Warum wir uns versprechen

Verhaspler sorgen in der Regel für Gelächter. Doch Versprecher sagen womöglich mehr aus, als uns lieb ist – und zwar über Sprechende und Zuhörende.

„... und dann habe ich eine Schnitte gezwiebelt." © Stocksnap

In der Artikelreihe „Wie reden wir eigentlich miteinander?“ beschäftigen wir uns mit verschiedenen Formen und Theorien der Kommunikation. Viele dieser Methoden werden beispielsweise in der Psychologie gelehrt. Oft sind sie so simpel wie logisch. Sie lassen sich ohne Aufwand in unser tägliches Leben integrieren. Wir von ze.tt denken, dass eine vernünftige Debattenkultur wichtig für unser Miteinander ist.

Der hat da echt kein Brett vor den Mund genommen.“

Hoppla, da stimmt doch was nicht. Ein Brett hat man höchstens vor dem Kopf, vor dem Mund ist es das Blatt. Wenn aus dem Blatt beim Sprechen aber doch ein Brett wird, dann ist das ein ganz klassischer Versprecher. Dieses Beispiel gehört zu einer harmlosen Sorte des Phänomens: zu den sogenannten Kontaminationen.

Wir Menschen versprechen uns im Schnitt alle zehn Minuten einmal. Wir vertauschen Silben, Laute, Wörter, ganze Satzteile, erschaffen neue Wortkreationen oder nennen Dinge und Menschen in unserem Umfeld urplötzlich beim falschen Namen, was die wohl brisanteste Form des Verhasplers ist. Doch warum passiert uns das überhaupt?

Blick in die Seele oder nur Fehler des inneren Arbeitsspeichers?

Sprachwissenschaftler*innen und Psycholog*innen forschen seit Jahrzehnten nach der Ursache des Versprechens. Der wohl berühmteste von ihnen ist Sigmund Freud. In seiner Psychopathologie des Alltagslebens (PDF) schreibt der Begründer der Psychoanalyse von sogenannten sprachlichen Fehlleistungen – nicht zu Verwechseln mit Sprechstörungen, die durch Hirnschädigungen hervorgerufen werden – und nennt dabei Beispiele aus seiner Praxis.

Freuds Auffassung nach passierten Versprecher zwar immer unwillkürlich, verrieten aber die wahren Intentionen der Sprechenden, brächten vor allem Dinge aus ihrem Unterbewusstsein ans Licht. Wenn also ein Politiker inbrünstig sagte, man werde dem Kaiser rückgratlos ergeben sein – statt rückhaltlos –, dann schloss Freud daraus, dass dieser Wortverdreher schon seine Gründe habe. Bei solchen größeren Verhasplern, welche die Bedeutung der eigentlichen Aussage umdreht, spricht man vom sogenannten Freud’schen Versprecher.

Man muss die Leute bei der Schlange halten.“

Noch vor Freud veröffentlichten schweizer Sprachforscher 1895 die Untersuchung Versprechen und Verlesen. Eine psychologisch-linguistische Studie, in der sie erstmals Beispiele für das Phänomen sammelten. Heute werden Versprecher von Expert*innen einem von mehreren Typen zugeordnet. So gibt es etwa unter anderem die Vertauschung, bei der wir ein Wort im Satz oder Buchstaben vertauschen, zum Beispiel „mit dem Zinger feigen“; die Substitution, bei der wir ein korrektes Wort durch ein falsches ersetzen, statt „ich war im Urlaub“ sagen wir dann „ich war im Urwald“; oder die eingangs erwähnte Verschmelzung zweier Aussagen, die ähnliches meinen, also „ich hatte ein richtiges Blatt vor dem Kopf“.

Obwohl diese Kategorisierung hilfreich ist, ist umstritten, ob sie wirklich einen Blick in das Innere unser Seele gewährt. Die deutsche Sprachwissenschaftlerin Helen Leuninger hält nicht viel von Freuds Theorie, Versprecher seien verräterisch. Ihrer Ansicht nach handelt es sich beim Versprechen und dem etwas selteneren Verschreiben ganz einfach um eine Abweichung vom sogenannten Sprachplan.

Dahinter liegt die Annahme, unser Hirn kreiere kurz vor dem eigentlichen Sprechen eine Art Fahrplan für die Aussage, die wir tätigen möchten. Das ist komplexer, als es klingt. Die Aussage muss nämlich nicht nur auf Inhalt, Sinn und Bedeutung, sondern auch auf Grammatik und die richtige Artikulation geprüft werden – und das alles, bevor wir sprechen. Leuninger nennt diese Vorgänge Ebenen der Sprachplanung. Es gibt demnach vieles, das unser Gehirn beachten muss. Und vieles, bei dem es Fehler machen kann.

Für heute Abend ziehe ich mich schön aus.“

Doch ganz gleich, ob Verhaspler nun ein Fenster zu unserer Seele öffnen oder einfach nur ein Fehler im Arbeitsspeicher sind: Es gibt Hinweise darauf, dass sie unter gewissen Umständen häufiger auftreten. Nämlich dann, wenn besonders viele Leute zuhören. Anders gesagt: wenn wir aufgeregt oder gestresst sind. Dieses Wissen können wir für uns nutzen.

„Sie steigen in den Hauptbahnhof ein“

Wenn wir einmal bewusst beobachten, wann wir uns am häufigsten versprechen, werden wir feststellen, dass das meistens Situationen sind, in denen wir uns eigentlich gar nicht versprechen wollen.

So verhaspeln wir uns laut Leuninger bei Auseinandersetzungen, wenn wir auf Partys ein gutes Bild abgeben wollen oder bei einer Rede vor vielen Menschen überdurchschnittlich oft. Unglücklicherweise haben die Verhaspler dann gleichzeitig den größten Durchschlag, weil wir unter besonderer Beobachtung stehen.

Ein Beispiel dafür ist der CSU-Politiker Edmund Stoiber, der im Internet 2006 zur unfreiwilligen Gallionsfigur dieses Phänomens wurde. Mittlerweile zählt das YouTube-Video mit dem Titel Stoiberst Gestammelte Werke über zwei Millionen Aufrufe.

Stoiber mag sich oft in der Öffentlichkeit versprochen haben, er ist damit aber lange nicht der einzige. Unser Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl sagte in einem Fernsehinterview 1998 beispielsweise einmal „Bei einem guten Koalitionsklima wie wir es haben, wo wir pfleglich miteinander untergehen … miteinander umgehen.“ Und George W. Bush meinte einst: „Nun, ich denke, wenn man sagt, man will etwas machen und es dann nicht macht, dann ist das Vertrauenswürdigkeit.“

Eine Selbstkorrektur ist übrigens gar nicht so häufig. Wir bemerken unseren Fehler nur in etwa der Hälfte der Fälle selbst und korrigieren ihn anschließend. In der Regel fällt er uns aber nicht auf, weil wir mit unserem Sprachwissen davon ausgehen, wir hätten alles richtig gemacht. Werden wir hingegen von anderen auf ihn hingewiesen, ist es wahrscheinlich, dass wir uns noch viel mehr verhaspeln werden, weil wir uns zu lange mit der Korrektur des alten Fehlers beschäftigen.

Da drück ich dir aber alles Gute!“

Je mehr wir gefordert oder unter Beobachtung sind, desto eher werden wir uns versprechen, weil unsere Konzentration nicht nur auf das Sprechen fällt, sondern zusätzlich auf unsere Außenwirkung, unsere Haltung, das Gegenüber, die Atmosphäre. Aus Versprechern könnten wir so nützliche Schlüsse für uns ziehen, die wir sonst vielleicht nicht auf dem Schirm hätten: etwa dass uns öffentliche Auftritte mehr stressen, als wir annehmen, oder dass wir womöglich zu sehr damit beschäftigt sind, wie wir auf andere wirken. Doch selbst wenn das so sein sollte, unsere Versprecher sollten wir womöglich vor allem mit Humor nehmen. Denn das sind sie allemal: witzig.

[Außerdem auf ze.tt: Wie euch Alkohol helfen kann, Fremdsprachen besser zu sprechen]

Wenn wir zudem eine tiefere Bedeutung aus ihnen ziehen wollen, hilft vielleicht diese Einschätzung der Sprachwissenschaftlerin Leuninger: Versprecher verraten womöglich viel mehr über „Möchtegernvoyeure, die Hörenden nämlich“, die unsere Aussagen interpretieren, als über uns, die Sprechenden, selbst.