Warum wir Vielfalt in den Sozialen Medien sichtbar machen sollten

Mädchen folgen Influencerinnen, die sich optimiert darstellen – und ahmen die Selbstoptimierung nach. Wollen wir Vielfalt für unsere Kinder, müssen wir selbst aktiv werden.

Wir sollten Likes und Herzen verteilen an die Menschen, die sie offline nicht einfach so zugeworfen bekommen. Illustration: Elif Kücük / ze.tt

„Können wir nochmal diese Foto-App machen?“ fragt mich mein Kind. „Die mit den Ohren?“ Ich öffne Instagram und wir machen hundert Fotos mit hundert Filtern. Mal sind wir Hunde und bellen, mal miauende Katzen, mal Damen mit schwarzen Hütchen und dunklem Lippenstift. „Trés chic!“ sagt das bemützte Kind neben mir und mein Kopf rattert, während neben mir imaginäre Küsse in die Kamera geschickt werden. Mir war bisher weder bekannt, dass mein Kind französisch spricht, noch, dass es mit diesem Filter Küsse verbindet.

Obwohl ich mich um eine möglichst genderneutrale Erziehung bemühe, staune ich immer wieder über die Stereotype, die uns überall begegnen, auch in den Medien. Welche Stereotype die Sozialen Medien transportieren, hat jetzt die MaLisa Stiftung untersucht. „Weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien“ lautet der Titel der Studie, für die Instagram- und YouTube-Profile untersucht wurden. Die Ergebnisse zeigen zwei Trends: Gleichförmigkeit und rückwärtsgewandte Geschlechterrollen.

Während Frauen sich auf ihren Kanälen überwiegend im privaten Raum zeigen und ihre Hobbys präsentieren (Basteln, Nähen, Kochen), bedienen Männer deutlich mehr Themen, von Unterhaltung bis Politik. Mädchen ahmen Aussehen, Gestik und Mimik von Influencerinnen nach. „Ich habe das bei vielen Influencerinnen gesehen, dass man sich auf die Zehenspitzen stellt und ein Bein vor das andere tut. Weil die Beine dann einfach viel, viel schlanker aussehen“, sagt eine Instagram-Nutzerin.

Eine Verzerrung von „natürlich“ und „spontan“

63 Prozent der befragten Mädchen, die einer Influencerin folgen, ist es sehr wichtig, schlank zu sein. Bei Mädchen, die keiner Influencerin folgen, sind es 38 Prozent. Auf Instagram sind besonders dünne und langhaarige Frauen erfolgreich. Mädchen, die Influencerinnen folgen, optimieren ihre eigenen Bilder eher. So hellen 69 Prozent der Followerinnen von Heidi Klum auf Fotos ihre Zähne auf. „Es kommt zu einer Verzerrung des Verständnisses von ’natürlich‘ und ’spontan'“, heißt es in der Studie.

Die Aussicht, dass auch mein Kind das eigene Selbstbild mit diesen Inszenierungen abgleichen wird, besorgt mich. Dass mein Kind denken könnte, für ein schönes Foto die Beine in eine bestimmte Position stellen zu müssen, um schlank genug auszusehen, ist keine gute Vorstellung. Ich wünsche meinem Kind die Akzeptanz des eigenen Körpers, die Akzeptanz des eigenen Ichs – retuschiert und unretuschiert.

Der Vergleich mit anderen, den Instagram und YouTube digital möglich machen, hat mich bisher nicht unglücklich gemacht. Im Gegenteil. Vor allem auf Instagram erlebe ich Vorbilder, die mich in meinem Selbstbild gestärkt haben. Frauen, die selbstbewusst ihre Körperbehaarung zeigen; Mütter, die über ihren täglichen Unvereinbarkeitsstruggle berichten; Frauen, die als Plus-Size-Models Karriere machen oder einfach so zeigen, dass Bauchrollen cool sind; Mütter, die Schwangerschaftsstreifen und Kaiserschnittnarben zeigen; trans* Männer, die ihre Lieblingsbücher für Kinder empfehlen; Menschen, die aus der psychosomatischen Klinik berichten oder aus einem Yoga-Kurs. Meine Instagram-Welt ist vielfältig.

Wir sollten Likes und Herzen verteilen an die Menschen, die sie offline nicht einfach so zugeworfen bekommen.

„Wie können wir eine größere Vielfalt sichtbar machen?“ fragt Elisabeth Furtwängler, eine der Initiatorinnen der Studie. Ich denke, wir selbst sind dafür verantwortlich. Algorithmen werden uns den Job jedenfalls nicht abnehmen. Wir selbst können zumindest zu einem Teil bestimmen, was wir sehen – und was andere sehen, nämlich die Menschen, die uns folgen. Vielfalt passiert nicht einfach so.

Wenn wir Vielfalt wirklich wollen, müssen wir nach ihr suchen, sie unterstützen – und dann teilen. Das kann ein Instagram-Foto eines Buchs einer Autorin mit Behinderung sein, die Empfehlung eines Accounts einer Mutter eines trans* Kindes, eine Instagram-Story über eine Aktivistin, die für Rassismus sensibilisiert oder die finanzielle Unterstützung eines Blogs, der regelmäßig diverse Kinderbücher vorstellt. Wir sollten Likes und Herzen verteilen an die Menschen, die sie offline nicht einfach so zugeworfen bekommen.

Wenn dann ein Social-Media-Feed entsteht, der menschliche Vielfalt abbildet, ist das nicht nur gut für uns und unser eigenes (Körper-)Gefühl, sondern auch für das unserer Kinder. Denn während ich durch Instagram scrolle, sitzt auch manchmal mein Kind neben mir. Und es macht einen Unterschied, ob es mich durch zwanzig Heidi Klum-Fotos scrollen sieht, oder durch eine digitale Welt, in der Vielfalt selbstverständlich ist. Vielleicht können so die Sozialen Medien für unsere Kinder auch das werden, was sie für mich waren und meistens noch sind: Ein Raum für Empowerment.


Alle Texte der Kolumne Klein und groß.