Was gute Lehrer*innen ausmacht

Monotone Vorträge und fiese Sprüche sind eindeutige Kriterien dafür, dass ein*e Lehrer*in einen schlechten Job macht. Aber was zeichnet gute Lehrkräfte aus? Unser Schülerreporter geht der Frage nach.

Was macht gute Lehrer aus?

Ob Lehrer*innen ihren Job gut machen oder nicht, hat enorme Auswirkungen auf die Bildung ihrer Schüler*innen. Foto: NeONBRAND / Unsplash | CC0

Anton Eickel ist 17 Jahre alt und geht im Sauerland zur Schule. Für ze.tt schreibt er zweimal im Monat unter „Schülerreporter“, was ihn in seinem Schulalltag bewegt.

Ob Lehrer*innen ihren Job gut machen oder nicht, hat enorme Auswirkungen auf die Bildung ihrer Schüler*innen. Das untermauerte der neuseeländische Pädagoge John Hattie vor ein paar Jahren eindrucksvoll mit seiner Studie Visible Learning.

Auf Basis von 250 Millionen Schüler*innen-Daten stellte er eine Liste zusammen, welche Faktoren eine entscheidende Auswirkung auf die Schulbildung haben. Das Ergebnis: Schulwechsel, Sommerferien, die Größe einer Klasse – das alles ist nicht so wichtig wie die Arbeit der Lehrer*innen mit ihren Klassen. Wie Lehrkräfte Feedback geben, wie sie sich präsentieren und wie glaubwürdig sie dadurch auf ihre Schüler*innen wirken, hat einen hohen Einfluss auf die Bildung.

Aber wie geben Lehrer*innen gut Feedback? Wie müssen sie sich geben, um bei uns anzukommen? Und wie erreichen sie einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit? Hier trage ich ein paar Erfahrungen aus meinem Schulalltag zusammen.

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Einer Lehrerin reicht es, wenn nur die Streber*innen etwas lernen

Als Durchschnittsschüler komme ich mit den meisten Lehrer*innen ganz gut zurecht. Dennoch gibt es bei mir wie auch bei den besten Musterschüler*innen und weniger leistungsstarken Mitschüler*innen Lehrkräfte, bei denen wir hoffen, dass sie in naher Zukunft in ein Sabbatical verschwinden.

Da wäre zum Beispiel der Lehrer, der uns Schüler*innen als ein notwendiges Übel ansieht. Bei ihm passiert es auch schon mal, dass Schüler*innen weinend aus dem Klassenzimmer laufen, weil er sie gekonnt provoziert. Zwar merkt er, dass er gerade einen Menschen verletzt hat, aber anstatt sich zu entschuldigen, sagt er, er wolle uns lediglich auf „das harte Leben da draußen“ vorbereiten.

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Und dann gibt’s da noch die Lehrerin, die sich scheinbar alle Mühe gibt, ihren Unterricht so monoton und langweilig wie möglich zu gestalten. Ihr reicht es, wenn sich nur die beiden Streber*innen des Kurses beteiligen. Bei ihr habe ich den Eindruck, dass sie am Pult die Tage bis zur Pension runterzählt.

Die Anlaufstellen fehlen

Diese zwei Typen sind unverbesserlich. Und das Problem ist: Für uns Schüler*innen gibt es kaum Möglichkeiten, uns über miese Lehrkräfte zu beschweren. Wenn wir uns kritisch über den Unterricht äußern, gehen Kolleg*innen sofort auf die Barrikaden und verteidigen ihre „Leidensgenoss*innen“ mit der Begründung, dass sie alle nur das Beste für uns Schüler*innen wollten und alle total engagiert seien.

Bei allem Respekt, aber es scheint mir, als hätten zu viele Lehrer*innen Schwierigkeiten damit, das auch in die Tat umzusetzen. Und nur, weil man mal mit seinem*r Lehrerkolleg*in gemeinsam einen Stundenplan ausgearbeitet oder immer zusammen Pausenaufsicht hat, weiß man bestimmt noch nicht, wie diese*r Lehrer*in mit uns Schüler*innen im Unterricht umgeht, ob er*sie mit uns gemeinsam lacht oder wie wir uns vor der Stunde mit ihm*ihr fürchten.

Drei Positivbeispiele

Nicht alle meine Lehrer*innen sind schlecht. Aber es wird klar: Die Mischung aus empathischer Persönlichkeit und sinnvoller Wissensvermittlung muss stimmen. Und wenn ich anhand dieser Kriterien meinen Stundenplan durchgehe, finde ich dort nur drei Lehrer, bei denen beides zutrifft. Jeder von ihnen bildet uns auf seine eigene Art und Weise besonders.

Unserem Philosophielehrer gelingt es zum Beispiel, dass wir in jeder Stunde richtig intensiv miteinander diskutieren. Zum einen garantiert die kleine Kursgröße, dass sich selbst die Stillsten an den Debatten beteiligen können und zum anderen eröffnet das Fach an sich ein breites Feld an Themen. Wir streiten uns zivilisiert über Weltbedeutendes wie die Ausbeutung im modernen Kapitalismus oder den übergeordneten Sinn unseres Daseins, bis hin zu ganz lebensnahen Fragen, wie, ob wir das Recht besitzen, Tiere zu essen oder wie wir ein glückliches Leben führen können.

Die Mischung aus emphatischer Persönlichkeit und sinnvoller Wissensvermittlung muss stimmen.“

Ich glaube, als Jugendliche*r durchlebt man öfter mal eine Sinnkrise: Es gibt Tage, an denen verabscheut man sein Leben abgrundtief, während man es am nächsten Tag abnormal feiert. Wir suchen oft Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Und genau hierbei kann uns die Philosophie mit den richtigen Lehrer*innen helfen.

Mein Geschichtslehrer vermittelt neben dem Inhalt des Lehrplans, für uns oft unbewusst, noch wichtiges Allgemeinwissen nebenbei. Er erklärt beispielsweise, warum der Staat die Kirchensteuern einzieht oder mit welcher Strategie Rechtspopulist*innen versuchen, Wähler*innenstimmen zu fangen. Er greift immer wieder aktuelle Ereignisse wie die Bundestagswahl auf oder beleuchtet anlässlich des Attentats auf Rudi Dutschke, das sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährte, die Auswirkungen der 68er-Bewegung. Er fährt mit uns nach Auschwitz oder sogar bis nach Russland, wodurch er Wissen lebendig macht und unsere Neugier viel intensiver als im Klassenraum wecken kann.

Mein Sportlehrer qualifiziert sich durch seine lockere und humorvolle Art. Er weiß, wie er mit uns umgehen soll, ohne dabei die nötige Distanz zu verlieren. Ich schätze sein ernstgemeintes, ganz persönliches Lob, das einem manchmal den Tag erhellen kann. Wenn ich also trotz meiner paar Kilos mehr auf den Rippen fünf Kilometer in 33 Minuten durchlaufe und als Letzter ins Ziel komme, spricht er mir für diese Leistung seinen allergrößten Respekt aus.

Ich schätze sein ernstgemeintes, ganz persönliches Lob, das einem manchmal den Tag erhellen kann.“

Die meisten anderen Sportlehrer*innen hätten mir für diese Leistung eine schlechte bis sehr schlechte Note verpasst und mir dadurch den Tag versaut, doch er berücksichtigt mehr als nur die gelaufenen Meter oder die gesprungene Weite. Er benotet vor allem, wie sich jede*r in der Gruppe einbringt, anderen hilft, die eigenen Grenzen überwindet und sich im Vergleich zu sich selbst und nicht im Vergleich zu anderen entwickelt.

Alles in allem weiß ich von allen drei Lehrern, dass dieser Job für sie eine Berufung ist und sie mich noch über das Abitur hinaus prägen werden.

Die Politik muss Lehrer*innen besser unterstützen

Lehrer*innen haben keinen besonders guten Ruf. Von vielen werden sie angesichts ihrer beruflichen Sicherheit, ihrer Pension und der Anzahl an Urlaubstagen belächelt. Gleichzeitig wird ihr Job immer schwieriger: Die Gewalt und Kriminalität an Schulen steigt und Helikoptereltern stehen für jede Kleinigkeit auf der Matte. Da wundert es nicht, dass vor allem Lehrer*innen Burn-out bekommen.

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Das alles wissen wir Schüler*innen und haben größten Respekt davor, dass sich Menschen heute entschließen, Lehrer*innen zu werden. Dennoch kann man die Frage stellen, ob denn überhaupt die richtigen Menschen Lehrer*in werden. Denn, wenn ich beispielweise einem Harald Lesch oder Ranga Yogeshwar zuhöre, die mir leicht verständlich und anschaulich Einsteins Äquivalenzprinzip oder das Phänomen der Gravitationswellen erklären können, frage ich mich, warum es meine Lehrer*innen nicht schafften, mich für solche Themen zu begeistern.  Hätten sie genauso eine Faszination beim Erklären ausgestrahlt, hätte ich wahrscheinlich sogar Physik weitergewählt.

Wir brauchen keine Lehrer*innen, die uns lediglich deshalb unterrichten, weil sie auf dem Weg zum Lehrstuhl an der Universität gescheitert sind oder nur, damit ihr Leben im Alter ausreichend gesichert ist. Wir brauchen Menschen in den Klassenräumen, die es als ihre Berufung ansehen, Kindern und Jugendlichen die Welt zu erklären, ihre Neugier zu wecken und sie auf ihrem Lebensweg weiterzubringen.