Was die Corona-Krise mit unserem Zeitgefühl macht

Für viele fühlt es sich so an, als hätten die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus auch unser Zeitgefühl aus dem Takt gebracht. Eine Wissenschaftlerin erklärt, was hinter dieser Zeitwahrnehmung steckt.

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Wer an der Uhr gedreht hat, haben wir gefragt! Foto: Emily Henry / Unsplash | CC0

„Und einmal hab ich dich getroffen / Ich glaube fast es war irgendwann im Mai / Du zeigtest dich betroffen / Von der Zeitverfluggeschwindigkeit“, heißt es in einem Lied von Tocotronic. Nun ist die Veröffentlichung dieses Songs unglaublicherweise schon mehr als zwanzig Jahre her, aber dieses Mai-Gefühl, das ist wieder da.

Denn irgendwie scheint es, als hätten die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus etwas mit unserem Zeitgefühl gemacht. Auf der einen Seite kommt es einer*m so vor, als wäre die Zeit gerast und zugleich fühlt sie sich unfassbar schweeerfääälllig an: Der März hatte gefühlt 900 Tage aber warum bitte ist jetzt schon Mai?

Was ist denn da los?

Isabell Winkler forscht an der TU Chemnitz zu subjektivem Zeitempfinden und erklärt erst mal Grundlegendes zu unserer Zeitwahrnehmung: „Wir gehen von einem inneren Taktgeber aus. Wir wissen zwar nicht genau, wo sich der befindet, aber wir können ihn uns metaphorisch als innere Uhr vorstellen.“

Und diese innere Uhr bestimmt letzten Endes auch unser Gefühl für die Zeitgeschwindigkeit, genauer: Die Aufmerksamkeit, die wir auf diese Uhr richten: „Wir haben ja in etwa ein Gefühl für die Dauer einer Minute, von fünf oder zehn Minuten“, sagt Winkler. „Die Aufmerksamkeit auf die Zeit bestimmt, wie viele Takte der inneren Uhr wir mitbekommen.“

Wir kennen das aus vielen alltäglichen Situationen. Das Warten auf den Bus mit Handy, dessen Akku leer ist, dauert gefühlt doppelt und dreifach so lange – weil wir die Aufmerksamkeit so sehr auf die Zeit richten, dass wir jeden Takt der inneren Uhr mitbekommen. Aber wenn wir beim Warten auf den Bus einen spannenden Text lesen oder uns durch eine beeindruckende Bilderstrecke klicken, blenden wir das Ticktack der Uhr aus. Die Zeit fühlt sich schneller vergangen an, weil wir die Takte der inneren Uhr sozusagen verpassen.

Ein weiterer Faktor, der die Zeitwahrnehmung beeinflusst, ist das innere Erregungsniveau, wie Isabell Winkler erläutert. Wenn wir körperlich und emotional gefordert sind – etwa beim Sport oder wenn wir stark weinen müssen – dann taktet die innere Uhr schneller und wir zählen mehr Takte. Die Zeit kommt uns also länger vor.

Schließlich spielt aber auch die Erwartung an die Zeitverfluggeschwindigkeit eine Rolle. Wenn wir zum Beispiel in einer Besprechung auf der Arbeit sind, die für 30 Minuten angesetzt war und sich deutlich verlängert. Oder wenn wir auf eine Freundin warten, die „in zehn Minuten“ da sein wollte, sich aber verspätet, dann stellt sich ein Kontrasteffekt ein: Wir nehmen die Taktung der inneren Uhr wieder deutlich wahr und die Zeit dehnt sich. Und wird länger und länger. Zumindest gefühlt.

Wenn wir in einem Jahr auf diese Zeit zurückblicken, werden wir sagen: Was, nur drei Monate?

Isabell Winkler, TU Chemnitz

Während wir warten, vergeht die Zeit langsamer

Aber wir nehmen Zeit natürlich nicht nur prospektiv (also im Hier und Jetzt) wahr, sondern auch retrospektiv, also im Hinblick auf Dinge, die bereits geschehen sind. Und diese beiden Perspektiven der Zeitwahrnehmung sind seit Anfang, Mitte März so besonders.

Auf der prospektiven Seite wird sich die Zeit für viele von uns eher lang angefühlt haben. Wenig Abwechslung, viel Warten. Denn gerade in der ersten Phase des Social Distancing konnten wir alle nicht so gute Erwartungen hinsichtlich der Zeitgeschwindigkeit bilden. Wir wussten einfach nicht, wie lange die Maßnahmen in der Form aufrecht erhalten werden würden und das kann die Zeitwahrnehmung eben verlangsamen. Denn während des Wartens vergeht die Zeit meistens zäher – wobei es natürlich auch darauf ankommt, wie gut man sich ablenken kann oder wieviel Stress man hat.

Zeit aus dem Gedächtnis

Schauen wir jetzt aber auf die vergangenen Monate zurück, gilt die Wahrnehmung der inneren Uhr nicht mehr. Wir können nur noch retrospektiv auf die Zeit blicken, das heißt wir müssen die Zeitwahrnehmung aus unseren Erinnerungen reproduzieren. Und wie lang oder kurz sich retrospektiv Zeiten anfühlen können, kennen wir vermutlich auch alle. Die meisten Menschen haben zum Beispiel ihre Kindheit als relativ lang im Gedächtnis, was daran liegt, dass wir für diese Zeit viele Ereignisse (und viele erste Male) abgespeichert haben.

Und so lässt sich annehmen, dass es sich mit der Zeit der Corona-Pandemie ganz ähnlich verhält: Es sind viele, auch viele ungewöhnliche, Dinge passiert. Auch Dinge, die wir zum ersten Mal erlebt haben. Daher wird uns diese Zeitspanne im Rückblick wohl auch eher lang vorkommen.

„Unsere Zeitwahrnehmung während der Corona-Krise ist also durch beides beeinflusst“, erklärt Winkler, „prospektiv vergeht sie für die meisten von uns langsamer, weil wir sie als Wartezeit wahrgenommen und eine höhere Aufmerksamkeit darauf gerichtet haben. Und retrospektiv wird sie uns lang vorkommen, weil wir so viele Erlebnisse in der Zeit abgespeichert haben.“

Ver-rückte Zeiten. Und so werden wir uns vielleicht irgendwann in einem Mai wieder über die Zeitverfluggeschwindigkeit betroffen zeigen, wie Winkler vermutet: „Wenn wir in einem Jahr auf diese Zeit zurückblicken, werden wir – vorausgesetzt, die strengen Social-Distancing-Maßnahmen kommen nicht wieder – sagen: Was, nur drei Monate?“

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