Warum wir aufhören sollten, Dates vorher zu googlen

Die Verabredung im Internet auszukundschaften, erscheint vielen so selbstverständlich, dass wir es gar nicht hinterfragen. Sollten wir aber, findet unsere Autorin.

Dating-Google-Dates
Vertrauen ist gut, Kontrolle besser?! Foto: Chris Yang / Unsplash | CC0

Irgendwie macht es jede*r. Bevor man sich auf eine andere Person einlässt – mit welchen Motiven auch immer – erst einmal mit einem kurzen Google-Check die Eckdaten herausfinden: Job, Ausbildung, Social-Media-Profile. Hat mal was bei „Neu in XY“ gepostet? Aha. Hat vor zwei Jahren eine Mitbewohnerin gesucht? Soso. Und dann beginnt für viele der deep dive: Das Instagram-Profil durchscrollen, dabei Freund*innen auschecken, potenzielle Ex-Partner*innen zuordnen, Humor-Level der Posts bewerten.

Urlaube herausfiltern, außerdem Heimatort, Freizeitgestaltung, Beliebtheit, Interessen. Am Ende steht man dann da, bestenfalls mit einem bunten Blumenstrauß an Informationen der Sorte „Hat in Thailand am Strand mal mit einem Sari im Gegenlicht gestanden“ und fühlt sich einer unbekannten Person doch schon irgendwie … ein bisschen nah. Oder zumindest für Small Talk gewappnet.

Denn mit dem Online-Auskundschaften möchte man ja zumeist dem eigenen Kontrollbedürfnis entgegenkommen. Möchte wissen, auf wen man sich da einlässt. Ob der- oder diejenige vielleicht entgegengesetzte politische Ansichten hat, wie lange der*die Ex schon Geschichte ist, ob man es mit einer*m Vegetarier*in zu tun hat oder mit einer*m Esoteriker*in. Extrapunkte gibt’s für gemeinsame Freund*innen oder Quote Cards, die man clever findet.

Und das ist auch alles gut und schön, aber, nur mal so als Idee, vielleicht auch eher kontraproduktiv. Und das gleich aus mehreren Gründen.

1. Täuschung

Das Internet vergisst zwar nicht, aber eine realistische Darstellung unserer Profile liefert es trotzdem nicht. Das weiß jede*r, der schon mal circa 100 Selfies gemacht hat, um auf zumindest einem nicht auszusehen wie ein übermüdetes Stresskissen. Aber nicht nur Bilder täuschen, auch andere Aspekte von Profilen können ein Bild wiedergeben, das dem Realitätscheck nicht standhalten würde.

Es gibt Menschen, die sind äußerst geschickt darin, ihre Online-Präsenz zu, sagen wir mal, optimieren.

Können sie ja gerne machen, aber ob man sich davon beeindrucken lassen will, ohne die Chance hinter die Kulissen blicken zu können, ist halt die Frage. Ich meine: lieber nicht. Denn was dann auch passieren kann, ist, dass wir uns von einem Profil so bezaubern lassen, dass wir es sogar mit dem Menschen selber verwechseln. Womit wir beim nächsten Punkt wären:

2. Pseudo-verlieben

Klingt schräg, aber kommt gar nicht mal so selten vor. Zumindest in Ansätzen. Man versinkt so sehr in einem Profil, dass man sich der Person ganz unweigerlich ein bisschen nahe fühlt. Gleiche Interessen, gleicher Geschmack, ähnlicher Humor und im Handumdrehen imaginiert man schon gemeinsame Urlaube. Doch die Lebenserfahrung zeigt nun mal, dass es zwar Menschen gibt, die wahnsinnig witzig twittern, aber im echten Leben kaum auszuhaltende Selbstdarsteller*innen sind. Menschen, die mit einem Auge für Skurilles auf Instagram punkten, aber nicht im Blick haben, wenn dem*der anderen gerade eine Taube auf den Kopf geschissen hat. Dann ist die Enttäuschung beim Real-Life-Abgleich groß. Oder fällt im schlimmsten Fall erst gar nicht auf, weil man sich schon so ins Profil verliebt hatte.

Wer sich vorher zu stark von Online-Profilen beeindrucken lässt, kann eben auch ein wenig das Zutrauen in sich selbst verlieren, sich beim Date dann klein und nicht-so-cool vorkommen. Und Einschüchterung ist kein guter Startpunkt für eine bestenfalls offene Haltung, wenn man jemand Neues kennenlernt.

3. Überraschungseffekt

Damit nehmen wir uns dann nämlich auch die Chance, von einer anderen Person überrascht zu werden, weil wir ja eh zu wissen glauben, was wir zu erwarten haben und dann Gefahr laufen, weder ein Ohr für Zwischentöne zu haben, noch gesprächstechnisch Raum zu lassen, Überraschendes zu erfahren. Denn ein weiteres Problem ist:

4. Wir stellen eh zu wenige Fragen

Oder habt ihr noch nie ein Date erlebt, bei dem es (zumindest gefühlt) Stunden gedauert hat, bis mal eine Frage jenseits des „Und, hast du gut hergefunden?“ gestellt wurde? Eben. Artikel der Sorte 17 Gründe, warum keiner mehr richtig zuhört, sind auch von zu viel Vorab-Googlen inspiriert, da bin ich sicher. Denn wer sich vorher mit jede Menge Infos wappnet, wird vermutlich ganz unweigerlich versuchen, nur genau diese Infos abzufragen und das ist nun mal tatsächlich ein bisschen langweilig. Außerdem läuft man durch Dates googlen – ich nenn’s mal dooglen – auch Gefahr, Infos preiszugeben, die man eigentlich gar nicht wissen könnte, oder die zumindest offenbaren, wie intensiv man vorher gedoogelt hat. Auch doof.

5. Kontrolle

Klar, dooglen gibt uns ein Gefühl der Kontrolle und die wiederum gibt uns ein Gefühl der Sicherheit und sicher wollen wir uns nun mal fühlen. Aber! Verlieben ist eben auch Kontrollverlust. So sehr auch Gemeinsamkeiten dabei eine Rolle spielen, so sehr ist es auch das Neue, Unbekannte, Überraschende, was uns an einer anderen Person so sehr begeistert, dass wir uns verlieben. Wer sich hingegen mit zu vielen Erwartungen ausstaffiert, macht die Erlebnisschotten womöglich ein bisschen zu dicht und kann sich nicht wirklich hingeben. Aber darum geht es eben auch: Hingabe. Und dazu müssen wir auch ein wenig loslassen. Zum Beispiel Erwartungen.