Was der Fall Ronaldo über unseren Umgang mit sexualisierter Gewalt verrät

Der Fußballstar Cristiano Ronaldo wird beschuldigt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Die Reaktionen auf diese Nachricht zeigen, wie problematisch der Umgang mit sexualisierter Gewalt noch immer ist.

Der Fußballstar Christiano Ronaldo wird beschuldigt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Die Reaktionen auf diese Nachricht zeigen, wie problematisch der Umgang mit sexualisierter Gewalt noch immer ist.

Cristiano Ronaldo soll 2009 eine Frau vergewaltigt haben. Ist diese Anklage ein Gradmesser für die MeToo-Bewegung? Foto: Emilio Andreoli / Getty Images

Zwölf Monate sind vergangen, seit die New York Times und der New Yorker die Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein offenlegten und berichteten, wie Weinsteins Opfer gerichtlich unter Druck gesetzt wurden, um mit ihren Geschichten nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Zwölf Monate, seit Tausende Betroffene sich unter dem Hashtag #MeToo in den sozialen Medien zu Wort meldeten und von ihren eigenen Erlebnissen mit sexualisierter Gewalt und Sexismus erzählten.

MeToo wurde zum repräsentativen Schlagwort für sexualisierte Gewalt gegen Frauen und patriarchale Machtstrukturen sowie für undurchsichtige Bewerbungsprozesse in künstlerischen Branchen. Zwölf Monate voller Debatten, voller Streit, voller zum Teil prominenter Namen. Beinahe ein Jahr nach dem Aufkommen des Hashtags gelangt nun ein weiterer prominenter Fall an die Öffentlichkeit: Fußballstar Cristiano Ronaldo wird beschuldigt, eine Frau vergewaltigt zu haben.

Anklage gegen Ronaldo

Ende August reichte die US-Amerikanerin Kathryn Mayorga Klage gegen den Weltstar Cristiano Ronaldo ein. Im Jahr 2009 soll er sie in Las Vegas vergewaltigt haben. Mayorga ging damals zur Polizei, 2010 kam es zu einer außergerichtlichen Einigung zwischen ihr und Ronaldo. Er zahlte 375.000 Euro Schadensersatz. Sie unterschrieb im Gegenzug, über den Vorfall zu schweigen und keine weiteren rechtlichen Schritte gegen den Fußballer einzuleiten. Nun hat Mayorgas neuer Anwalt Leslie Stovall den Fall wieder aufgerollt. In einer Zivilklage will er die Einigung für nichtig erklären und eine weitere Zahlung von 200.000 Euro an Mayorga erzielen.

[Außerdem auf ze.tt: Ein Jahr #MeToo: Diese neun Geschichten sagen sexueller Belästigung den Kampf an]

Es geht bei den Anschuldigungen gegen Ronaldo nicht nur um sexualisierte Gewalt, sondern auch darum, dass seine Anwälte Mayorga nach der Tat unter Druck gesetzt haben sollen. Die Einigung, auch Settlement genannt, hält Mayorgas Anwalt Leslie Stovall daher für ungültig. Mayorga sei zu dem Zeitpunkt der Einigung traumatisiert gewesen und lebe bis heute aufgrund ihrer Erlebnisse mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie aus der Anklageschrift hervorgeht. Durch diese Umstände und den starken emotionalen Stress, unter dem sie zu dem Zeitpunkt gestanden hätte, sei sie nicht in der Verfassung gewesen, juristische Dokumente zu unterzeichnen. Außerdem zweifelt Stovall den Inhalt der Einigung als rechtswidrig an. Er halte es für illegal, jemanden unterschreiben zu lassen, keine strafrechtlich relevanten Anschuldigungen erheben zu dürfen, so wie es von Mayorga gefordert wurde. Der Fall wird nun vor dem Bezirksgericht Nevada verhandelt. Sollten sich die Vorwürfe gegen Ronaldo erhärten, könnte die Staatsanwaltschaft anklagen und einen Haftbefehl aussprechen.

Anhand des Falles Ronaldo lohnt sich ein Blick in die vergangenen zwölf Monate: Wie hat sich unser Umgang mit Vorfällen und Anschuldigungen sexualisierter Gewalt verändert? Was hat die MeToo-Bewegung gebracht?

Wann ist ein Nein ein Nein?

Teil der Einigung zwischen Mayorga und Ronaldo war ein Dokument, das dem Spiegel vorliegt und in dem Ronaldos Darstellung der Nacht geschildert wird. In dem Dokument bestätigt er, dass Mayorga mehrfach „Nein“ und „Stopp“ gesagt hätte. Gleichzeitig behauptet der Fußballer, der Sex zwischen ihnen sei einvernehmlich gewesen. Die Diskrepanz zwischen beiden Aussagen sollte nicht erst seit dem Nein-heißt-Nein-Zusatz im Sexualstrafrecht irritieren. Gleichzeitig zeigt Ronaldos Haltung und die öffentlichen Reaktionen deutlich, dass ein Nein auch heute noch immer hinterfragt und relativiert wird.

Unterstützer*innen ignorieren Vorwürfe

Ronaldos Verein Juventus Turin bekennt sich weiterhin zu dem Spieler. „Ronaldo hat hier in den vergangenen Monaten großartige Professionalität und Hingabe an den Tag gelegt, die jeder hier bei Juventus schätzt“, äußerte sich der Verein auf Twitter. Trainer Fernando Santos fügte hinzu, er kenne Ronaldo und glaube alles, was dieser sage. Damit stellt sich der Verein klar hinter einen beschuldigten Vergewaltiger, ohne die rechtliche Grundlage der Beschuldigungen auch nur zu prüfen.

Etwas anders sieht es bei den Sponsoren aus, die den Fußballer unterstützen. Nike, Hauptsponsor des Spielers, zeigte sich wachsam. „Wir sind tief besorgt über die beunruhigenden Vorwürfe und werden die Situation weiterhin genau beobachten“, erklärte ein Pressesprecher gegenüber der französischen Nachrichtenagentur AFP. Ronaldo hat seit zwei Jahren einen lebenslangen Vertrag mit dem Sportartikelhersteller. Ähnlich positionierte sich der Videospieleentwickler EA Sports. Ronaldo ist gemeinsam mit dem Spieler Neymar das Gesicht des neuen Spiels FIFA 19. Das Unternehmen teilte mit, man würde die Situation genau beobachten. Zusammenarbeiten seien nur dann möglich, wenn die Werbepat*innen die Werte des Unternehmens teilen würden.

Warum hat sie so lange geschwiegen?

Neun Jahre nach der Tat ist Mayorga nun wieder in die Öffentlichkeit getreten. Warum erst jetzt, fragten viele Skeptiker*innen. Das erinnert an die Aussage von Trump, Betroffene müssten sich direkt nach der Tat äußern, damit ihnen Glauben geschenkt würde. Immer wieder wird dieses Argument benutzt, um sexuelle Übergriffe infrage zu stellen und auch zu verleumden. Obwohl gerade durch MeToo klar wurde, dass viele Menschen bisher einfach nicht den Mut hatten, über Übergriffe und Missbräuche zu sprechen. Doch die Geschichten von anderen Frauen hätten sie motiviert, sich zu äußern. So ging es auch Mayorga, erklärte ihr Anwalt. Die MeToo-Bewegung hätte sie ermutigt, den Fall erneut vor Gericht zu bringen.

Man erkennt Täter*innen von außen nicht

„Hättest du das von ihm gedacht?“ „Der hat so was Schmieriges an sich, dem trau ich das schon zu.“ Solche Sätze sind irreführend und gefährlich. Die MeToo-Debatte hat gezeigt, dass es insbesondere Personen in Machtpositionen sind, die ihren Einfluss und ihre Macht ausnutzen und Menschen, die ihnen unterstellt oder von ihnen abhängig sind, zu sexualisierten Handlungen nötigen. Weder das Auftreten noch die Sympathie, die wir für einen Menschen empfinden, verrät etwas darüber, ob es sich bei der Person um eine*n Täter*in handelt.

Talent ist kein Freifahrtschein

„Die Dinge, die sich vor fast zehn Jahren angeblich ereignet haben sollen, ändern nichts an dieser Meinung, die jeder teilt, der jemals Kontakt zu diesem großartigen Champion hatte“, teilte Ronaldos Verein Juventus Turin gestern auf Twitter mit. Auch diese Aussage ist gefährlich und verharmlost die Anschuldigungen. Talent berechtigt nicht dazu, Gesetze zu brechen und Menschen zu missbrauchen. Das sollten sich auch Fans vor Augen führen und sich fragen, ob sie die beschuldigten Menschen weiterhin unterstützen möchten – und wie sie mit ihrem Geld oder ihrer Energie die Berechtigung von Täter*innen, Teil der Öffentlichkeit zu bleiben, aufrechterhalten.

„Sie will nur berühmt werden“

Gerade Frauen wurde in der Diskussion um MeToo immer wieder vorgeworfen, dass sie sich selbst nur in den Mittelpunkt rücken wollten, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Hört man beispielsweise den Schauspielerinnen zu, die Dieter Wedel sexuelle Nötigung vorwerfen, wird klar, wie sehr diese Frauen mit sich gehadert haben, überhaupt an die Öffentlichkeit zu gehen. Ja, es ist wichtig keine Schlüsse zu ziehen, ohne ein Urteil abzuwarten, aber es ist auch wichtig, die Opfer von sexualisierter Gewalt nicht infrage zu stellen, nur weil es sich bei dem beschuldigten Täter um eine prominente Person handelt. Wer mitverfolgt hat, mit wie viel Hass und Anfeindungen Betroffene konfrontiert werden, sollte sich fragen, warum sich jemand dieser Situation aussetzen sollte, der es nicht um Gerechtigkeit geht.

Wie viel hat sich also in einem Jahr MeToo-Bewegung verändert?

Der Fall Ronaldo zeigt, dass die Antwort nur sein kann: Nicht genug! Victim Blaming und Shaming wird in der Öffentlichkeit immer noch betrieben, obwohl im vergangenen Jahr so intensiv darüber diskutiert und aufgeklärt wurde, wie gefährlich die Diskreditierung der Opfer ist. Durch MeToo wurde offensichtlich, dass gerade Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt wurden, ohnehin andauernd die Schuld bei sich selbst suchen, anstatt bei dem Täter. Scheinargumente über den Zeitpunkt oder das Erhaschen von Aufmerksamkeit verbreiten sich, anstatt über die Tatsachen zu sprechen. Es existiert ein Dokument aus dem Jahr 2010, das besagt, dass Fußballstar Cristiano Ronaldo Sex mit einer Frau hatte, obwohl sie mehrmals „Nein“ und „Stopp“ gesagt habe. Auf diese Tatsache sollte man sich konzentrieren, während man das Urteil des Gerichts abwartet. Kein Talent und kein Werbevertrag sollte solche Anschuldigungen überdecken können.