Warum wir aufhören müssen, Bisexuelle zu stigmatisieren

Wir fordern Rechte für LGTBQ, aber haben doch eine Gruppe vergessen: Bisexuelle Menschen fühlen sich nicht ernst genommen.

„Das ist nur eine Phase! Du musst dich mal entscheiden!" – „Ich muss gar nichts!" © Pexels II CCO

Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur.

„Mama, ich bin bisexuell“ – Zarah ist 16 Jahre alt, als sie sich outet. Sie kommt aus einer ziemlich toleranten Hippie-Familie. Aber die Reaktion ihrer Mutter haut Zarah um: „Ja, Schwule sind okay und Lesben sind auch okay. Aber Bisexuelle sind nicht okay. Weil die haben kein Rückgrat. Die können sich nicht entscheiden.“ Heute ist Zarah 35 Jahre alt und diese Worte sind ihr niemals wieder aus dem Kopf gegangen. Darüber gesprochen haben sie und ihre Mutter bis heute nie wieder.

Zarah lebt in Berlin und beschreibt ihr Äußeres als sehr weiblich und ihren Humor als den eines Bauarbeiters. Dass sie auf Frauen und Männer steht, erzählt sie selten. Obwohl bei ihrem letzten Job viele ihrer Kolleg*innen homosexuell waren, hat sie sich nicht getraut zu sagen, auf wen sie steht. Sie hatte Angst vor den Reaktionen: „Das sind die richtigen Homos, die leben das nach außen und ich bin halt nur so ein Fake. So ein Teilzeithomo.“ Der Ruf der Bisexuellen innerhalb der LGBTQ-Community ist nicht gerade der Beste.

Dafür gibt es ein Wort: Biphobie!

Bisexuelle Menschen werden im Jahr 2018 noch immer nicht ernst genommen und stigmatisiert. Hier die Top fünf Punkte, welche Reaktionen sich Bisexuelle so anhören müssen, wenn sie sich bei jemandem outen:

  1. Wow, dann hast du ja doppelt so viele möglicher Partner*innen!
  2. Dann kannst du ja vermutlich eh nicht treu sein, oder?
  3. Das ist nur eine Phase! Du musst dich mal entscheiden!
  4. Du verrätst damit uns Schwule und Lesben, ist dir schon klar, oder?
  5. Dachte Bisexualität gibt’s in Wirklichkeit gar nicht …

Das alles ist schlicht biphob. Aber hier kommen die Top fünf Antworten, die Bisexuelle dann oft gerne und geduldig geben:

  1. Nein, mein Suchradius ist nur anders gelagert.
  2. Wenn ich mich in jemanden verliebe und treu sein möchte, dann bin ich es auch. Bisexualität heißt nicht automatisch polyamorös zu sein.
  3. Ich muss gar nichts. Ich liebe ganz einfach Frauen und Männer. Fertig.
  4. Facepalm.
  5. Guck mich an, ich lebe und ich liebe Boys und Girls. So.

Surya Monro ist Aktivistin und Professorin für Soziologie an der University of Huddersfield in Großbritannien. Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten nur sehr wenig über die Wahrnehmung und Identität von Bisexuellen geforscht wurde, hat sie vor drei Jahren ein umfassendes Werk dazu geschrieben. Sie selbst ist auch bisexuell und hat schon viele Enttäuschungen erleben müssen: „Ich war kurz davor mit einer Frau zusammenzukommen und ich habe ihr gesagt, dass ich bi bin. Sie antwortete, dass sie nicht mit Bisexuellen zusammen sein kann. Aber ich könne einen Kuss von ihr bekommen. Ich habe abgelehnt.“

Bisexuelle, erzählt Surya Monro, seien einem sehr großen Minderheitenstress ausgesetzt. Aufgrund der vielen Vorurteile versuchen sie ihre Sexualität zu verbergen und haben deswegen häufiger mentale Probleme als Homos oder Heteros.

Bisexualität ist unsichtbar

Wenn Zarah aus Berlin mit einer Frau zusammen ist, dann ist sie für ihr Umfeld lesbisch. Wenn sie mit einem Typen in einer Beziehung ist, dann ist sie eben heterosexuell. Das beschreibt schon das ganze Dilemma. Bisexuelle müssen sich also jedes Mal ganz klar outen: Achtung, ich bin bisexuell. Ding, ding, ding. In welchen Situationen sollte man so etwas tun? Richtig, es wäre für die meisten vermutlich seltsam sich im Büro auf den Tisch zu stellen und es seinen Kolleg*innen laut zu verkünden.

[Außerdem auf ze.tt: „Kannst du dich nicht entscheiden?“ – 8 Fragen, die Bisexuelle nicht mehr hören können]

Andererseits wäre das gar nicht schlecht, würden das mehr bisexuelle Menschen machen. Laut einer Studie der britischen LGBT-Organisation Stonewall haben nur zwölf Prozent der Bisexuellen das Gefühl, am Arbeitsplatz echte Vorbilder zu erleben. Im Vergleich: Auf dieselbe Frage antworten schwule Männer, dass sie zu 50 Prozent Vorbilder erleben, lesbische Frauen zu 40 Prozent und Transexuelle zu 19 Prozent.

Bisexuelle als Sexobjekt

In Filmen werden Bisexuelle oft dargestellt, weil sie bisexuell sind. Also das ist dann alles, was diese Figuren auszeichnet. Charaktere, die böse, hysterisch, psychopathisch sind. Kurzum: Es wird problematisiert. Die Soziologin Surya Monro sagt, dass bisexuelle Frauen und Männer zu wenig als ganz normale Menschen angesehen werden, die auch ganz normal studieren, Eltern sind und in den Urlaub fahren. „Sie werden nur sexualisiert dargestellt. Das ist außerordentlich problematisch. Es reduziert sie darauf, Sexobjekte zu sein.“

Sichtbar wird Bisexualität oft dann, wenn sich Promis outen. Egal ob Miley Cyrus, Megan Fox oder Bill Kaulitz von Tokio Hotel – einmal vor der Kamera geknutscht, Händchen gehalten oder Andeutungen gemacht, wird Bisexualität zum heißen Trend. Surya Monro regt das ziemlich auf: „Möglich, dass es in der Musikindustrie, beim Film oder im Theater Leute gibt, die sich als bi identifizieren, weil es gerade Trend ist. Aber ich habe noch keine bisexuelle Person getroffen, die das wirklich macht. Warum sollte man? Die Vorurteile in der Gesellschaft sind dann doch zu ausgeprägt.“

Wir sind alle bisexuell

Bisexualität ist in unserer westlichen Kultur etwas, was wir nie gelernt haben zu verstehen. Es passt in keine gelernte Kategorie von Sexualität. Es fehlen die historischen Rollenmuster. Die Wissenschaft führt bis heute eine große Debatte, ob Sexualität aufgrund von Genetik oder Sozialisation entsteht. Es gibt die These, dass die meisten Menschen irgendwie bisexuell sind, auch wenn sie es nicht direkt ausleben oder ausdrücken.

Im Jahr 1948 hat der Sexualforscher Alfred Charles Kinsey 11.000 Männer (einige Jahre später hat er das bei Frauen wiederholt) zu ihren Neigungen befragt. Das Ergebnis: 90 bis 95 Prozent der Bevölkerung sind bis zu einem gewissen Grad bisexuell. Sie haben beim Sex schon einmal an jemanden gleichen Geschlechts gedacht oder jemanden super sexy gefunden. Oder mit jemandem geknutscht. Oder mehr.

[Außerdem auf ze.tt: „Ich fühle mich als bisexueller Mann nicht akzeptiert“]

Der Kinsey-Report ist auch heute noch ziemlich relevant: 49 Prozent der 18- bis 24-jährigen Brit*innen geben an, nicht zu 100 Prozent heterosexuell zu sein. Diese Generation ist in der Lage, dies offen und ehrlich ausdrücken zu können und darin liegt vielleicht auch die Hoffnung, dass wir endlich offen über Bisexualität sprechen können, ohne dabei Stereotype zu bedienen.

Zarah bezeichnet sich selbst gar nicht so gerne als bisexuell, weil damit eben dieses ungeheure Stigma verbunden ist. Sie verwendet eher Begriffe wie omnisexuell, pansexuell oder einfach nur queer. Begriffe, die auch mehr beinhalten als nur die Geschlechter Mann und Frau.

Zarah sitzt an ihrem Küchentisch in der WG und greift zu ihrem Handy. Sie wählt die Nummer ihrer Mutter, um das Gespräch fortzusetzen, dass sie vor fast 20 Jahren begonnen hat. Es gibt einiges zu klären.


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