Was ich durch die Arbeit in Sexshops gelernt habe

Es ist kein Verkaufsjob wie jeder andere. Denn wer Sextoys und Co. unter die Leute bringen will, muss mehr können als Barcodes einscannen. Ein Einblick

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Der Job ist eine Mischung aus Verkauf, Beratung, Aufklärungsarbeit und Paar- und Sexualberatung. Foto: © FRANCOIS GUILLOT/AFP/Getty Images

Meine Hände sind verschwitzt, mein Herz rast. Es ist das erste Mal, dass ich jemanden zum Kauf eines Vibrators berate. Ich erkläre die Stufenregelung, das Material, welche Gleitmittel verwendet werden können und wie der Vibrator am besten zu reinigen ist. Eigentlich weiß ich alles, was die Kundin wissen möchte und trotzdem bin ich verdammt nervös. Im Sexshop zu arbeiten ist nicht so leicht, wie ich mir das vorgestellt habe.

18-Jährige kichern neben Gummipuppen

Klassische Sexshops haben irgendwie etwas Verruchtes an sich und wahrscheinlich zieht es gerade deswegen viele dorthin. 18-Jährige kichern neben Gummipuppen, Betrunkene torkeln bei ihrem Junggesell*innenabschied durch den Laden, Rentner*innen stehen um acht Uhr morgens vor den Pornoregalen, Paare überlegen welche Sextoys sie in ihr Liebesspiel einbauen wollen, Sexarbeiter*innen kaufen Kondome und Menstruationsschwämme, bedrückte Gesichter lesen die Beipackzettel von Potenzmittelchen.

Da stand ich nun. Ich als Feministin umgeben von Bildern auf denen Frauen sexualisiert und objektifiziert werden, aber eben auch umgeben von Sextoys, die sexuelle Selbstbestimmung und Lust ermöglichen. Aus dem Dilemma bin ich nie so ganz rausgekommen. Aber hätte ich einem coolen feministischen Sexshop gearbeitet, hätte ich sicher nie die Kundschaft erlebt, die ich in den drei Sexshops beraten durfte, in denen ich gearbeitet habe.

Auf der Suche nach Hilfe

Wenn du im Sexshop arbeitest, verdienst du zwar nur den Mindestlohn, wie das im Einzelhandel eben üblich ist. Doch geht dein Job darüber hinaus: Er ist eine Mischung aus Verkauf, Beratung, Aufklärungsarbeit, aus Paar- und Sexualberatung. Du wirst oft mit Leuten konfrontiert sein, die es Überwindung gekostet hat, den Laden zu betreten. Und mit Menschen, die eigentlich keine Sexspielzeuge oder Dessous suchen, sondern Hilfe.

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft Männer mich zum Beispiel um Rat gefragt haben, wie sie ihre Frau wieder dazu kriegen, mit ihnen zu schlafen. Auf meine Frage, ob sie denn darüber schon mal mit ihrer Frau geredet haben, war die Antwort meistens „Nein“. Meine Chefin wäre sicher empört gewesen, dass ich diese Männer beraten habe, ohne ihnen irgendein Produkt anzudrehen.

Ich habe eine was? Eine Klitoris!

Dass man als Sexshopverkäufer*in Aufklärungsarbeit leisten muss, damit hatte ich gerechnet. Dass ich erklären musste, was eine Klitoris ist und wo die sich befindet, das hat mich doch überrascht. Dass ich es einer Frau erklären musste, noch mehr. Hoffentlich habe ich das Leben dieser Frau schlagartig schöner gemacht.

Vibratoren gelten als normal, Fleshlights als ekelig

Am allerliebsten habe ich Männern Sexspielzeuge verkauft. Denn während es für Frauen heutzutage gesellschaftlich akzeptiert ist, den Vibrator in der Nachttischschublade liegen zu haben, hat der Gebrauch von Sextoys bei Männern außerhalb der Gay Community immer noch was Schmuddeliges. Fleshlights zum Beispiel, auch bekannt als Taschenmuschis, werden von vielen als etwas Ekeliges betrachtet und das obwohl sie massenhaft verkauft und verwendet werden. Manche Männer waren trotzdem entspannt beim Einkauf, andere aber waren so verschämt, dass ich nicht glaube, dass sie sich noch an ein Wort erinnern können, das ich ihnen zum Thema Reinigung und Pflege des Silikons gesagt habe.

Sextoys für alle

Das Schöne an Mainstream-Sexshops ist, dass sie sich nicht an ein junges, hippes, politisches Publikum richten, sondern an die breite Masse. Besonders ältere Kund*innen waren immer wieder für Überraschungen gut: Eine Frau „parkte“ ihren Mann im Laden, um beim Lebensmitteleinkauf ihre Ruhe zu haben; ein Kunde kaufte stapelweise Porno-DVDs, um sie im Altenheim weiterzuverkaufen und wer denkt die Bewohner*innen von Seniorenheimen würden sich gegenseitig nur Häkeldecken schenken, der irrt. Ein älterer Herr kaufte einen Vibrator für seine „Bekannte aus dem dritten Stock“. Es geht eben auch ohne Tinder.

Ich fand es wichtig als Sexshopverkäuferin einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können, Sexualität zu normalisieren und das nicht nur für Menschen, die das Privileg haben körperlichen und geistigen Normen zu entsprechen. Besonders Menschen mit Behinderung wird oft ihre Sexualität abgesprochen. Wie habe ich mich gefreut, als ein junger Mann mit geistiger Behinderung zusammen mit seiner Mutter kam, weil er sich einen Porno zum Geburtstag gewünscht hatte, oder als ich einen taubstummen Kunden mit Zettel und Stift beraten konnte.

Nicht immer nur lustig

Im Sexshop zu arbeiten war aber leider nicht immer nur schön und lustig. Ich erhielt merkwürdige Anrufe, hatte manchmal mit ganz schön creepy Typen zu tun und einmal musste ich einen Exhibitionisten aus dem Laden schmeißen. Bis es zu solchen Vorfällen kam, hatte ich aber glücklicherweise schon genug Selbstvertrauen. Im Sexshop zu arbeiten ist sicher nicht was für jede*n. Ich bin an den Erfahrungen unheimlich gewachsen und auch meine WG war abends, wenn ich aus der Arbeit kam, schon immer gespannt, was ich zu berichten hatte. Für gute Anekdoten lohnt es sich allemal.