Letzt kommt noch eine sogenannte Datingexpertin zu Wort, um den Single-Ladies, die eben noch Karrierefrauen waren, dann zu erklären, was sie von ihrem Arbeitsleben fürs Dating lernen können. Etwa wie im Job auch seine Stärken herauszustellen, dass man seine Zeit weder mit langweiligen Meetings noch mit langweiligen Dates verschwenden soll oder dass frau doch echt den Mut zusammennehmen soll, um bei dem Wunsch, ein zweites Date zu haben, das doch einfach auch zu sagen. Irgendwie verpufft da die hochgejazzte Power schon wieder so schnell, wie sie angedichtet wurde. Dem neuen Selbstbewusstsein der Frauen scheint man noch nicht so ganz zu trauen.

Und doch irgendwie ein schöner Gedanke, dass sich viele jüngere Frauen nicht mehr grüblerisch mit Labeln wie beziehungsunfähig auseinandersetzen, sondern single-Sein auch schlicht als das begreifen, was es schon immer sein konnte: Ein großes Ja zu sich selbst. Nämlich, indem sie einfach sagen, was Phase ist, wo ihre Prioritäten liegen und dann auch danach handeln. Wie Powermenschen eben.

Aber man könnte auch grundsätzlich fragen, warum wir in einer Welt leben, in der einige das Gefühl haben, sich zwischen Beruf und Beziehung entscheiden zu müssen. Und ob nicht viel mehr Kraft in der Idee steckt, sich ein Leben gestalten zu können, in dem man sich nicht entscheiden muss.


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

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