Was das Fehlen von Frauen und jungen Menschen im Osten mit Rassismus zu tun hat

Bislang wurde unterschätzt, welche Auswirkungen das Abwandern bestimmter Gruppen für eine offene Gesellschaft hat, sagt die Soziologin Katja Salomo.

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Wo überwiegend ältere Menschen zurückbleiben, entsteht Unzufriedenheit. Foto: Tobias Zins / Unsplash | CC0

Wenn Thüringen ein eigener Staat wäre, dann wäre die demografische Lage in diesem Land extrem. Nur Japan hätte im internationalen Vergleich mehr Menschen über 65 Jahre. Nur Hongkong, Katar, Macau, Südkorea und die Vereinigten Arabischen Emirate hätten wiederum weniger Menschen, die jünger als 15 sind. Und lediglich neun asiatische oder afrikanische Staaten hätten einen höheren Männerüberschuss. Das Besondere an der Situation von Thüringen: Hier kommen alle drei Aspekte gebündelt zusammen, vor allem in den ländlichen Regionen.

Was macht das mit der Bevölkerung, die zurückbleibt? Die Soziologin Katja Salomo hat am Beispiel des ostdeutschen Bundeslandes untersucht, welche Auswirkungen die Abwanderung, Alterung und der Frauenschwund für eine offene Gesellschaft haben können. Salomo sagt: „In Gebieten, die davon betroffen sind, machen sich ein Gefühl von Benachteiligung, Abstiegsängste und Verunsicherung breit.“ Ein Weg, damit umzugehen, sei die Abwertung anderer Gruppen, Rassismus und Skepsis gegenüber Demokratie.

Warum gehen gerade die Frauen?

Zwar teilte das Bundesinstitut für Bevölkerungsentwicklung (BiB) in diesem Jahr mit, dass 2017 erstmals mehr Menschen aus dem Westen Deutschlands in die ostdeutschen Bundesländer gezogen sind als umgekehrt. Dennoch hat Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung fast ein Viertel seiner ursprünglichen Bevölkerung verloren. Über 3,6 Millionen zogen weg. Und: „Wanderungsverluste haben die ostdeutschen Flächenländer weiterhin bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren“, sagt Nikola Sander, Forschungsdirektorin des BiB.

Ohne Frauen leidet der soziale Zusammenhalt.

In der Studie von Katja Salomo spielt auch der Wegzug von insbesondere Frauen eine Rolle. Warum gehen gerade sie? „Das liegt daran, dass der Arbeitsmarkt in Ostdeutschland anders strukturiert ist als in Westdeutschland. Westdeutschland ist immer noch in stärkerem Maße eine Dienstleistungsgesellschaft. Frauen wählen diese Jobs deutlich häufiger, Männer arbeiten eher in industriellen Berufen. Das heißt: Für Frauen ist der westdeutsche Arbeitsmarkt attraktiver.“ Belegt sei auch, dass sie seltener zurückkehrten und häufiger Familien in Westdeutschland gründeten als ostdeutsche Männer.

Was macht das mit den Männern, die zurückbleiben?

Der Beitrag, den Frauen für das Zusammenleben leisten, ist nicht so einfach zu ersetzen, erklärt Salomo. Frauen würden mehr in soziale und nachbarschaftliche Beziehungen investieren, sie organisierten in der Regel mehr für die Gemeinschaft. „Ohne sie leidet der soziale Zusammenhalt vor Ort.“ Gerade Jugendliche und Familien beleben ein Stadtbild. Ohne sie schließen Einrichtungen wie Schulen; Angebote für Sport und Freizeit schrumpfen. Auch auf verfallene Gebäude und Leerstand reagierten Menschen sensibel, so Salomo. „Begegnet man nur noch älteren Menschen auf der Straße, fühlen weder die sich wohl, noch die wenigen jungen, die geblieben sind.“

Das Gefühl, abgehängt zu sein und auf der Verlierer*innenseite zu stehen, habe laut der Studie Konsequenzen für die politische Kultur. Rassistische und demokratieskeptische Einstellungen seien demnach stärker unter den Menschen in Thüringen zu finden, die sich abgehängt fühlten. Warum? „Wenn Menschen sich benachteiligt fühlen, schadet das ihrem Selbstwertgefühl. Eine Möglichkeit, damit umzugehen, ist, soziale Hierarchien zu konstruieren“, sagt Katja Salomo. Dabei werteten die sich subjektiv ungerecht behandelten Menschen andere soziale Gruppen – insbesondere Geflüchtete und Zugewanderte – ab, um sich selbst wieder aufzuwerten.

Einerseits brauchen diese Regionen ganz dringend Zuwanderung wegen der prekären demografischen Situation. Andererseits macht es genau diese Situation sehr unwahrscheinlich, dass es den Menschen leicht fällt, Zuwanderung zu akzeptieren.

Hinzukomme, dass heute die Männer im Alter zwischen 25 und 45 in einer Zeit in Ostdeutschland groß wurden, in der sich dort der organisierte Rechtsextremismus zunehmend ausbreitete. Damals wurden Jugendclubs von Neonazis besetzt, auf dem Schulhof verteilten sie CDs, rechtsextreme Musikveranstaltungen wurden organisiert. Diese Generation ist mit rechter Präsenz aufgewachsen. Auch hier spielt der Frauenmangel für Katja Salomo eine Rolle: „Erfahrungen aus Ausstiegsprogrammen legen nahe, dass es ein wichtiger Ausstiegsgrund für Männer aus der Szene ist, eine Familie zu gründen, Kinder zu bekommen, eine Partnerschaft einzugehen. Diese Regulierung fehlt.“

Zuwanderung ist nötig, wird aber abgelehnt

Salomo unterstreicht, dass viele Faktoren ein Gefühl von Benachteiligung erzeugen könnten, beispielsweise Kriminalitätsraten, das Verhältnis von gering und gut ausgebildeten Menschen, Investitionen vor Ort oder die wirtschaftliche Lage. Gerade finanzielle Probleme spielten jedoch immer weniger eine Rolle. Die Arbeitslosigkeit sei zwar in Thüringen noch höher als in westdeutschen Bundesländern. Doch die wirtschaftliche Situation insgesamt habe sich seit 2000 deutlich verbessert, während das Ausmaß gefühlter Benachteiligung in vielen Regionen Thüringens mehr oder weniger konstant geblieben sei. Was sich hingegen stark verschlechtert habe, sei eine diverse Zusammensetzung der Bevölkerung. Die sei immer homogener, älter und männlicher geworden.

Hier offenbart sich ein Teufelskreis: „Einerseits brauchen diese Regionen ganz dringend Zuwanderung wegen der prekären demografischen Situation, andererseits macht es genau diese Situation sehr unwahrscheinlich, dass es den Menschen leicht fällt, Zuwanderung zu akzeptieren“, sagt Salomo. „Es ist zynisch.“


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