Was du wissen solltest, bevor du dir den Spotify-Podcast „Susi“ anhörst

Spotify hat einen neuen Hörspiel-Podcast im Programm. Der birgt großes Potenzial, unsere Abhängigkeit von Siri, Alexa und Co. zu kritisieren – aber verschenkt es. Eine Kritik

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Almila Bagriacik spricht im neuen Podcast von Spotify eine Frau, die als Sprachassistentin User*innen-Fragen beantwortet. Foto: © Antonio Castello / Spotify

Es gibt einen brandheißen, neuen Trend in der deutschen Podcastwelt: Fiction Podcasts. Das von ProSieben gegründete Podcastnetzwerk Feyo hat zum Beispiel mit Lynn einen Vertreter dieses Genres im Programm, Spotify hat jetzt Susi nachgelegt. Fiction Podcasts sind keine Gesprächs-, Nachrichten- oder Reportageformate, sondern Geschichten zum Hören, akustische Filme – eigentlich könnte man auch ganz einfach von Hörspielen sprechen.

So wenig neu die Idee der sogenannten Fiction Podcasts ist, so wenig neu ist die Story von Susi. Bei Susi handelt es sich um die deutsche Fassung von Sandra, einer Produktion des US-Podcast-Labels Gimlet Media. 2019 hat Spotify Gimlet aufgekauft und versucht nun, die Gimlet-Marken auf unterschiedlichen Märkten weiterzuverwerten. Damit Susi in Deutschland zündet, hat Spotify sich Podcast-Prominenz ins Boot geholt: Das Ehepaar Maria Lorenz-Bokelberg und Nilz Bokelberg (Gästeliste Geisterbahn, Faking Hitler, Alles gesagt?) produziert Susi, als Sprecher*innen sind Martina Hill, Almila Bagriacik, Bastian Pastewka und Alexander Scheer mit dabei.

Bevor du dir nun die sieben Folgen respektive zweieinhalb Stunden Susi anhörst, die es auf Spotify gibt, kommt hier eine Einschätzung in vier Punkten.

1. Susi ist grundsätzlich eine coole Idee

Im Podcast begleiten wir Sara, die sich von ihrem Freund getrennt hat und nicht so richtig weiß, wohin sie im Leben will. Auf jeden Fall raus aus Plön, einer verschlafenen Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Ein neuer Job soll das nötige Kleingeld für den Ausbruch liefern – und zum Glück befindet sich das internationale Tech-Unternehmen Orbital Teledynamics in Saras Kaff. Deren größtes Produkt ist Susi, eine Sprachassistentin angelehnt an Alexa und Siri.

Das Besondere: Hinter Susi steckt nicht nur Künstliche Intelligenz, sondern auch eine Bagage an Mitarbeitenden, die in einem riesigen Telefoncenter mit den Benutzer*innen sprechen. Sara wird in Episode eins an ihren Platz gesetzt und soll von nun an fürs Thema Vögel zuständig sein. Das heißt, immer, wenn jemand Susi etwas über Vögel fragt, spricht er eigentlich mit Sara.

Vor allem die Gespräche mit den User*innen sind interessant, weil wir hier nur durchs Hören voyeuristisch in die Lebensrealitäten unterschiedlicher Menschen mitgenommen werden und sich immer die Frage stellt: Helfen uns digitale Assistent*innen eigentlich – oder machen sie uns dümmer, weil wir jede x-beliebige Frage ins Telefon quatschen?

Im Laufe der Staffel bauen wir vor allem zu einem User eine stärkere Verbindung auf, der völlig vereinsamt zu sein scheint. Irgendwann spitzt sich die Story zu, wenn wir erfahren, warum das so ist.

2. Susi ist Science-Fiction, aber traut sich nicht tief genug an ihre Thematiken ran

Das größte Problem von Susi ist, dass die Serie Science-Fiction-Elemente fast nur zum World Building benutzt, dass aber – anders als in diesem Genre typisch – keine radikalen Fragen aufgeworfen werden. In gewissem Sinne ist der Podcast sogar sehr konservativ. Susi bildet unsere heutige Welt ab, in der Riesenunternehmen all unsere Daten sammeln und ständig genau wissen, was wir gerade tun. Dass das durchaus fragwürdig ist, wird so gut wie gar nicht oder eher ironisch kritisiert.

Besonders problematisch wird das, als sich Susi irgendwann zum Überwachungsgadget wandelt. Susi glaubt später in der Geschichte selbst, dass sie ziemlich hilfreich sei und daran, dass ohne sie keine guten Taten mehr möglich seien. Das ist insofern spannend, als dass Spotify ja selbst eine Plattform ist, die mit ihren auf unser Hörverhalten zugeschnittenen Vorschlägen von sich selbst zu glauben scheint, ziemlich clever zu sein. Die großen, interessanten K.-I.-Fragen kommen allerdings dann nicht auf: Was will die K. I. denn eigentlich selbst? Hat sie ein Bewusstsein? Wen das interessiert, der*die sollte sich lieber Her von Spike Jones anschauen.

3. Das US-Original ist vom Klang her besser

In der Handlung sind das US-Original Sandra und die deutsche Kopie Susi identisch. Akustisch reichen die Sprecher*innen aber bei Weitem nicht an die Originalbesetzung mit unter anderem Kristen Wiig und Ethan Hawke heran. In der deutschen Fassung wirken die Dialoge immer einen Tick zu aufgesetzt: “Wir ziehen jetzt diese Nummer durch, na du weißt schon, diese Nummer” – niemand spricht im echten Leben so.

Was Spaß macht: Hör die unterschiedlichen Versionen einfach mal abwechselnd. Sandra wurde auch nach Frankreich, Brasilien und Mexiko überführt. Da die Geschichte dieselbe ist, kann man zum Beispiel die erste Folge auf Französisch hören, die zweite auf Englisch und die dritte auf Deutsch. Das hat einen Mehrwert, weil man erkennen kann, wie sich die Tonalität unterscheidet, welche Charaktere auf einmal ganz anders wirken.

Besonders auffällig ist die unterschiedliche Figureninterpretation bei Saras Freund Ronny: Im US-Original klingt er wie ein zugehackter Hinterlandgangster, im Deutschen tritt einer*m hingegen der dusselige Hauptcharakter aus How To Sell Drugs Online (Fast) entgegen, weil Ronny von dessen Darsteller Maximilian Mundt gesprochen wird.

4. Das Ende von Susi könnte dich enttäuschen

Die meisten Serien sind mit der ersten Staffel eigentlich auserzählt, werden aber dann unnötig in die Länge gestreckt. Ein gutes Beispiel war die fantastische Serie Big Little Lies, die nach dem Riesenerfolg der ersten Staffel ohne Grund (ja okay, Meryl Streep war vielleicht schon ein Grund) verlängert wurde. Nun ergeben sich für Serienschaffende mehrere Möglichkeiten: Entweder legt man die erste Staffel so an, dass sie auch geschlossen funktioniert, lässt aber die Möglichkeit der Verlängerung offen (wie bei Big Little Lies). Oder man macht von vornherein klar, dass das Projekt auf mehrere Staffeln ausgelegt ist.

Bei Susi gibt’s nun das sehr seltsame Problem: Die deutsche Produktion – wie auch die US-amerikanische – enden mit einem Cliffhanger, aber seitdem ist in den USA nichts mehr passiert. Das Original Sandra ist dort 2018 erschienen und bisher haben wir nichts von einer Verlängerung gehört. Ich vermute, dass die Serie nach diesem großen internationalen Push verlängert wird – es könnte aber auch sein, dass wir Jahre auf eine zweite Staffel warten werden. Und dazu kommt noch eine andere Sache: Der Cliffhanger ist unnötig und unbefriedigend. Susi spitzt sich irgendwann auf eine persönliche Thriller-Story zu, die Science-Fiction nur noch als Setting hat, aber nicht mehr als Inhalt.