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Warum wir uns musikalisch am liebsten berieseln lassen

#Metoo, Rassismus oder die Paradise Papers: Es gibt so viele Missstände, die man musikalisch thematisieren könnte. Doch in den Charts dominieren seichte Themen. Zwei Musikproduzenten und eine Band erklären, warum.

Viel Gefühl, wenig Haltung. © Austin Neill | Unsplash

Menschen lieben es, einander melodisch ihre Meinung zu sagen. Und es gibt derzeit wahrlich genug zu bereden: Die Digitalisierung schickt sich an, Menschen und ihre Beziehungen infrage zu stellen. Allerorten schwingen sich Autokrat*innen zu immer stärkeren Global Playern auf und höhlen freiheitliche Werte im großen Stil aus. Megakonzerne und Superreiche geben einen feuchten Dreck auf Solidarität und schippern auf Paradise und Panama Papers in den angenehmeren Teil der sozialen Spaltung. Das Gros der jungen Deutschen verdient weniger Geld als noch ihre Eltern. Und Flucht, Krieg und Terror sind auch omnipräsent.

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Für starke Worte und schlagkräftige Sounds existieren also genug Themen. Und immerhin sind wir hier im Land der Dichter und Denker und der Direktheit: Probleme werden ohne viel Gehabe angesprochen, zack, fertig! Doch falsch gedacht: Reduziert man Deutschland derzeit musikalisch auf seine Toplisten bei Spotify, Deezer und den offiziellen Charts des Bundesverband Musikindustrie, interessiert das Land nur drei Dinge: Liebe, Feiern und ihr eigenes Ego.

[Außerdem bei ze.tt: Wo Helene Fischers Fans zu Hause sind]

Musikalisches Schneckenhaus

„Ganz viele Indikatoren zeigen momentan in die gleiche Richtung. Ganz klar unpolitische Dinge dominieren den Zeitgeist: Rückzug ins Private und Eskapismus“, sagt Jan Köpke, Chef des Hamburger Indie- und Alterna-Labels popup-records. Er ist quasi beruflich verpflichtet, den Mainstream von außen zu beurteilen. „Würden John Lennons ‚Imagine‘ oder Eddy Grants ‚Gimme Hope, Jo’anna‘ heute aufpoppen, wären sie im Vergleich zu all den anderen Liedern ganz nah an einer Karikatur“, sagt er.

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Auf der anderen Seite der Republik, in Mannheim, teilt man Köpkes Ansicht. Udo Dahmen, Professor, Schlagzeuger und Geschäftsführer der dort ansässigen Popakademie, sieht den Trend zu Oberflächlichkeit und Selbstbezogenheit sogar als maßgebende Bewegung unseres Jahrzehnts: „Viele Menschen in Europa haben sich in privaten Narzissmus zurückgezogen. Das hat seinen Ursprung im Neoliberalismus. Man dreht sich um sich selbst, um die eigenen sozialen Zusammenhänge, um den eigenen Körper. Deswegen werden politische Positionen nicht mehr klar bezogen.“

Dabei war doch mit dem Siegeszug der digitalen Dauerverfügbarkeit das Zeitalter der großen Teilung eingeleitet worden. Endlich konnte sich jeder Mensch vom belanglosen Radiogedüdel ins Reich der eigenen Playlists befreien. Endlich Songs mit innovativen Texten hören, die zu einem passen!

Wer hört schon auf die Lyrics?

Mit der digitalen Musikrevolution haben Playlisten und Best-of-Samples ihren Siegeszug angetreten, befreit vom Korsett der Alben und maßgeschneidert auf den Hörer und dessen Geschmack. Was nach Diversifikation en masse klingt, pflasterte für Köpke von popup-records den Weg ins Lyriksterben. „Es geht nur noch um Stimmungen, um musikalische Klangfarben, um ‚Moods‘. Texte stehen weit zurück hinter der musikalischen Grobwahrnehmung“, sagt er. „Da ist scheißegal, was für eine Band das ist – und noch scheißegaler, was die eigentlich singen.“

Jemand, dem Inhalte nicht Jacke wie Hose sind, ist Dag-Alexis Kopplin. Gemeinsam mit Bandkollege Vincent Stein spielt sich das Duo SDP (Abkürzung für Stonedeafproduction) durch Rap, Rock und zig andere Musikrichtungen. Dabei nehmen sie zahllose Themen aufs Korn. Manchmal, wie bei Nicht mein Problem Remix wird’s zu munterem Ska auch gesellschaftskritisch:

„Flüchtlingsheime brennen, ich kann trotzdem super pennen
Denn ich muss ja da nicht schlafen
Auch wenn Küsten überschwemmen, Menschen flüchten und rennen
Mir egal, denn ich wohn ja nicht am Hafen

Ja, der Untergang der Welt ist einfach nicht mein Bier
Soll der Scheißplanet doch explodier‘n, er gehört ja nicht mir“

„Der Song geht nach vorne. Man will durch die Crowd springen und denkt sich: ‚Ja, ist nicht mein Problem! Verpisst euch doch alle!'“, sagt Kopplin, der gemeinsam mit Bandpartner Stein und Rapper Timi Hendrix (Tim Weitkamp, Trailerpark) die Was-geht-mich-das-an-Stimmung durch den Kakao zieht. Wie viele SDP-Songs ist der Text eindeutig zweideutig. „Nur wenn wirklich alles egal wäre, würden die Leute zum Schlager abgehen, nicht zu diesem Lied. Das ist genau unser Spiel: Einerseits das Thema von sich weisen – andererseits ist es genau dadurch ja da.“

„Das spielen wir nicht!“

Mit ihrer Varianz füllt die „bekannteste unbekannte Band der Welt“, wie sie sich selbst manchmal nennt, regelmäßig Konzerthallen. Der größte kommerzielle Erfolg des Duos ist jedoch das Lied Ich will nur, dass du weißt. Gegenstand des Tracks? Liebe, Sehnsucht, na klar. Im Feature mit Adel Tawil (Ich + Ich) gewann SDP Platin.

„Am Anfang wollten die Sender nichts davon wissen, die kriegen ja auch Programmlisten vorgelegt“, sagt Kopplin über den für ihn unerwarteten Erfolg. „Die Mainstreamkanäle dachten ‚bäh, SDP, was ist das?‘ Und die jüngeren Sender meinten: ‚Adel Tawil, so ’n Mainstream spielen wir nicht.'“ Aber so blieb es nicht. Binnen kurzer Zeit gingen die View-Zahlen auf YouTube durch die Decke und Fans meldeten sich beim Rundfunk, um ihren Song auch beim Autofahren hören zu können. Die Sender lenkten ein: Anderthalb Jahre lang war Ich will nur, dass du weißt nicht mehr aus ihren Playlists wegzudenken.

Der Durchbruch der SDP-Songs hört sich ganz nach einer Rebellion von unten an: Ein Hit, der von den Massen entgegen den Ressentiments mächtiger Funkhäuser und Labels nach oben gespült wurde. Aber ist der Track die Ausnahme oder die Regel? Anders gefragt: Haben wir all die Lovesong-Ohrwürmer, weil sie uns gefallen – oder weil DJs, Pop-Label und Radiomoderator*innen die Welt mit Tracks à la Justin Bieber fluten?

Liebe die Wiederholung

„Den Menschen gefällt, was sie gewohnt sind zu hören. Von daher gibt es da einen Verstärkungseffekt“, sagt Dahmen von der Popakademie Mannheim. „Aber wir leben ja in der Zeit der Algorithmen. Es ist immer die Frage: Was will die Mehrheit hören? Da entscheiden Klicks, doch an ein paar Stellen wird den Menschen geholfen, bestimmte Dinge für sich zu entdecken.“

Wenn es nach den Forschungsergebnissen von David Henard, Professor für Marketing an der North Carolina State University, geht, dann entdecken die Leute lyrisch seit Jahrzehnten immerzu das Gleiche. In seiner Studie von 2014 analysierten er und seine Kolleg*innen sämtliche amerikanische Chart-Spitzenreiter seit den 1950ern auf die am häufigsten auftretenden Worte. Wenig überraschend: Love, Baby, Man und Girl sind Dauergäste unter den Top Ten. 

Henards Forschung zeigt: Für kommerziellen Erfolg gibt es wie bei einem Backrezept Standardzutaten. Das gilt besonders für Lyrics. „Je nach zeitgeschichtlichem Zusammenhang wird dann variiert. Das ist nichts Besonderes, das kennen wir auch vom TV-Krimi.“ Ähnliches entdeckte 2015 ein Team der University of Southern California um Joseph Nunes, nur ging es dabei um die Frequenz der Worte: Je häufiger sich Musiker wiederholen, desto wahrscheinlicher ranken sie oben in den Charts.

Gibt es folglich einen naturgegebenen Automatismus, der uns eher in die akustischen Arme von Wham! und Ed Sheeran denn in die von Bob Dylan treibt? Sollten wir uns also unserem Schicksal ergeben und endlich die Vengaboys aufdrehen? Udo Dahmen von der Popakademie positioniert sich entschieden dagegen: „Diese Biedermeierlichkeit der seichten Themen ist doch eigentlich ein Ausdruck von Angst und Rückzug. Wir, Künstler und Hörer, sind da gesellschaftlich aufgefordert, etwas gegen zu tun. Da sehe ich uns auch als Popakademie in der Pflicht.“

Sollten Musikkreative wie SDP also auf die Barrikaden gehen? Dag-Alexis Kopplin, der nun schon ein paar Mal auf die andere Seite des Chart-Zauns blicken durfte, steht der Herrschaft der seichten Oberflächenmucke ziemlich relaxt gegenüber. „Es gibt diese inhaltslose Industriemusikwelt und Künstler, die auf der Bühne beklatscht werden wollen, scheißegal, was die singen. Aber das nehme ich nicht ernst“, sagt er. „Viele juckt das Ranking auch nicht, denen sind Lyrics nämlich wichtig.“ Doch er findet auch, dass man Songtexte nicht überbewerten sollte. „Lyrics erschaffen keine neuen Gefühle. Doch für Gedanken, die schon da sind, sind sie wie Benzin im Feuer.“

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