Warum wir kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn wir der Ex-Liebe nicht nachtrauern

Wer mehrere Jahre mit jemandem zusammen war, teilt viele Erlebnisse. Doch wenn man sich trennt und eine neue Beziehung eingeht, kommt es manchen so vor, als wäre die Ex-Beziehung gar nicht passiert. Wie kann es sein, dass manche so wenig trauern?

Manche können einfach schneller mit einer Trennung abschließen, weil sie sich innerlich schon darauf vorbereitet hatten.

Manche können einfach schneller mit einer Trennung abschließen, weil sie sich innerlich schon darauf vorbereitet hatten. © Danka & Peter on Unsplash

„Ich habe ein schlechtes Gewissen“, gesteht Sarah. „Ich habe wirklich ein schlechtes Gewissen. Aber es ist mehr so ein theoretisch schlechtes Gewissen. Denn eigentlich“, Sarah muss fast grinsen „eigentlich geht es mir viel zu gut dafür.“

Trotzdem glaubt sie, ihrer Umwelt ein wenig mehr schlechte Laune zu schulden. Zumindest ein bisschen Niedergeschlagenheit. Eine Träne womöglich, aber auf jeden Fall sehr viele, tiefe Seufzer. Denn Sarah hat eine Trennung hinter sich. Und die ist erst sechs Monate her. Es war auch nicht irgendeine Trennung. Es war die Trennung von Tom. Dem Mann, von dem sie lange genug glaubte, er wäre der Eine.

Tom und sie waren vier Jahre lang ein Paar. Haben zusammengewohnt, zusammen die Uni abgeschlossen, zusammen den ersten richtigen Job angefangen. Also viele erste Male zusammen erlebt. Aber nun hat Sarah einen neuen Freund, an Tom denkt sie höchstens noch, wenn sie von anderen dazu aufgefordert wird. „Alle sagen immer, ich würde die Trauer über die Trennung nur runterschlucken und müsste es mal rauslassen. Drüber reden. Tom sei doch schließlich so lange so wichtig für mich gewesen. Aber ehrlich gesagt habe ich überhaupt nicht das Bedürfnis dazu“, erklärt sie, „Oder bin ich einfach total kaltherzig?“

Keine Trauer, keine Gefühle?!

Sarahs Sorgen sind nachvollziehbar. Schließlich haben wir gelernt, dass man Beziehungen nicht einfach abstreifen kann wie Klamotten, derer man überdrüssig geworden ist. Man trauert immer halb so lang, wie die Beziehung gedauert hat, heißt es oft. Denn Beziehungen verändern uns und zwar nachhaltig. Sie schlagen Erinnerungen ins Lebens-Kerbholz und machen die andere Person zum ewigen Souvenir einer Lebensphase.

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Wir laden Beziehungen hinreichend mit Bedeutung auf und gestalten unser Wir. Aus diesem Wir schält man kein Ich mehr heraus, das so aussieht wie vor der Beziehung. Und auch wenn man sich trennt, gibt es einen Konsens: Man sollte traurig sein. Traurig und dankbar. Erinnern sollte nur mit Wehmut, nicht mit Freude einhergehen. Wer zu schnell weiterzieht, der wirkt suspekt. Frei nach dem Motto: Du lächelst, so was verdrängst du?

Viele Erinnerungen

Sarahs Erinnerungen an Tom sind trotzdem blass: „Ich verstehe es auch nicht. Ich meine, wir haben ja wirklich viel zusammen erlebt und es war auch vieles schön, aber wenn ich daran denke, kommt es mir immer so egal vor“, sie schaut entschuldigend. „Weißt du, es gibt Freundschaften, die in die Brüche gegangen sind über die ich viel mehr nachdenke.“

Sarah wird ihr schlechtes Gewissen nicht los. Sie hat eine neue Beziehung und alles, was vielleicht mit Tom mal präsent war, fühlt sich nun wie mit Tipp-Ex übermalt an. Es lässt sich höchstens noch erahnen.

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So kommt es ihr vor. Aber so ist es nicht. Zumindest nicht ganz. Deswegen sollte sie ihr schlechtes Gewissen ruhen lassen. Psycholog*innen und Soziolog*innen, die sich mit Zweierbeziehungen beschäftigen, sind sich sicher, dass sich Beziehungen nicht so einfach von der Festplatte entfernen lassen. Auch wenn es einem so vorkommt. „Schon dadurch, dass die Beziehung ein mehr oder minder langes Stück des eigenen Lebens gebunden hat, bleibt sie unlösbar Teil des eigenen biografischen Wissens und auch von dem unserer Netzwerkangehörigen“, schreibt der Soziologe Karl Lenz in seiner Soziologie der Zweierbeziehung. Eigenschaften und Schrullen, die wir im Laufe einer Beziehung entwickelt haben, bleiben hängen.

Es kommt darauf an, wie man sich trennt

Der Grund, warum manche relativ schnell – auch wenn es eine*n neue*n Partner*in gibt – sich der Gedanken an die alte Beziehung entledigen, liegt eher an der Art und Weise der Trennung.

Eine Trennung verläuft in Phasen. Sie passiert für mindestens eine Seite nicht plötzlich. Der Sozialpsychologe Steve Duck hat in einem Modell die verschiedenen Phasen einer Trennung beschrieben. Dabei wird klar, dass die Verarbeitung der Trennung schon deutlich vor der eigentlichen Trennung einsetzt. Der*die Sich-Trennende denkt schließlich in der Regel schon eine ganze Weile über eine mögliche Trennung nach. Dabei wird das Verhalten des*der Partner*in bewertet, die positiven Eigenschaften abgewägt, abgewartet, konfrontiert und neu überlegt.

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Wird die Trennung schließlich ausgesprochen, ist somit ein großer Teil der Trennungsarbeit schon geschehen. Freund*innen sind eingeweiht, Schuldzuweisungen wurden getan, Versuche, das eigene Gesicht zu wahren, unternommen. Nun kann die, wie Duck es nennt, Grabpflege-Phase einsetzen. In dieser Phase wird erklärt und bewältigt, aber vor allem wird öffentlich bekannt, was übrig geblieben ist.

Trauerarbeit an sich selbst leisten

Sarah konnte diese Phase so schnell hinter sich lassen, weil sie die Gedanken an eine Trennung schon sehr lange mit sich herumgetragen hat, wie sie nun bekennt. Sie hat die Trauer, die Wut und die Enttäuschung um das Ende der Beziehung somit vorgezogen, wie die Soziologin Diane Vaughan in ihrem Buch Wenn Liebe keine Zukunft mehr hat, diesen Prozess erklärt. Tom mag noch sehr an ihr hängen und das Ende der Beziehung nicht begreifen, doch Sarah ist ihm trauermäßig einfach nur vorausgeeilt.