Warum viele Studierende mit Depressionen sich erst spät Hilfe suchen

Studium, beste Zeit des Lebens? Nicht für alle. Jede*r sechste Studierende war schon wegen psychischer Probleme in Behandlung. Marcel ist einer von ihnen und will aufklären.

Depression_Studierende_Studium_Uni

Über psychische Krankheiten und den Umgang damit wird an Universitäten kaum offen gesprochen. Foto: Jonathan Rados / Unsplash | CC0

Drei Mal klopft es laut an der roten Zimmertür, aber Marcel Bischofberger kann sie nicht öffnen. Ein „Herein!“ oder „Ja?“ bekommt er nicht über die Lippen. Wie versteinert steht er hinter der Tür seines Zimmers im Wohnheim für Studierende, sein Herz rast. Er hat Angst. Wer ist das? Was will er von mir? Gleich darauf schiebt jemand einen Zettel unter dem Türschlitz durch. Es ist die Einladung zu einem geselligen WG-Abend. Etwas, das Marcel schon sehr lange nicht mehr gemacht hat. Seit Wochen schläft er viel, verlässt tagelang nicht sein Zimmer, isst kaum. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Er hat Depressionen.

Knapp eine halbe Million der 18- bis 25-jährigen Studierenden in Deutschland waren laut einer Studie der Barmer Krankenkasse mindestens einmal wegen psychischer Probleme bei Ärzt*innen, das ist jede*r Sechste*r. Jede*r Zwanzigste*r hat Depressionen wie Marcel. Und es werden immer mehr. „Wir haben im letzten Studienjahr 858 Beratungsgespräche geführt, das waren zwölf Prozent mehr als im Jahr davor“, sagt Psychologe Volker Koscielny von der psychologischen Beratungsstelle der Universität Münster. Das sind nur die Zahlen derer, die sich Hilfe suchen, hinzu kommt die Dunkelziffer. Dabei müsste es gar nicht so weit kommen. Eigentlich gibt es Anlaufstellen für Studierende, die überfordert sind, die Ängste haben und nicht mehr weiter wissen. Sie sollen verhindern, dass aus Problemen Krankheiten entstehen. Doch viele scheuen sich, sie rechtzeitig zu nutzen.

Psycholog*innen sehen eher die Angst der Betroffenen vor dem Stigma, als das Stigma selbst

Spricht man mit Therapeut*innen und Betroffenen, stellt sich heraus, dass über psychische Krankheiten und den Umgang damit an Universitäten kaum offen gesprochen wird. Stattdessen versuchen viele zu lange, alleine zurechtzukommen. Marcels Moment an der Tür liegt inzwischen fünf Jahre zurück, 23 war er damals. Heute weiß er: „Ich hätte mir früher Hilfe suchen müssen.” Das Klopfen damals war ein Weckruf. Noch in derselben Nacht schrieb er eine E-Mail an die Beratungsstelle des Studierendenwerks München. Er erinnert sich noch genau daran, wie er auf dem Bett saß, um ihn herum die weißen, kahlen Wände seines kleinen Zimmers. Zum Einrichten und Dekorieren hatte ihm in den Monaten seit seinem Einzug die Kraft gefehlt.

Angefangen hatte es mit der Trennung von seiner Freundin. Er litt unter Liebeskummer, zog sich immer weiter von Familie und Freund*innen zurück. „Für mich war es wie ein großes Nichts. Leere, mit der ich einfach abschließen wollte.” Einige Tage nach der E-Mail sprach Marcel mit einem psychologischen Berater des Studierendenwerks, der ihn an einen festen Therapeuten vermittelte. Volker Koscielny ist seit 15 Jahren so ein Berater. Sein Büro am Schlossplatz in Münster ist klein und schlicht eingerichtet: Landschaftsbilder an den Wänden, Zimmerpflanzen auf der Fensterbank. Wer hier angekommen ist, hat einen wichtigen Schritt getan. Einen, der vielen nicht gelingt: Knapp ein Drittel derer, die zu ihm kämen, täten dies zu spät. Dabei sind psychische Krankheiten längst kein gesellschaftliches Tabu mehr. Fachleute wie Koscielny sehen eher die Angst der Betroffenen vor dem Stigma, als das Stigma selbst.

Beim studentischen Zuhörtelefon Nightline ist alles anonym

„Wir beobachten, dass es tabu-beladen ist, selbst psychische Probleme zu haben“, sagt Koscielny. Bei anderen sehen viele junge Erwachsene die Notwendigkeit, Unterstützung von außen zu holen. Betrifft es sie selbst, gestehen sie sich aber nicht ein, dass sie Hilfe brauchen.” David Ebert, Psychologe an der Universität Erlangen-Nürnberg sieht noch einen anderen Grund dafür, dass viele nicht zu Ärzt*innen gehen: Sie nähmen sich nicht als krank wahr und wollten alleine mit ihrer persönlichen Last zurechtkommen. Sie bräuchten niedrigschwellige Angebote, die nicht gleich therapeutischen Charakter haben.

Genau da setzt die Nightline an. Ein Zuhörtelefon von Studierenden für Studierende, das es an 16 Universitäten in Deutschland gibt. Das oberste Prinzip: absolute Anonymität. Niemand darf wissen, wer für die Nightline arbeitet, niemand darf wissen, wo das Büro ist. Selbst die Farbe der Möbel soll geheim bleiben. Damit will die Nightline Betroffenen die Angst nehmen: „Die Anrufer sollen sich anonym aufgehoben fühlen“, sagt Sarah Müller, die in München Jura studiert und ihren richtigen Namen – gemäß der Philosophie der Nightline – nicht nennen will. Sie wollte sich neben ihrem Studium noch sozial engagieren.

So sind auch viele ihrer Kolleg*innen zur Nightline gekommen. Studienfach und Alter sind für ihre Mitarbeit nicht relevant. Bevor sie mit dem Telefondienst anfangen, erhalten sie zwei Tage lang Gesprächsschulungen. Sinn der Nightline ist es laut Müller, nicht zu beraten, sondern zuzuhören. Wenn der*die Anrufer*in schwere Probleme hat, vermitteln sie ihn an professionelle Berater*innen. Im Durchschnitt rufen pro Woche gerade einmal vier Studierende bei der Nightline in München an. Der Nachteil der absoluten Anonymität: Viele kennen das Angebot nicht. Auch Marcel wusste nichts davon. Erst in der Beratungsstelle entdeckte er zufällig ein Kärtchen. Das Zuhörtelefon wurde zu einem wichtigen Begleiter für ihn.

Trotzdem glaubt er, es bräuchte mehr. Er findet, dass psychische Krankheiten als genauso normal angesehen werden sollten wie andere. „Wenn ich Zahnschmerzen habe, gehe ich doch auch zu Ärzt*innen.“ Sein BWL-Studium hat Marcel inzwischen abgeschlossen, jetzt organisiert er Podiumsdiskussionen und Aktionswochen zur seelischen Gesundheit im Studium: „Mir ist es wichtig, dass wir darüber sprechen.“ Einmal die Woche geht er noch zur Therapie. Ein Klopfen an der Tür soll ihn nie wieder so ängstigen.

HILFE HOLEN

Fühlst du dich schon länger antriebslos und plagen dich vielleicht sogar Suizidgedanken? Bei der Telefonseelsorge findest du online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen, welche Form der Therapie dir helfen könnte.