Warum wir an Weihnachten wieder mehr singen sollten

An Heiligabend lassen wir uns gern von festlicher Musik berieseln. Dabei macht selbst singen nicht nur glücklicher, sondern ist auch gesünder.

Spirit Of Christmas
"O Tannenbaum, o Tannenbaum ..." Foto: Keystone/Getty Images

„Stilleeee Naaacht, heiliiige Naaaacht“ – dann plötzlich sehr hoch – „alles schläft, einsam wacht …“. Während ich diese Töne mehr krächze als singe, schaue ich in unsere kleine Runde. Meine Familie steht mit Notenblättern in der Hand da, hinter uns erhebt sich der geschmückte Tannenbaum, auf dem Couchtisch stehen Sektgläser kreuz und quer. Jap, es ist Weihnachten.

Obwohl wahrscheinlich fast jede*r Kindheitserinnerungen ans gemeinsame Singen hegt, zählen wir mit unserer Gesangseinlage heute eher zu einer Minderheit. Laut einer Umfrage singen nur noch weniger als die Hälfte aller Deutschen an Heiligabend Weihnachtslieder. Dabei zeigen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, wie gut das tut, sowohl seelisch als auch körperlich.

Singen macht gesund

Wer singt, stärkt das Immunsystem, fanden Wissenschaftler*innen der Goethe-Universität in Frankfurt am Main heraus. Sie untersuchten Speichelproben der Mitglieder eines Kirchenchores bevor und nachdem sie das Requiem von Mozart gesungen hatten. Dabei kam heraus: Nach der Chorprobe hatten sich die Immunglobuline A, die in den Schleimhäuten sitzen und Krankheitserreger bekämpfen, stark vermehrt. Bei den Mitgliedern, die sich die Musik nur passiv anhörten, blieb die Anzahl der Antikörper gleich.

Gleichzeitig kann Singen unser Herz-Kreislauf-System verbessern. Schwedische Wissenschaftler*innen stellten fest, dass sich bei Menschen, die im Chor singen, die Herzfrequenzen angleichen und stabilisieren, ein ähnlicher Effekt wie durch Atemübungen beim Yoga. Und wer die richtige Singtechnik beherrscht – bis in den Bauch und nicht nur bis in den Brustkorb atmen – kann dadurch den Brustkorb entspannen und die Rückenmuskulatur kräftigen. Die effiziente Atmung regt außerdem den Stoffwechsel an, die Organe und das Gehirn werden besser durchblutet, die Konzentrationsfähigkeit steigt.

O du fröhliche!

Dass sich beim Singen bereits nach kurzer Zeit auch die Stimmung verändert, dürfte jede*r selbst schon einmal gespürt haben. Einige Krankenhäuser in Deutschland arbeiten deshalb bereits regelmäßig mit Musiktherapeut*innen zusammen. Schon nach einer halben Stunde Trällerei schüttet unser Gehirn vermehrt stimmungsaufhellende Hormone wie Beta-Endorphine und Serotonin aus. Gleichzeitig gehen die Anteile der Stresshormone wie Cortisol zurück. Eine gewisse Glückseligkeit setzt ein. Was will man an Weihnachten mehr?

Trotzdem streamen wir heutzutage lieber Christmas Hits auf Spotify, statt selbst zu singen. Das liegt nicht nur an unserer Bequemlichkeit: Viele Zeilen der Klassiker wie O du fröhliche wirken zudem veraltet und in Zeiten, in denen immer weniger Menschen stark christlich geprägt sind, befremdlich („Freue, freue dich, o Christenheit!“). Verständlich, wer da keine Lust drauf hat. Am Ende geht es aber gar nicht so sehr darum, was, sondern dass man gemeinsam singt. Probiert es doch mal aus.