Warum wir häufig nicht zeigen, dass wir auf jemanden stehen

Hauptsache niemand bekommt es mit! Warum sind eigentlich alle so zurückhaltend darin, ihr romantisches Interesse für jemanden öffentlich kundzutun? 

Wer länger nicht antwortet, hat gewonnen. © Unsplash I CCO Lizenz


Der US-amerikanische Komiker und Schauspieler Aziz Ansari hat ein Buch über die Liebe in Zeiten des Internets geschrieben. Gemeinsam mit dem Soziologen Eric Klinenberg führte er dafür Interviews mit Fokusgruppen, um herauszufinden, wie modernes Dating funktioniert. Was wird als besonders schwierig empfunden, was belastet die Liebesuchenden und wie läuft das Ganze überhaupt ab?

Ein Ergebnis war dabei besonders bemerkenswert. Es tauchte in allen Befragungen auf: Es war die Angst, zu interessiert zu erscheinen. In anderen Worten: die Angst, das Objekt des Interesses könnte bemerken, dass Interesse besteht. Klingt so grotesk, da muss man erst mal lachen. Aber es ist Zeit für Ehrlichkeit: Kennen wir diese Angst nicht selber ziemlich gut? Und damit einhergehend die Versuche, uns romantisch gesehen nicht in die Karten gucken zu lassen. Damit auf gar keinen Fall jemand merkt, dass wir vielleicht und unter Umständen, also möglicherweise, ein bisschen verschossen sind.

Schauspielfähigkeiten sind gefragt

Damit geht es uns wie den Leuten aus Anzaris Fokusgruppen. Die gaben nämlich an, elaborierte Strategien entwickelt zu haben, um die Angst vor der Entdeckung zu bekämpfen. Und diese Strategien lassen sich natürlich digital besonders gut ausspielen, denn hierbei sind keine analogen Schauspielfähigkeiten gefragt: Eine Nachricht erst mal nicht öffnen, damit sie nicht als gelesen markiert wird, nicht zu schnell auf eine Nachricht reagieren und tunlichst nicht zu textlastig antworten. Und das sind nur ein paar der Strategien. Wer sie beherzigt, gewinnt das Spiel des vorgeblichen Desinteresses. Und wer als letzte*r schreibt, verliert.

Die Spielregeln des Desinteresse

Diese ungeschriebenen Regeln wirken, wenn man sie auflistet, ziemlich töricht. Die Angst, nicht zu viel Interesse zu zeigen, auch. Aber Anzaris Proband*innen sind keine Ausnahme. Nicht zu viel romantisches Interesse an einer Person zeigen zu wollen ist kultureller Konsens. Wer hierüber einfach nur den Kopf schütteln möchte, dem sei das gegönnt, aber der Rest fragt sich vielleicht: Warum machen wir das? Und, funktioniert das denn? Zunächst ist dies, nennen wir es mal gespieltes romantisches Desinteresse, ein Schutzmechanismus.

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Denn indem wir zugeben, dass wir jemanden toll finden, geben wir damit auch zu, dass wir uns eine andere Art der Beziehung zu der Person wünschen. Eine romantisch-sexuelle Beziehung. Wenn dieser Wunsch nun aber nicht auf Gegenliebe stößt, fühlen wir uns entblößt. Wir haben uns hervorgewagt, sind enttäuscht worden und müssen nun versuchen so zu tun, als wäre alles beim Alten. Das ist in gewisser Hinsicht anstrengend, es ist aber vor allem kränkend. Und eine Kränkung trifft nun mal an so sensiblen Stellen wie Liebe und Sexualität besonders. Dann lieber erst gar keine Flanke aufmachen.

Desinteresse als Erfolgsstrategie

Aber unabhängig vom Schutzmechanismus bleibt auch die Frage, ob diese Strategie nicht sogar erfolgsversprechend ist? Kann es sein, dass uns Menschen besonders reizen, die kein Interesse an uns zeigen? Die etwas krude Antwort lautet: Sieht ganz so aus. Es scheint ein psychologisches Prinzip zu geben, das dafür spricht. So haben vor einigen Jahren Wissenschaftler*innen der Universitäten Virginia und Harvard eine Studie mit Studentinnen durchgeführt. Den Frauen wurde gesagt, dass sich eine Reihe von Männern ihre Facebook-Profile angeschaut hätte. Dann wurden ihnen vier (Fake-)Profile von diesen Männern gezeigt. Einer Gruppe der Frauen wurde gesagt, die Männer seien interessiert an ihnen, einer anderen Gruppe wurde gesagt die Männer fänden ihre Profile lediglich durchschnittlich und eine letzte Gruppe wurde im Unklaren über die Reaktion der Männer gelassen. Nun sollten die Frauen ihrerseits die Männer bewerten. Wenig überraschend wurden die Männer, die Interesse bekundet hatten, auch als attraktiv eingestuft. Reziprozitäts-Prinzip nennt man das.

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Wir mögen eben Menschen, die uns auch mögen. Was allerdings überraschte war, dass diejenigen Männer am attraktivsten eingeschätzt wurden, die die Frauen über ihr Interesse im Unklaren gelassen hatten. Dahinter steckt ein Mechanismus. Je unsicherer man ist, desto mehr denkt man über eine Sache nach. „Wenn man viel über jemanden nachdenkt, geht man davon aus, dass man ihn mag“, erklärt Erin Whitchurch, eine der Studienautorinnen.

Ökonomischer Daten

Wenn wir etwas nicht bekommen können, denken wir also viel mehr darüber nach, als wenn es vor unserer Nase liegt. Wenn man sich diese Einsicht zu eigen macht, könnte man die Strategie des Desinteresse also auch einfach als sehr clever bezeichnen: Indem wir unser Interesse verheimlichen, könnten wir eine andere Person dazu bringen, viel über uns nachzudenken und so irgendwann selbst Interesse zu entwickeln. Es ist die Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Auge-Strategie des Datings.

Ich habe allerdings einen anderen Vorschlag. Auch aus Effizienzgründen: Wenn wir an jemandem romantisch interessiert sind, sollten wir das auch kommunizieren. Muss ja nicht direkt und ohne Umschweife sein. Aber diese ganzen Verhüllungsspielchen sind doch auf Dauer ermüdend. Und eben auch nicht ökonomisch. Wie soll denn unser Objekt der Begierde jemals erfahren, dass wir auf ihn*sie stehen? Wenn man sich schon an Regeln halten will, dann gilt doch eine Regel vor allen anderen. Wayne Gretzky, die Eishockeylegende, hat sie mal formuliert. Und sie ist wirklich einfach immer wahr: „100 Prozent aller Schüsse, die du nicht abgibst, gehen nicht ins Tor.“