Warum YouTube ein feindliches Umfeld für Wissenschaftlerinnen ist

Eine Auswertung von 23.005 Kommentaren zeigt: Wissenschaftlerinnen werden auf YouTube überwiegend degradiert und angefeindet.

YouTube ist ein frauenfeindliches Umfeld für Wissenschaftlerinnen.

YouTube ist ein frauenfeindliches Umfeld für Wissenschaftlerinnen. Screenshot: thebrainscoop / YouTube

Zwei Wissenschaftler*innen haben 23.005 Kommentare unter YouTube-Videos zu wissenschaftlichen Themen ausgewertet. Inoka Amarasekara und Will Grant wollten herausfinden, wie sich die Kommentare unter Videos mit weiblichen und männlichen Hosts unterscheiden. Kürzlich haben sie ihr Ergebnis in einer Studie veröffentlicht: Videos, in denen eine Frau wissenschaftliche Themen bespricht, erhalten im Vergleich insgesamt mehr Reaktionen. Sie sind aber auch deutlich kritischer und beinhalten häufiger Anmerkungen zum Aussehen der Hosts. Darunter finden sich Kommentare wie:

„Geh zurück in die Küche und mach mir ein Sandwich!“
„Deine Haare sehen heute richtig gut aus.“
„Ich habe nur ihre Brüste angestarrt.“
„Sie ist so hässlich, ich musste fast kotzen.“

„YouTube ist kein angenehmes Umfeld für Frauen“

Auf YouTube gibt es zahlreiche Kanäle, die sich mit wissenschaftlichen Themen auseinandersetzen. Mathematik, Biologie, Technik, es gibt Hunderte davon, einige von ihnen mit Millionen von Abonnent*innen. Bei einem Großteil von ihnen steht ein Mann vor der Kamera. „Es gibt schon länger eine Diskussion darüber, dass YouTube kein angenehmes Umfeld für Frauen sei“, sagte Inoka Amarasekara der New York Times. „Daher wollte ich testen, ob das auch die wissenschaftliche Seite von YouTube betrifft und ob ich das irgendwie bestätigen kann.“

Da sie die Auswertung der Kommentarinhalte keinem automatisierten, algorithmusbaiserten Vorgehen überlassen wollten, prüften die beiden Wissenschaftler*innen sämtliche Kommentare händisch. Sie wiesen alle Kommentare sechs Kategorien zu: positiv, negativ oder kritisch, feindselig, sexistisch oder sexuell, auf das Aussehen reduziert und neutral. Dafür mussten Amarasakarg und Grant alle Kommentare selbst lesen. „Das war sehr aufwühlend. Ich kann verstehen, warum Leute nicht auf YouTube sein möchten“, sagte Amarasekara.

Die Ergebnisse

  • Das Wissenschaftler*innen-Duo ordnete etwa 14 Prozent der Kommentare unter Videos mit weiblichen Hosts der Kategorie „kritisch“ zu. Zum Vergleich: Bei Videos mit männlichen Hosts waren es sechs Prozent.
  • Weibliche Hosts erhielten einen größeren Anteil von Kommentaren, die auf das Aussehen abzielten: 4,5 Prozent bei Frauen gegen 1,4 Prozent bei Männern.
  • Frauen erhielten vergleichsweise mehr sexistische und sexualisierende Kommentare (etwa drei Prozent) als Männer (0,25 Prozent).
  • Videos mit Moderatorinnen sammeln generell mehr Kommentare, Likes und Abonnent*innen pro Videoaufruf als Männer. Sie erreichten auch ein geringfügig höheren Prozentsatz an positiven Kommentaren.
  • Generell sind die Kommentare unter Video mit weiblichem Host emotionaler, sowohl bei positiven als auch negativen Kommentaren

Es gibt insgesamt weniger Wissenschaft-Accounts von Frauen

Noch bevor die Studie starten konnte, sah sich Co-Autorin Inoka Amarasekara einem Problem gegenüber: Auf der Liste der 370 beliebtesten YouTube-Kanäle, die sich mit wissenschaftlichen und semi-wissenschaftlichen Inhalten beschäftigten, fanden sich nur 32, die von Frauen gehostet waren – keine signifikante Stichprobengröße. Um die Studie durchführen zu können, fügte sie 21 weitere weniger beliebte Kanäle mit Moderatorinnen hinzu.

Sind sexistische, sexualisierte und auf das Aussehen reduzierte Kommentare der Grund, warum es so wenige Shows von Frauen auf YouTube gibt? Vanessa Hill, Betreiberin des Wissenschaftskanals BrainCraft, umschreibt das Lesen negativer Kommentare so: „Es ist so, als würde jemand jeden Tag ein Post-it auf deinem Schreibtisch hinterlassen, auf dem steht, dass du nicht qualifiziert genug bist oder deine Stimme schrecklich klingt.“ Das würde Frauen nicht nur davon abhalten, eigene YouTube-Kanäle zu erstellen, sondern so demotivieren, dass weibliche Hosts ihre bereits existierenden Kanäle nicht weiter betreiben wollen, meint sie.

Was sagt YouTube dazu?

Channel-Betreiber*innen können Kommentare, die spezifische Wörter oder Phrasen enthalten, selbst blockieren. Trotzdem hält Graslie die Kommentar-Spalten bei YouTube nicht geeignet für eine konstruktive Konversation. „Die kontroversesten Kommentaren scheinen immer die zu sein, die ganz noch oben kommen“, sagt sie.

YouTube selbst hat bereits auf die Studie reagiert: „Wir tolerieren keine hasserfüllten oder beleidigenden Kommentare und entfernen sie, wenn sie markiert wurden. Zusätzlich stellen wir Channel-Besitzern Möglichkeiten zur Moderation zur Verfügung, sie können potenziell verwerfliche Kommentare entfernen oder sogar zur Überprüfung zurückhalten.“

Laut den Studien-Autor*innen Amarasekara und Grant ist mehr Forschung in Bezug auf Geschlechterkategorien auf YouTube notwendig, genauso wie Studien, die Faktoren wie Ethnien, sexuelle Orientierung und körperliche Fähigkeiten mit aufnehmen, um die Art und Weise, wie wissenschaftliche Informationen an die Öffentlichkeit kommuniziert wird, zu verbessern.

Denn „mit diverseren Stimmen erreicht man ein diverseres Publikum“, sagte Amarasekara.