Was ich anders machen würde, wenn ich als Mutter noch mal bei Null anfangen könnte

Im Nachhinein ist man immer schlauer? Wenn es ums Elternsein geht, auf jeden Fall. Ein Kommentar

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Als Eltern lernt man immer dazu. Foto: Edward Cisneros / Unsplash | CC0

In einem meiner zahlreichen Newsletter zu Elternthemen, die ich täglich mehrfach erhalte, und bei denen ich leider stets den Zwang verspüre, auf mindestens 70 Prozent aller Texte zu klicken, weil ich sonst panische Angst habe, etwas Wichtiges zu verpassen, stieß ich neulich auf einen Text einer Mutter, die darüber schrieb, was sie alle anders machen würde, wenn sie mit dem Elternsein noch mal ganz von vorn anfangen könnte.

Das habe ich mich auch schon ganz oft gefragt – in nicht so schönen Phasen plagt mich die Frage nachhaltiger. Ich mag auch nicht ausschließen, das ein oder andere Mal Leute mit jüngeren Kindern mit meinen Erkenntnissen bereits belästigt/zugelabert/vollgeheult/gemothersplained zu haben, wenn es sich ergab. Ich glaube, ich bin gerade in dieser wehmütigen Phase, in der es beim besten Willen nicht mehr korrekt ist, das jüngste, fast dreijährige Kind Baby zu nennen, und einem klar wird, dass es das jetzt endgültig gewesen ist mit Babys haben. Für manches, das man bei den Kindern ein bisschen verbockt hat, wird man keine neue Chance mehr kriegen.

Was ich im Nachhinein anders machen würde

– Ein Ratschlag, der nicht nur in Bezug auf Krankheiten gilt: Lieber nicht Begriffe wie „Kind zwei Jahre beißt in der Kita“ googeln und sich dann viele Stunden in Mütterforen verlieren, in denen bei fragwürdiger Benutzung von Spitznamen und Abkürzungen („Göga“) darüber verhandelt wird, welches schwerwiegende psychische Trauma ein zweijähriges, beißendes Kind nun haben könnte. Immer lieber jemanden fragen, dem*der man vertraut und der*die mit Empathie und Fachwissen an die Sache rangeht. Das können im Zweifelsfall die Erzieher*innen im Kindergarten, der*die Kinderärzt*in sein – noch besser: Freund*innen, die schon ältere Kinder haben, und die wissen, dass man in solchen Situationen kein Klugscheißen oder gefährliches Halbwissen, sondern vor allem Bestärkung und Rückhalt braucht.

– Weniger Newsletter bestellen: Man züchtet sich das schlechte Gewissen, das vor allem Mütter bekanntermaßen ja ständig plagt, auch selbst an, weil man schon wieder zu Halloween weder vegan gefüllte Paprikageister gefertigt noch Klorollen-Fledermäuse gebastelt hat. Einfach weniger Blogs lesen, und man kommt auf weniger dumme Gedanken.

Öfter darüber reden, was gerade richtig scheiße läuft.

– Ich frage mich bis heute, warum es mich eiskalt erwischte, als das erste Kind mit etwa eineinhalb damit anfing, Wutanfälle zu bekommen. Ich weiß noch, als es das erste Mal passierte, auf einem Spielplatz, war ich vollkommen verstört und dachte, jetzt müsste gleich jemand kommen müssen, der einen Exorzismus macht oder sowas in der Art. Ich konnte mir das einfach nicht erklären. Heute, einige Jahre, Hunderte Wutanfälle und viel, viel hart erarbeitete Gelassenheit später, fasse ich mir da ans Hirn – und ärgere mich leider wahnsinnig, dass ich damals nicht entspannter sein konnte. Oder nicht mit anderen Eltern ins Gespräch gekommen bin – die mich dann freundlich, aber bestimmt darüber informiert hätten, dass diese Form kindlichen Verhaltens für die kommenden Jahre einzuplanen sei.

– Das ist überhaupt ein wahnsinnig wichtiger Gedanke, finde ich: Öfter darüber reden, was gerade richtig scheiße läuft. Meine Mutter erzählt immer wieder von dieser einen Freundin damals in der Krabbelgruppe, eine Kinderpsychologin, die immer ganz offensiv darüber berichtete, was bei ihr gerade alles im Argen lag bezüglich der Kinder, während bei allen anderen immer alles total tutti schien. Erst dann trauten sich die anderen Mütter, sich zu öffnen. Also: Wer sich aus der Deckung traut, der wird oft belohnt mit der beruhigenden Erkenntnis: Ich bin nicht allein mit all dem Drama.

Andere Eltern, andere Ansichten

– Ich realisiere manchmal erst in der Rückschau, was für ein Pain in the Ass man womöglich in bestimmten Situationen für andere Eltern gewesen ist. Das fängt bei Banalitäten wie Mahlzeiten zubereiten an: Als ich im Urlaub mal für eine Gruppe von mehreren Kindern Vollkornnudeln mit Brokkoli kochte, weil mein Kind noch nicht eins war und ich das mit der „gesunden Ernährung“ noch meinte, wichtig finden zu müssen, merkte die Mutter einer Vierjährigen genervt an, das Zeug würde außer meinem Kind (und auch das ein Wackelkandidat) niemand essen wollen. Damals fand ich das gemein. Heute bin ich die, die zumindest mit den inneren Augen rollt, wenn mir jemand erzählt, dass ihr*sein Kind zuckerfrei ernährt wird, während ich gerade die XXL-Rolle Doppelkekse auspacke. Deshalb: Die Perspektive von Leuten mit älteren oder jüngeren, oder einfach Kindern, die ganz anders sind als die eigenen, einnehmen, führt zu mehr Verständnis und Solidarität.

– Für alle Leute mit mehreren oder gar vielen Kindern: So oft wie möglich versuchen, Exklusivzeit mit nur einem Kind einzurichten. Ich weiß, und ich merke natürlich ständig, dass das sehr schwer machbar ist, gerade wenn beide Partner*innen arbeiten und noch mehr, wenn man alleinerziehend ist. Aber ich zumindest kriege mit allen drei Kindern auf einem Haufen einfach nichts gebacken. Alle sind unzufrieden, alle haben das Gefühl, sie kämen fürchterlich zu kurz, und ich habe das Gefühl, ich täte nichts anderes, als darauf zu warten, wer wem als nächstes eine runterhaut oder in den Würgegriff nimmt und wer als nächstes heult. Aber gerade wenn Kinder ein bisschen älter sind, kann man sie nach der Kita oder Schule mit Freund*innen mitschicken, und schon hat man einen freien Nachmittag für ein Kind allein. An dem im Übrigen überhaupt nichts Großartiges passieren muss. Zu zweit ein Eis essen zum Beispiel, ohne dass die nervigen kleinen Schwestern ihr Unwesen treiben. Einfach nur herrlich. Für alle.

– Weniger vergleichen. Nicht ständig das Gefühl haben, bei allen anderen laufe alles total einwandfrei und vorzeigemäßig; nicht denken, alle anderen Eltern hätten Kinder, die sich besser benehmen, die sich manchmal sogar die Hände waschen, die freiwillig den Müll wegbringen, die nicht jeden Tag fünfmal sagen „Du bist die dümmste Mama der Welt“, die mit Begeisterung Cello und Posaune spielen, während die eigenen Kinder so tun, als hätte man ihnen gerade Folter angedroht, wenn man erwähnt, dass Klavierunterricht doch eine feine Sache wäre.

Auch für Leute, die eine*n Babysitter*in bezahlen müssen: Die Investition ist eine der wichtigsten, die man machen kann.

– Date Night durchziehen. Mir ist es bis heute nicht gelungen, im Alltag, zu Hause, mit Anwesenheit der Kinder, das Thema „Pflege der Paarbeziehung“ irgendwie sinnvoll zu integrieren. Auch für Leute, die eine*n Babysitter*in bezahlen müssen: Die Investition ist eine der wichtigsten, die man machen kann (wer findet, dass ein gemeinsamer Abend vor der Glotze mit Netflix schon als Quality Time gilt, kann diesen Hinweis natürlich ignorieren). Hier passt noch eine andere Sache rein, die ich in der Rückschau ungemein wertvoll finde: Von Anfang an ein Betreuungsnetzwerk installieren, also die Kinder von möglichst klein auf daran gewöhnen, dass es eine ganz feine Sache ist, wenn ein paar Stunden lang auch mal jemand anders auf sie aufpasst. Egal ob das nun ein*e bezahlte*r Babysitter*in, die Großeltern, die Schwester, Nachbar*innen aus dem Haus oder Eltern aus der Kita sind.

– Ein Rat, den man Leuten, die ihn aussprechen, gern um die Ohren hauen will, aber trotzdem: Öfter mal einfach laufen lassen. Ich bin mittlerweile überzeugt: Mein erstes Kind hat nicht mehr Probleme gemacht als das dritte. Ich habe dem Kind die Probleme gemacht. Allein die Zeit, die draufging, das zwei-, drei-, vier-, fünfjährige Kind damit zu drangsalieren, dass Waffen etwas ganz, ganz Schlimmes sind …

– Und vielleicht: doch öfter als ein- bis zweimal im Jahr einen Mittagsschlaf machen.


Dieser Artikel von Lisa Seelig ist zuerst auf Edition F erschienen.

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