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„Ich habe mich entschieden, diesen Mann zu heiraten, um zu überleben“

Dürre und Flut zerstören in Ostafrika die Ernte, Familien verarmen. Für viele junge Mädchen ist eine Heirat deshalb die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben.

Maliya Mapira war 15 als sie ihren heutigen Ehemann Maliki heiratete. Als sie schwanger wurde, sah sie in der Ehe den einzigen Ausweg, um ein angemessenes Leben führen zu können: „Meine Eltern sind Bauern, sie pflanzen hauptsächlich Tabak an. Durch das Wetter lief es mit dem Anbau nicht gut. Also habe ich mich entschieden, diesen Mann zu heiraten, um zu überleben.“ Die mittlerweile 16-Jährige lebt mit ihm und ihrem Sohn in einem kleinen Dorf in Malawi. Wenn ihre Eltern sie hätten unterstützen können, wäre sie lieber weiter zur Schule gegangen, erzählt sie.

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Sie ist eine von insgesamt zwölf jungen Frauen, deren Geschichten das Projekt Brides of the Sun in Form von Videointerviews erzählt. Alles Frauen in Malawi und Mosambik, die noch als Kinder geheiratet haben. Nicht unbedingt aus Liebe, sondern um ihren Familien nicht mehr zur Last zu fallen. Kinderehen, für die indirekt der Klimawandel verantwortlich ist.

Die Erderwärmung verändert nicht nur die Landschaft

Dass es auf der Erde wärmer wird, lässt sich mittlerweile nicht mehr abstreiten. Im Vergleich zum Ende des 19. Jahrhunderts ist die Temperatur bereits um gut ein Grad angestiegen. Auf der UN-Klimakonferenz in Bonn beraten gerade Vertreter*innen aus 195 Staaten über das Pariser Klimaabkommen und darüber, wie sie den globalen Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad begrenzen können. Im Moment steuert die Welt eher auf eine Erwärmung von mehr als drei Grad Celsius zu.

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Einige Folgen wie ein steigender Meeresspiegel, schmelzende Polarkappen und immer häufiger vorkommende Wetterextreme machen sich bereits bemerkbar. Doch der Klimawandel wirkt sich nicht nur auf die Umwelt aus, sondern verändert auch die humanitäre Situation. Der Klimabericht von Oxfam Uprooted by Climate Change zeigt, dass die klimatischen Veränderungen in den Jahren 2008 bis 2016 rund 21,8 Millionen Menschen entwurzelt und in die Migration getrieben haben.

Die Bevölkerung in vielen afrikanischen Ländern leidet unter steigenden Temperaturen, geringeren Ernteerträgen und weniger Fischfang. Die aktuelle Dürre in Ostafrika ist laut Report die schlimmste seit Menschengedenken. Nachdem sich bereits in den vergangenen drei Jahrzehnten ein Trend abzeichnete, seien insbesondere die letzten drei Jahre von wenig Regen und hohen Temperaturen durchzogen gewesen. Familien verarmen und können ihre Kinder nicht länger ernähren, was für junge Mädchen in Kinderehen enden kann. Sie werden verheiratet, um sie aus dem Haus zu bekommen. Für diese ist eine Hochzeit oft eine Chance auf einen Neuanfang, die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ihr heutiger Ehemann zahlte Filomena Antonisos Vater rund 30 Dollar dafür, um die damals 15-Jährige zur Frau nehmen zu können. Als Fischer zog er immer weniger an Land und konnte die Familie kaum versorgen. „Ich glaube, dass mein Vater, wenn es mit der die Fischerei besser gelaufen wäre, das Angebot nicht angenommen hätte“, sagt Filomena, mittlerweile 19 Jahre alt, während ihr jüngstes Kind Azamad an ihrer Brust nuckelt. „Ich dachte, dass mein Leben besser würde, dass ich weniger leiden müsste. Aber selbst nachdem ich geheiratet habe, sind die Lebensbedingungen noch schwierig.“

Hoffnung auf besseres Leben, doch meist genauso viel Leid

Die Menschen in Malawi und Mosambik haben mit besonders extremen Wetterbedingungen zu kämpfen. Der Globale Klima-Risiko-Index 2017 von Germanwatch, der zeigt, wie stark Länder von Wetterextremen wie etwa Überschwemmungen, Stürmen, Hitzewellen betroffen sind, führte die beiden Länder unter den ersten drei Regionen weltweit an.

Rute Fumulani verlor ihre Eltern als ihr Heimatdorf vor zwei Jahren überschwemmt wurde: „Der Regen kommt nicht mehr regelmäßig. Statt wie früher im Oktober, kommt der Regen nun erst im Dezember – dann ganz viel auf einmal und danach folgt eine Trockenperiode, wodurch alle Pflanzen kaputtgehen.“ Noch im selben Jahr, sie war damals gerade einmal 14 Jahre alt, heiratete sie ihren heutigen Ehemann Fumulani. Wie auch Maliya hoffte sie auf ein besseres Leben, doch auch sie und ihr Mann kämpfen. Sie verdienen kaum etwas, wenn sie überhaupt Arbeit finden können und essen nur an drei Tagen die Woche.

Noch keine offiziellen Zahlen

Genaue Zahlen dazu, wie viele Kinderehen eine indirekte Folge des Klimawandels sind, gäbe es bisher nicht, erklärt Fotojournalist Gethin Chamberlain, der gemeinsam mit Reporterin Maria Udrescu und der Videojournalistin Miriam Beller die jungen Frauen von Brides of the Sun getroffen und porträtiert  hat. „Wir mussten die Interviews mit den als Kinder verheirateten Frauen und mit Experten in den beiden Ländern nutzen, um eine Idee davon zu bekommen, welche Größenordnung das Thema hat. Ein Experte in Malawi schätzte, dass allein in diesem Land eineinhalb Millionen Mädchen von Kinderehen betroffen wären.“ Chamberlain erklärt, sie könnten definitiv einen Trend erkennen. Die Zahlen ließen vermuten, dass weitere Millionen junge Mädchen in Afrika dasselbe Schicksal teilen.

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