Was für eine Heldin! Warum du unbedingt den Ghibli-Film „Nausicaä“ sehen solltest

Hayao Miyazakis Durchbruchswerk von 1984 wird selbst von Animefans gern übersehen. Dabei können wir viel von Nausicaä lernen. Eine Kritik

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Nausicaäs Waffen sind Sanftmut, Mitgefühl und immer wieder Deeskalation. Filmstill: Studio Ghibli

Seit Anfang März ist der zweite Schwung Animationsfilme aus dem Studio Ghibli auf Netflix verfügbar. Darunter sind diesmal die weltweit wohl bekanntesten Werke Prinzessin Mononoke (1997) und Chihiros Reise ins Zauberland (2001). Mit Mononoke schaffte der heute 79 Jahre alte Ghibli-Chef Hayao Miyazaki den internationalen Durchbruch, seither kommen die Filme der Animeschmiede wie selbstverständlich auch im Westen ins Kino. Für Chihiro gab es schließlich 2003 den Oscar als Bester animierter Spielfilm.

Klar ist es super, dass diese beiden großen Meister*innenwerke gerade fast dauerhaft in den Netflix-Beliebtheitscharts auftauchen, aber den Namen Nausicaä kennen dagegen bis heute nur gut informierte Animefans. Das könnte auch daran liegen, dass Nausicaä aus dem Tal der Winde (1984) noch vor der Gründung des Studios entstand. Dabei war der Film in vielerlei Hinsicht richtungsweisend für Ghibli, denn erst durch seinen finanziellen Erfolg konnten die Mitarbeiter*innen sich selbstständig machen und den internationalen Siegeszug verwirklichen.

Hayao Miyazaki adaptierte in dem Film seinen eigenen Manga, welchen er auch danach noch viele Jahre fortsetzte, und verwob darin Elemente japanischer Sagen und griechischer Mythologie. Das Ergebnis ist auch im Jahr 2020 noch eindrücklich-atmosphärisch, fast beängstigend nah an den drohenden Dystopien unserer von Klimawandel und Spätkapitalismus geprägten Realität. Nausicaä ist zwar wie ein typischer Abenteueranime aufgebaut, aber viel mehr als das, was ihn bis heute sehr sehenswert macht.

Ein dystopischer Manga wird zum Film

Nausicaä spielt in einer unwirtlichen Wüstenwelt, die von Dünen, riesigen Insekten und giftigen Pilzwäldern geprägt ist. Ein verheerender Weltkrieg, bei dem verbotene Riesenwesen zum Einsatz kamen, hat die Menschheit dezimiert und die meisten Überlebenden auf eine einfache Existenz zurückgeworfen. Technologie ist ein rares Gut, natürliche Bedrohungen lauern überall.

Hier flitzt die junge Nausicaä, Prinzessin eines kleinen Tales, auf ihrem Schwebegleiter durch die Einöde und stellt Forschungen an. Das „Meer der Fäulnis“ breitet sich nämlich immer weiter aus: Sie will verhindern, dass die giftigen Sporen der Pilzwälder ihre noch blühende Heimat verschlucken. Dabei entdeckt sie, dass die durch die Kriege vergiftete Erde das eigentliche Problem ist. Sauberes Wasser und sauberer Boden könnten die Rettung bedeuten.

Zu mehr Forschung kommt sie aber nicht. Ein in ihrem Tal abstürzendes, riesiges Frachtflugschiff zeigt: Es gibt immer noch mächtige Reiche, die einander bekriegen und vorgeben, eine sichere Welt durch Abschottung und Vernichtung der Pilzwälder erschaffen zu wollen. Die anrückenden Truppen töten Nausicaäs kranken Vater, versklaven die Talbewohner*innen und nehmen die Prinzessin als Geisel. Sie leistet keine Gegenwehr, denn sie bemerkt etwas Beängstigendes: Die Kriegstreiber*innen hatten ein monströses, in einer Art Kokon schlafendes Wesen an Bord des Frachters – ein schlafendes Exemplar der mysteriösen Kriegsries*innen, deren Einsatz die Welt so nachhaltig vernichtete. Seine Erweckung will Nausicaä unter allen Umständen verhindern.

Nausicaä thematisiert Weltkriege, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, den Einsatz gefährlicher Massenvernichtungswaffen, ja sogar die Gefahr einer tödlichen Pandemie kommt vor in Form von giftigen Sporen, die sich überallhin ausbreiten. Nausicaäs Welt wird bedroht von Gefahren, die wir kennen.

1994 erklärte Miyazaki in einem Interview des Magazins Yom, was ihn bei der Erschaffung der Story geritten hatte: „Es war um 1980. Der Umgang mit der Umwelt ekelte mich an, aber auch die Richtung, in die sich die Gesellschaft entwickelte.“ Damit spielt er auf die Wirtschaftsblase an, die damals in Japan zu massiven Immobilien- und Börsengeschäften führte, und letztlich in den 1990ern platzte. Auf ökologische Entwicklungen wurde zu der Zeit wenig Acht gegeben. Und doch ist Miyazakis Botschaft hier weit subtiler als in Prinzessin Mononoke, in dem der Gott des Waldes geköpft wird. Nausicaäs Postapokalypse ist eine eindringliche Warnung ohne überdeutlich erhobenen Zeigefinger.

Keine Ghibli-Heldin ist wie Nausicaä

Die Windprinzessin ist zudem die wohl stärkste Heldin im Gesamtwerk Miyazakis und des Studio Ghibli. Nausicaä ist frei und eigenständig, ohne dabei als burschikoser Wildfang gezeichnet zu sein. Sie wird nicht wie etwa Kiki aus Kikis kleiner Lieferservice oder Chihiro in ein Abenteuer geworfen, das sie nach dem Coming-of-age-Prinzip erst formt und reifen lässt. Nausicaä ist Forscherin, Beschützerin und Vorbild für ihre Mitmenschen. Sie ist nicht verhärmt und aggressiv wie anfangs noch Mononoke, ihre Waffen sind Sanftmut, Mitgefühl und immer wieder Deeskalation. Miyazaki erklärte es im Yom-Interview so: „Nausicaäs Rolle ist nicht die einer Anführerin. Sie ist mehr eine Repräsentantin, ein Medium, das die Dinge betrachtet. Die Leute, die ihr vertrauen, machen dann die großen Schritte.“

Schon zu Beginn des Films zeigt sie immer wieder, wie Konflikte selbst mit den bedrohlichen Rieseninsekten friedlich lösbar sind. Die gigantischen Käfer, die Omus, weiß sie durch Lichtblitze zu beruhigen. Wilde Tiere kann sie zähmen, indem sie ihr Vertrauen gewinnt. Und anstatt ein aggressives Wesen direkt zu töten, lockt sie es durch clevere Hilfsmittel aus ihrem Dorf.

Ihre Mitmenschen sagen, Nausicaä habe eine besondere Gabe, aber das muss so gar nicht stimmen: Sie zeigt nur, wie Erfahrung und Einfühlungsvermögen mancherlei Hau-drauf-Reflex unnötig machen. Sie sinnt nicht einmal auf Rache für ihre tote Familie, begibt sich nicht in die endlose Gewaltspirale. Eine auf feminine Weise so durchsetzungsstarke Heldin ist selbst im an mutigen Frauen nicht armen Ghibli-Kosmos fast einzigartig.

Nausicaä muss mehr gesehen und diskutiert werden

Kein Ghibli-Abenteuerfilm ist atmosphärisch dichter, so erwachsen und zugleich spannend. In seiner Message mag Nausicaä zwar subtil sein, aber unmissverständlich und absolut konsequent. Trotz allem wird der Film nur äußerst selten unter Miyazakis Werken hervorgehoben.

Toshio Suzuki, Produzent und heutiger Chef des Studio Ghibli, verriet sogar noch vor Kurzem, dass Hayao Miyazaki über die Jahre zahllose Anfragen finanzstarker Hollywoodstudios konsequent ablehnte, die Nausicaä als Realverfilmung produzieren wollten. Schaut man sich die aktuelle Flut der redundanten Disney-Zweitverwertungen an, ist das ein noch unmissverständlicherer Beweis für Miyazakis Treue zu seinen Figuren und Idealen.

Das Portal Nerdist titelte sogar: „Miyazaki’s Nausicaä is the best Anime we never talk about“. Und das ist eine Schande. Schaut ihn, redet über die Prinzessin des Tals der Winde – mindestens so häufig wie über Mononoke. Sie hat es verdient.


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