Was deutsche ESC-Beiträge von anderen Ländern lernen können

Den deutschen Künstler*innen beim Eurovision Song Contest mangelt es oft an Verwegenheit, Mut und Einsatz. Zeit, die Spießigkeit abzulegen, findet unsere Autorin.

BDSM auf der Bühne: Hatari aus Island. Foto: Lilja Jóns

Alle Jahre wieder spaltet sich Deutschland in zwei Lager auf: ESC-Hasser*innen und ESC-Fans. Worüber sich aber viele, egal auf welcher Seite sie stehen, oft einig sind, ist die Platzierung des deutschen Beitrags. Nämlich ziemlich weit hinten. Nur selten hört man Sätze wie: „Och, dieses Jahr könnten wir es weiter nach oben schaffen“. Immerhin hat es Michael Schulte im vergangenen Jahr auf den vierten Platz geschafft und auch Lena Meyer-Landrut hat 2010 bewiesen, dass „Germany: zero Points“ nicht zum Standard gehören muss.

Trotzdem haben viele Songcontest-Beobachter*innen Freude daran, – oft bereits direkt nach der Entscheidung, wer Deutschland im aktuellen Jahr vertreten wird – zu unken und sich auf eine Niederlage einzustellen. Klar, nicht jeder Beitrag kommt immer gut an oder hat Chancen auf den Sieg, aber schaut man auf die Teilnehmer*innen anderer Länder, sieht es oft nicht besser aus. Der Unterschied ist allerdings, wie man dort damit umgeht.

Spaß ist größer als ein Sieg!

Eines der wichtigsten Motti des Eurovision Song Contest ist es, Spaß zu haben. Natürlich ist es ein Wettbewerb und der Sieg nicht zu verachten. Aber gerade im Blick auf das Drumherum, die Botschaften und die Etablierung des ESC als größtes Live-Event des Kontinents geht es um so viel mehr – nämlich Offenheit, Spaß und Gemeinschaft. Dabei werden vor allem Beiträge, die sich selbst nicht ganz ernst nehmen, immer beliebter. Durchgeknallte Auftritte wie der von Verka Serduchka (Ukraine) im Jahr 2007 kommen vielleicht bei der Fachjury nicht ganz so gut an, begeistern aber das Publikum – was ihr den zweiten Platz einbrachte. Überhaupt beweisen Osteuropa und Russland gerne einen Hang zur Dramatik. Seien es große Balladen mit viel Schmachtpotenzial, wie der bulgarische Beitrag 2017 von Kristian Kostov, oder eben Beiträge, bei denen man einfach schmunzeln muss, wie die süßen Omis von Buranowski Babuschki aus Russland, die fröhlich 2012 auf der Bühne herumwackelten und die aussterbende udmurtische Sprache in einem recht eingängigen Lied wieder zum Leben zu erwecken.

Unsere skandinavischen Nachbarn verstehen es ebenso, das Publikum zu unterhalten. Und damit ist nicht unbedingt Schweden gemeint, das spätestens seit ABBAs Sieg 1974 durchgehend als Favorit gehandelt wird, sondern vor allem Finnland und Island. Erinnert sei etwa an den legendären Auftritt von Lordi, die Hard Rocker aus der Latexmaskenhölle. Sie haben 2006 gewonnen – spätestens sie haben bewiesen, dass der ESC nicht mehr nur ein Wettbewerb für weichgespülte Schlager– und Popformationen ist. Dieses Jahr überrascht vor allem Hatari aus Island: Mit Kapitalismuskritik, BDSM-Outfits und einem Song, der sich gewaschen hat, ist jetzt schon ein exzentrischer Auftritt garantiert.

Mut zum Anderssein

Der ESC war schon immer Platz für Auftritte der sonderbaren Art, man denke beispielsweise an die belgische Band Telex, die 1980 mit ihrem modern anmutenden Setting das Publikum verstörte. Mut zum Auffallen wurde in den vergangenen Jahren immer mehr zum Leitmotiv vieler Beiträge. Damit sind nicht nur die durchgeknallten Acts gemeint, die vor allem auf die Partyfreudigkeit des Publikums abzielen, sondern auch solche, die Diversität und Offenheit in den Vordergrund stellen: Conchita Wurst und Dana International sind dabei wohl die bekanntesten Vertreter*innen – und Gewinner*innen. Der ESC ist bunt, das war er schon immer. Doch immer häufiger werden wichtige Botschaften in den Vordergrund gerückt – und vom Publikum belohnt. 2018 setzte die Siegerin Netta auf eine extravagante Nummer mit tiefgehender Botschaft – und siegte.

Traut euch, ihr Spießer*innen!

Natürlich ist es eine sichere Hausnummer, Kandidat*innen zum ESC zu schicken, die mittelmäßige Nummern im Gepäck haben, die dann zu mittelmäßigen Platzierungen führen – aber Spaß macht das nicht. Andere Länder setzen ebenfalls auf dieses vermeintliche Erfolgsrezept und landen damit, wie auch die Deutschen Beiträge, gerne mal im hinteren Mittelfeld. Die wahren Gewinner*innen sind immer diejenigen, die entweder mit einem großartigen Song, einem außergewöhnlichen Auftritt oder im besten Fall mit einer Kombination aus beidem aufwarten. Den deutschen Beiträgen mangelt es oft an Verwegenheit, Mut und Einsatz. Sind es nicht Wadde hadde dudde da oder Satellite, die uns im Gedächtnis geblieben sind? Mut zahlt sich aus. Immer. Und selbst, wenn es vielleicht wieder heißt „Germany: zero Points“, kann man einfach einmal mutig sein und sagen: Ist doch egal, Hauptsache wir haben Spaß!