Warum wir alle mehr Fotoabende machen sollten

Nur weil es Instagram gibt, dürfen wir nicht aufhören, unsere Urlaubsfotos herzuzeigen. Beamer an und Ohren auf!

Warum wir alle wieder mehr Fotoabende machen sollten

Fenster verdunkeln und Nostalgie an! Foto: John Gibbons / Unsplash | CC0

Sie trifft sich mit ihren Freund*innen zum Potopisec, erklärt meine Mitbewohnerin im Vorbeigehen. „Zum Poto-was?“, frage ich. „Na, zum Fotoabend.“ „In einer Bar?“, hake ich nach. Sie bejaht, als wäre es die gängigste Feierabendbeschäftigung.

Meine Freundin geht oft zu einem Potopisec – gerade im Sommer. Mal in Bars, mal bei jemandem zu Hause, auch ihren eigenen Potopisec plant sie. Potopisec ist slowenisch und bedeutet übersetzt in etwa Bilderabend, aber es geht um viel mehr als das. Potopisec ist nicht nur ein Fotoabend, es ist ein kommunikatives Ritual.

Ein richtiger Potopisec ist nicht nur ein Fotoabend, es ist ein kommunikatives Ritual.

Wortwörtlich heißt Pot Weg oder Straße und Pisec Autor*in oder Schreiber*in. An diesem Abend geht es um den Balkantrip von Freundinnen. Meine Mitbewohnerin lauscht stundenlang ihren Geschichten, sieht sich die Fotos auf einer Leinwand an und isst Ćevapčići. Sie erklärt mir, dass der Potopisec aus Zeiten stammt, in denen es sich die wenigsten leisten konnten, selbst auf lange Reisen zu gehen. Die Fotoabende waren für viele Menschen der einzige Weg, etwas außerhalb der Landesgrenzen zu sehen.

Heute ist Fliegen so günstig wie nie zuvor und Fernreisen nach Thailand oder Australien sind für viele keine Besonderheiten mehr. Und trotzem wissen wir abgesehen von Bildern oft erschreckend wenig über andere Länder. Und alle Orte einmal um die Welt zu besuchen, werden auch heute die meisten Menschen nicht schaffen, außer man hat das Glück, hauptberuflich Reise-Blogger*in zu sein oder reiche Eltern zu haben, die eine niemals endende Weltreise finanzieren.

Gibt es nicht genau dafür Instagram?

Gibt es nicht genau dafür Instagram? Nicht ganz. Meistens teilen wir auf Instagram nämlich nur die schönen Momente, gestellte Bilder und Foodporn. Dabei macht eine Reise viel mehr aus: wie man sie plant und vorbereitet, wo man schläft, welche Menschen man kennenlernt, wie man die Kultur im Land wahrnimmt. Habe ich mich als Frau nachts allein auf den Straßen sicher gefühlt? Wie sollte ich mich kleiden? Was brauche ich für die Reise unbedingt? Welche Orte kann ich getrost auslassen? Welches Hotel war ein Reinfall, welcher Wasserfall total überlaufen? Ein Potopisec soll ein ehrlicher Reiseführer sein.

Aber nicht nur die Reisetipps stehen an diesen Abenden im Vordergrund, sondern natürlich auch, dass sich endlich mal jemand richtig Zeit nimmt, die Urlaubsfotos anzusehen und den Geschichten zu lauschen. So werden in kleinen Runden auch mal die Knutscherei am Lagerfeuer erzählt oder berührende Geschichten von Einheimischen.

Fenster verdunkeln und Nostalgie an

Das Ritual ähnelt den altehrwürdigen Dia-Abenden: Alles abdunkeln, ein Laken an den Schrank im Wohnzimmer hängen, Projektor an und schon ist eine riesige Kugel Eis vom letzten Gardaseeurlaub ins Wohnzimmer projeziert. Wer den Diavortrag besonders amüsant gestaltete, konnte Familie und Freund*innen stundenlang dazu bringen, sich alte Urlaubsfotos reinzuziehen. Auch wenn die Reihenfolge der Urlaubsfotos irgendwo zwischen Kindesalter und Abizeit wild herumsprang, das Scharfstellen nie funktionierte und das ein oder andere Dia falsch herum auf die Leinwand projiziert wurde. Den Kopf drehen und die Augen zusammenkneifen ist bei Potopisec nicht mehr nötig. Die Fotos und Videos werden meist mit einem Beamer an die Wand geworfen.

Potopisec ist eine Möglichkeit, Länder und Orte kennenzulernen, ohne jemals dort gewesen zu sein.

Ist ein Fotoabend nicht genauso egoistisch und narzisstisch wie die Feel-Good-Instagram-Sonnenuntergangsfotos? Schließlich sitzt man auf einer Art Bühne und labert seine Freund*innen mit den eigenen Erfahrungen zu?

An einem Fotoabend entscheiden sich alle freiwillig zu kommen, man kann also getrost seine Bekannten mit Urlaubsgeschichten volllabern und die Bilder in eigener Geschwindigkeit zeigen. Denn am Ende geht es tatsächlich um ein Teilen der Erfahrungen. Inhalte prasseln dabei nicht nur auf einen ein, sondern man reagiert auch. Kann Fragen stellen oder nachhaken. Am Ende soll ein Potopisec ein lustiger gemeinsamer Abend sein, bei dem man im Idealfall etwas gelernt hat, ein Austausch entstanden ist und alle viel gelacht haben.

Potopisec ist eine Möglichkeit, Länder und Orte kennenzulernen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Bei der nächsten Party mitreden zu können, wie nun die Ćevapčići in Sarajevo waren, ohne sie selbst gegessen zu haben.

Beim Potopisec wird ein Land natürlich auch durch die touristische Brille wiedergegeben, aber zumindest auf ehrlichere Art und Weise. Während all der Selbstinszenierung und Fear of missing out tut es gut, sich mal zurückzulehnen, sich über die Reise von Freund*innen zu freuen und ihnen wirklich zuzuhören – ohne selbst irgendwas posten zu müssen. Das kann mindestens so entspannend sein, wie selbst zu reisen.