Warum wir aufhören sollten, gut im Bett sein zu wollen

Im Bett spielt für viele von uns die eigene Performance eine große Rolle. Doch je besser wir sein wollen, desto schlechter wird der Sex.

Besser ohne Druck was leisten zu müssen.

Besser ohne Druck was leisten zu müssen. Unsplash I CC0-Lizenz

Übergriffig sein. Oder steif wie ein Brett. Zu schnell. Zu langsam. Oder einfach nur aneinander vorbei. Es gibt viele Faktoren, die schlechten Sex ausmachen. Jetzt sollen wir uns auch noch weniger Mühe geben?

Kommt drauf an. „Er hat mich geleckt und geleckt, doch ich kam irgendwie nicht“, erzählte mir kürzlich meine Freundin Pia. „Also sagte ich ihm, dass er ruhig aufhören könne. Aber es war ihm schrecklich wichtig, dass ich einen Orgasmus habe. Also habe ich ihm irgendwann einen vorgespielt.“ Ihrer Meinung nach hatten beide was davon: Pia kam nicht rüber wie eine, die trotz intensivster Bemühungen Orgasmusschwierigkeiten hat, und der Kerl konnte sich wie ein Zungengott fühlen, weil er es doch noch geschafft hatte, sie über den Berg zu bringen.

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Zugegeben, es gibt wahrhaft Schlimmeres als einen Typ, der eine Frau unbedingt zum Kommen bringen will. Oder eine Frau, die einem Kerl ein gutes Gefühl geben möchte. Und doch: Sowohl Pia als auch ihr Date spulten jeweils ihren eigenen Film ab, statt sich wirklich auf die*den andere*n einzulassen. Es ging um Performance.

Wenn sexy wichtiger als lustvoll wird

Und Performance im Bett hat viele Gesichter. Es sind die von Menschen, die alle zwei Minuten den Stellungswechel ausrufen. Von denen, die rammeln, als gäbe es kein Morgen mehr. Von denen, die die halbe Nachbarschaft zusammenschreien, um zu demonstrieren, wie scharf sie sind. Von denen, die einen „geiles Fickstück“ nennen oder die Größe ihres Schwanzes zelebrieren, indem sie ihn einem in den Rachen rammen, weil man das in Pornos schließlich auch so macht. Von denen, die statt tief zu atmen, ihren Bauch einziehen oder Stellungen vermeiden, bei denen sie unattraktiv wirken könnten. Von denen, die schlucken, obwohl sie Sperma eklig finden. Und immer so weiter.

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Die Tendenz junger Frauen, trotz aller sexueller Befreiung ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu Gunsten ihrer Partner zu übergehen, beschreibt auch die Psychologin Sandra Konrad in ihrem kürzlich erschienenen Buch Das beherrschte Geschlecht: „Das Problem ist, wenn sexy wichtiger als lustvoll wird. […] Wenn ,gut im Bett‘ wichtiger ist als sich selbst gut (im Bett) zu fühlen.“ Auch wenn man Konrads Annahme, freizügige Frauen lebten ihre Sexualität mehrheitlich für ein gutes, also unverklemmtes, Renommee bei Männern aus, durchaus kritisch betrachten kann, so hat sie doch in diesem Punkt recht: Unsere Sexualität, ach was, unser ganzes System, war über Jahrtausende hinweg auf Männer ausgerichtet.

Kein Wunder also, dass läppische hundert Jahre Emanzipation diese uns immanente Ausrichtung noch nicht auslöschen konnten. Ich kenne keine einzige Frau, die nicht schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht hat. Oder geblasen hat, obwohl sie nicht wollte. Oder überhaupt Sex gehabt hat, weil sie den Typ nicht vor den Kopf stoßen wollte.

Es zahlt sich aus, ehrlich zu sein

Während viele Frauen dazu neigen, sich selbst hintanzustellen, um als gut im Bett zu gelten, äußert sich der Performancedrang bei Männern meist im Abfeiern ihrer Männlichkeit – die Frau „so richtig durchnehmen“ oder „es ihr besorgen“. By the way, Pias Cunnilingus-Date ist eine absolute Ausnahme: Die meisten Männer gehen davon aus, ihr Schwanz würde zum Glück ihrer Partnerin völlig ausreichen. Und will das Ding nicht richtig stehen, ist die Scham unendlich. Vorzeitige Ejakulation? Peinlich. Gar keine möglicherweise? Dann den Schwanz lieber selbst in die Hand nehmen und in ihr Gesicht absahnen.

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„Was hätten wir denn davon gehabt, hätte ich seinen Kopf zwischen meinen Beinen hervorgezerrt?“, fragt Pia. Vielleicht nicht viel. Vielleicht hätten sie ihr Aneinandervorbei abgebrochen und wären in Katerstimmung für immer getrennte Wege gegangen. Vielleicht aber auch alles. Weil es sich immer auszahlt, wenn man sich ehrlich zeigt. Dann wäre Pia vielleicht nach einer kleinen Pause doch noch gekommen. Oder auch nicht. Es wäre jedenfalls nicht mehr so wichtig gewesen. Denn weder die Anzahl der vollführten Stellungen noch der erreichten Orgasmen sind die wahren Indikatoren für die Qualität unserer Vögelei. Wirklich gute Liebhaber*innen erkennt man daran, dass sie kein Programm abspulen, sondern achtsam sind. Mit den Bedürfnissen der*des anderen. Und mit den eigenen.

Vielleicht schreibt dich die eine Hälfte deiner Sexkontakte ab, wenn du keine geile Show ablieferst. Sei’s drum. Denn mit der anderen Hälfte bekommst du die Chance auf Intimität. Und damit auf echtes Feuerwerk.