Was mit mir passierte, als ich eine Waffe in die Hand nahm

Unser Autor schoss als Soldat vor Jahren mit Pistole und Gewehr. Die Erfahrung wirkt bis heute nach. Was genau richten Waffen in unseren Köpfen an?

Ein Bundeswehrausbilder erklärt einem Rekruten den Umgang mit der Pistole P8.

Ein Bundeswehrausbilder erklärt einem Rekruten den Umgang mit der Pistole P8. © dpa

Adrenalin pumpt durch meinen Körper. Ich bin hochkonzentriert. Fokussiere mich auf die Atmung und meinen Stand.

Füße etwa schulterbreit.

Oberkörper nach vorne gebeugt.

Arme durchgestreckt.

Meine Pistole geladen und aufs Ziel gerichtet.

Den geriffelten Griff umklammere ich mit meiner rechten Hand, meine linke lege ich von unten auf, um zu stabilisieren. Ich entsichere mit meinem rechten Daumen. Kneife das rechte Auge leicht zu, um Kimme und Korn zusammenzubringen. Mein Zeigefinger legt sich auf den Abzug. Ich halte die Luft an und drücke ihn langsam durch.

Die Zeitspanne direkt vor dem Schuss fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Alles ist in Zeitlupe. Als er sich dann endlich löst, erschrecke ich mich. Der Knall ist durch die kleinen gelben Stöpsel in meinen Ohren gedämpft. Der Rückstoß ist unerwartet stark, die Pistole bewegt sich dabei zentimeterweit nach oben. Das war’s schon? Ich bin perplex, dass es schon vorbei ist.

Ich sichere die Waffe, lege sie ab. Mein Schießausbilder geht mit mir zur Zielscheibe, wir prüfen mein Ergebnis. Treffer. Der erste Schuss meines Lebens ist geglückt. Der Ausbilder klopft mir auf die Schulter: „Gut gemacht!“

Meine Waffe hieß Laura

Ich bin 20 und stehe mit meinen Kameraden auf einem Übungsplatz der Bundeswehr. Es ist ungewöhnlich kalt an diesem Wintertag unserer Grundausbildung. Wir tragen mehrere Uniform-Lagen und Handschuhe, die es etwas erschweren, unsere Pistolen zu bedienen. Im Laufe dieses Tages empfange ich noch einige Male Patronen für die sogenannte P8, eine halbautomatische Pistole und Stammwaffe der Bundeswehr, lade mein Magazin und trete auf den Schießstand. Ich treffe auch weiterhin. Es ist ein angenehmes Gefühl: Ich bin ein guter Schütze.

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Am Abend, zurück in der Kaserne, zerlege ich die Waffe und reinige sie. Das geht blind und, wenn ich will, sogar hinter dem Rücken. Ich fühle mich wie einer dieser Soldaten aus den Filmen.

Vor unserem ersten Schuss sollten wir die Waffe in- und auswendig kennenlernen, jedes Bauteil benennen können. Magazin, Griffstück, Verschluss, bestehend aus Visiereinrichtung, Rohr, Pufferstange, Auszieher mit Spannstift und Feder, Schlagbolzen, Schlagbolzenfeder, Schlagbolzensicherung, Druckfeder. Wir übten im sogenannten AGSHP, einem Schießkino, das per Druckluft echte Schüsse simulieren soll. Wir wurden auf jede erdenkliche Art und Weise auf unseren ersten Schuss vorbereitet.

Nur nicht emotional.

Während meiner Zeit bei der Armee wurde ich nicht ein einziges Mal gefragt, wie ich mich fühlte, vor meinem ersten Schuss, während des Schusses, nach dem Schuss. Es war einfach keine Frage, die interessierte. Vor dem Schuss Waffe auswendig lernen, Befehle ausführen, abdrücken. Nach dem Schuss weitermachen. Und das tat ich. Der Umgang mit der Waffe war beinahe spielerisch, sie wurde zu einem Alltagsgegenstand. Wie der Rest des Gerödels, das wir während Übungen draußen bei uns trugen, wie der Spaten, die Trinkflasche, das Nähzeug. Einige von uns gaben ihren Waffen Namen. Laura, Mareike, Leonie, Mara.

In Deutschland verdienen fast eine Million Menschen Geld, während sie scharfe, also geladene, Waffen tragen. Soldat*innen, Polizist*innen, Jäger*innen, sie alle üben in Voll- oder Teilzeit, mal öfter, mal weniger oft, eine Arbeit aus, bei der sie Waffen mit sich führen – und sie auch benutzen. Sie alle müssen vorher auf die ein oder andere Weise nachweisen, dass sie dazu geeignet sind, sie einzusetzen. Vor allem: wann und warum. Die Eignungstests verlaufen ein bisschen wie Führerscheinprüfungen, wirklich umfangreich sind sie aber nicht.

Meinem Empfinden nach wurden wir vorher zu wenig auf unsere tatsächliche psychische Eignung abgeklopft.

Ich habe eine Waffe in der Hand, ich bin mächtig

Das erste Mal Schießen erleben fast alle auf dem Schießstand, mit einer Pistole. Es ist ein besonderer Moment. Interesse mischt sich mit leichter Aufregung, gefolgt von der Irritation durch Rückstoß und Knall. Dann kommt Erleichterung dazu und später, nach einigen Wiederholungen: Gewohnheit.

Ich erinnere mich gut an den Moment, als ich die P8 das erste Mal in die Hand nahm. Es passierte vieles gleichzeitig in meinem Kopf. Auf eine seltsame Art und Weise fühlte die Waffe sich gut an. Kühl, glatt, angenehmes Gewicht, sie passte sich gut an meine Handfläche an. Und dann spürte ich diesen Reflex: Ich wollte sie auf irgendetwas richten, hielt sie, als hätte ich schon mal eine Waffe in der Hand gehabt. Als gehörte sie dahin.

„Experimente zeigen deutlich, welche Faszination Waffen auf Menschen ausüben“, sagt mir der Psychologe Dietmar Heubrock. Er ist Professor am Bremer Institut für Rechtspsychologie, schult die Polizei für Einsätze und Terrorabwehr und forscht hauptsächlich am menschlichen Umgang mit Waffen. Erst kürzlich war er in Bayern und konnte beobachten, wie junge Polizist*innen an die neuen Dienstwaffen herantraten, die bald eingeführt werden sollen. Wenn man über Waffen spreche, erklärt er, müsse man sich zunächst darüber im Klaren sein, dass sie grundsätzlich ein männliches Konzept seien.

Bei Männern, die erstmals eine Waffe in die Hand nehmen, erlebt Heubrock in der Regel eine sehr interessierten und beinahe beschwingende Wirkung, berichtet er. Männer würden Waffen oft als etwas Natürliches in die Hand nehmen, posierten vielleicht sogar damit. Frauen hingegen griffen nur zaghaft zu, fast gehemmt, wahrten Distanz. „Das hat einen evolutionsgeschichtlichen Hintergrund“, sagt er Psychologe. Ob mit Keulen, Schwertern, Armbrüsten oder, wie heute, Pistolen und Gewehre: Männer haben Waffen erfunden, Männer haben schon immer gejagt, einander bekämpft, Männer zogen in Kriege und hingen sich ihre Waffen hinterher als Trophäen an die Wand. „Es entsteht ohne Frage ein Machtgefühl im Kopf, nimmt ein Mann eine Waffe in die Hand“, sagt Heubrock.

Auf Außenstehende wirken Waffen abschreckend. Bei der Polizei wird unter anderem deshalb die „Offensive Waffenhaltung“ gelehrt, bei der die Pistole aus dem Holster in die Hand genommen werden soll und auf den Boden gerichtet, selbst bei Routinen wie Fahrzeugkontrollen.

Betrachtete ich andere mit ihren Waffen, ob meine Kamerad*innen oder Polizist*innen, kam immer etwas Ehrfurcht in mir auf. Ich fragte mich damals selbst, wie ich für andere wohl damit aussähe, stark, vielleicht furchteinflößend, ja sogar mächtig? Irgendwann, ich kann den Zeitpunkt nicht mehr benennen, war das Gefühl ganz normal für mich. Auch wenn man über so etwas nie sprach, fühlte ich mich immer auf eine Art und Weise respektiert, trug ich während meiner Wachdienste am Kasernentor meine Pistole. Kein übles Gefühl.

Dann kam der Moment, an dem dieses Gefühl zu bröckeln begann und einer tiefen, inneren Ablehnung wich.

Technischer Fortschritt macht es uns leichter, Waffen zu nutzen

Am Gewehr G36 lernte ich Waffen hassen. Das automatische Sturmgewehr wird wie die P8 von Heckler & Koch hergestellt. Es ist die zweite Stammwaffe unserer Armee. Wir durchliefen in etwa dieselbe Vorbereitung wie zuvor mit der P8, bevor wir damit an den Schießstand durften.

Es ist viel leichter, als man es sich vielleicht vorstellt. Viele Teile bestehen aus Plastik. Das G36 hat ein Zielfernrohr, es sind damit kurze Feuerstöße mit je drei Schuss möglich. Es ist eine echte Kriegswaffe, dafür gemacht, auf lange Distanzen zu kämpfen.

In einer Übung bei der Bundeswehr bewegte ich mich in drei Phasen rennend immer näher an meine Ziele vor. An einer Station warf ich mich auf den Boden, legte das Rohr auf einen Sandsack auf, an einer anderen sollte ich geduckt an einer Wand vorbeischießen, an einer weiteren während des Gehens schießen. Ich hatte Spaß daran. Gleichzeitig aber spürte ich da erstmals ein unangenehmes Ziepen in meinem Kopf. Ich erschrak mich davor, wie einfach mir das alles fiel.

Die Ziele, auf die ich in diesen Übungen schoss, waren nicht länger Scheiben. Es waren Silhouetten, die gegnerische Soldat*innen darstellen sollten. Sie klappten um, wenn man traf. Das Gefühl, dass ich verspürte, als ich realisierte, dass ich mit einem Sturmgewehr auf etwas schoss, das Menschen nachempfunden war, war nicht überwältigend. Es war niederschmetternd. In der Zeit danach begann ich, mich sehr dafür zu schämen.

Soldaten üben mit dem Gewehr G36
Soldaten üben mit dem Gewehr G36. Archivbild © dpa

Wer ansatzweise gut ist und eine ruhige Hand hat, kann jemandem mit dem G36 auf 150 Meter Entfernung in den Kopf schießen, dem technischen Fortschritt sei Dank. „Distanzwaffen aller Art wurden nicht nur dafür entwickelt, das Kämpfen leichter zu machen“, erklärt mir Heubrock. Sie sorgten zudem dafür, dass für die, die sie einsetzen, nicht sofort ersichtlich ist, welchen Schaden sie damit anrichten. Vereinfacht gesagt: Es ist leichter zu ertragen, vom Flugzeug aus einen Bombenhagel auf eine Stadt regnen zu lassen und weiterzufliegen, als alle, die darin leben, mit einem Schwert niederzustrecken.

Mir wurde erst spät bewusst, was in mir während der Anfangszeit bei der Armee passierte: Diese Waffen verloren an Relevanz. Dass es ein Werkzeug ist, das zum Töten gebaut wurde, geriet langsam aus dem Bewusstsein.

Bei einem neuen Schießkonzept namens nSAK, das 2013 flächendeckend bei der Bundeswehr eingeführt wurde, flossen Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz ein. Unsere Bewegungsabläufe sollten automatisiert werden, weil bei Gefahrensituationen keine Zeit zum Nachdenken bleibe – wir sollten viel eher instinktiv reagieren können. Und, wenn es sein muss, schießen. Ich bemerkte erneut, wie abgestumpft ich mittlerweile geworden war. Wie auf Schienen bewegte ich mich, schoss teils auf menschenähnliche Zielscheiben und freute mich, wenn ich Kopftreffer landete. Es war verrückt. Ich, die Kampfmaschine.

Mir kamen aber auch immer mehr Fragen in den Sinn: Was mache ich hier eigentlich? Warum in aller Welt sollte jemand etwas erleben wollen? Die Dynamik zu reflektieren, der ich mich aussetze, war einer der Hauptgründe für mich, die Armee etwas später zu verlassen. Andere junge Menschen stellten sich diese Fragen nicht. Sie blieben dabei. Ich hatte Kameraden, die irgendwann zum KSK (Kommando Spezialkräfte) wechselten, um sich dort intensiv zu Kämpfern ausbilden zu lassen. In den Einsätzen, in die sie geschickt werden, könnten sie ihre Waffe womöglich für das nutzen müssen, für was sie ursprünglich gemacht sind. Es war ihnen egal – und ich kann ihnen das nicht einmal vorwerfen.

Menschen sind nicht dafür gemacht, andere zu erschießen

Das allergrößte Problem dabei ist: Niemand, absolut niemand, kann darauf vorbereitet werden, wie es ist, in der Realität einen Menschen zu erschießen. Die Ausbildung in der Theorie, im Schießkino, auf dem Schießplatz; nichts davon bereitet einen gesunden Menschen auf die Emotionswelt vor, in die er eintritt, wenn er einem anderen Menschen das Leben genommen hat, bestätigt mir Heubrock. Soldat*innen und Polizist*innen, die ihre Waffen tatsächlich einsetzen mussten, sind in der Regel schwer traumatisiert. Viele leben mit extremen Schuldgefühlen.

Das liegt unter anderem daran, dass Menschen durch Schusswunden ganz anders sterben als in Filmen oder Videospielen dargestellt. „Menschen bewegen sich je nach Einschuss noch weiter, sacken erst später zusammen, röcheln womöglich, haben die Augen weit aufgerissen“, erklärt Heubrock. Eine Polizistin berichtet im Format Die Frage davon, dass sie ihren Einsatz immer wieder durchlebte, bei dem sie einen Menschen erschoss, weil er mit einem Messer in der Hand auf sie zu kam. Er sollte ursprünglich davon abgehalten werden, Suizid zu begehen. Sie spricht davon, wie schwer es ist, der Schuldspirale zu entkommen. Immer wieder spielte sie die Situation durch, fragte sich, wie es nur dazu kommen konnte.

Wieso setzen wir Menschen solchen Situationen aus? Wieso lassen wir zu, dass es Waffen überhaupt noch geben darf? Die Antwort ist so simpel wie ernüchternd: Wir können nicht mehr anders. Unser Waffenfanatismus ist laut Heubrock evolutionsgeschichtlich mittlerweile so stark in der Menschheit verankert, dass die Gesellschaften von selbst nicht mehr aus ihm herauswachsen können: „Er ist wie jedes andere ein strukturell gewachsenes Stereotyp, in das wir hineingeboren werden. Nur ist dieses eben ein besonders mächtiges.“

Niemand, absolut niemand, kann darauf vorbereitet werden, wie es ist, in der Realität einen Menschen zu erschießen.

Waffen erhielten im Lauf der Geschichte eine lebenserhaltene Bedeutung, wurden bei frühen Völkern sogar kultisch verehrt. In der Neuzeit wurden sie durch Hollywood romantisiert und verklärt; wenn etwa der Cowboy im Western seinen hübsch verzierten Revolver galant über seinen Zeigefinger drehen lässt, bevor er ihn wieder in das Holster steckt. „In frühen Kriegen entwickelten Soldaten beinahe ein erotisches Verhältnis zu ihren Waffen, nannten sie ,ihre Braut'“, sagt mir Heubrock. Wer einem Jungen die Wahl ließe, ob er mit einer Puppe oder einer Waffenattrappe spielen wolle, könne beobachten, wie stark die Faszination schon im Kindesalter sei.

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Zudem hat eine gigantische Industrie Interesse daran, immer mehr Waffen zu verkaufen. Die Waffenlieferungen in den Nahen Osten haben sich von 2013 bis 2017 verdoppelt. Daran ist auch Deutschland maßgeblich beteiligt.

Waffen bedeuten für viele Sicherheit – doch es wird nicht weitergedacht

Waffenhändler*innen in Deutschland berichten, dass ihre Geschäfte etwa nach gesellschaftlich aufreibende Vorfälle wie der Silvesternacht 2015 in Köln leergekauft würden. Auch immer mehr Frauen kauften bei ihnen ein, oft aus der Begründung, sich so sicherer fühlen zu können.

Im Vergleich zu den USA, wo etwa 300 Millionen Waffen im Privatbesitz sind, sind in Deutschland nicht im Ansatz so viele im Umlauf. Vermutlich auch, weil die Hürden hier weitaus größer sind. Es gibt laut offiziellen Angaben etwa 5,8 Millionen legale Waffen in Deutschland und die gehören zu etwa 2,3 Millionen waffenrechtlichen Erlaubnissen, wie Deutschlandfunk Kultur recherchierte. Es gibt 1,45 Millionen private Waffenbesitzer*innen im Land, viele davon sind im Deutschen Schützenbund organisiert und betreiben das Schießen als Sport.

Getragen werden dürfen scharfe Waffen allerdings nicht in der Öffentlichkeit, nur Schreckschusspistolen; und diese auch nur so, dass sie nicht sichtbar sind. Das deutsche Pendant zur US-amerikanischen NRA (National Rifle Association), die GRA (German Rifle Association) fordert offen, dass sich das ändert und alle Menschen Waffen mitführen dürfen. Die Organisation bekommt unter anderem durch das Berliner Model Carolin Matthie Aufmerksamkeit, das für sie auf YouTube und Social-Media-Kanälen für einen freieren Umgang mit Waffen wirbt.

Es ist schon paradox: Waffen gelten heute offenbar immer noch als der ultimative Sicherheitsgarant für viele Menschen. Ich habe eine Waffe, ich bin sicher, so die Annahme. Die Historikerin Dagmar Ellerbrock von der Technischen Universität Dresden widerspricht dem: „Wir wissen, dass je mehr private Waffen in einer Gesellschaft zirkulieren, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass man eben durch diese privaten Waffen, die der Nachbar oder der Mitbürger besitzt, verletzt wird.“

Tatsächlich scheint es, als würden es sich Waffenenthusiast*innen etwas leicht machen und den Nachhall nicht mit einberechnen. Es stürzt uns in eine merkwürdige, ja beinahe unnatürliche Mischung aus Gefühlen, eine Waffe gemäß ihrer Bestimmung verwendet zu haben, sagt mir Psychologe Heubrock. Er ist selbst Jäger und beschreibt das Gefühl, ein Tier erlegt zu haben, so: „Ich bin zunächst froh und glücklich darüber, dass ich getroffen habe. Trete ich an das Tier heran und sehe das Blut, die offenen Augen, fühle ich aber Trauer und Bedauern.“ Zwei völlig konträre Emotionen also, kurz nacheinander.

Nur wir selbst können uns dem Waffenwahn entsagen

Ich habe nach meiner Zeit bei der Armee nie wieder eine Waffe in die Hand genommen. Heute bin ich stolz, dass ich mich den Machtgefühlen entziehen konnte, die P8 und G36 in mir auslösten. Nicht auszumalen, was es mit mir gemacht hätte, hätte ich sie jemals außerhalb des Schießstands verwenden müssen.

All das, was ich verspürte, als ich die Pistole P8 das erste Mal in die Hand nahm, war etwas, das mich in meinem Leben nicht weitergebracht hat. Ebenso wenig wie der erste Schuss oder der große Abscheu, der sich später entwickelte, als ich auf menschenähnliche Ziele schoss. Vergeudete Gefühle, vergeudete Zeit, die ich besser hätte verbringen können.

Ich weiß heute, dass sich keine Probleme mit Waffen lösen lassen. Ganz im Gegenteil. Sie schaffen erst Probleme oder verstärken bestehende. Wir können heilfroh sein, dass der Verkauf von Waffen zumindest in Deutschland so stark reguliert ist. Jäger*innen etwa müssen ihre scharfe Waffen nach der Jagd zu Hause wegsperren und zudem zu jeder Zeit mit unangekündigten Kontrollbesuchen rechnen.

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Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass es eher mehr als weniger Kontrollen gibt und sich beispielsweise die Spielzeugindustrie von der Forschung über den Einfluss von Waffen belehren lässt. Damit die Konditionierung, die unter anderem ich bei der Armee durchlebte, nicht wie bisher schon im Kinderzimmer beginnt.

Während meines letzten Jahres bei der Bundeswehr erlebte ich jedenfalls etwas Faszinierendes: Meine Ergebnisse beim Schießen wurden immer schlechter, je mehr ich das Konzept Waffe ablehnte. Ich verweigerte mich innerlich offenbar so stark davor, dass mein Körper antwortete.

Ich traf die Zielscheiben einfach nicht mehr. Ich wurde zu einem schlechten Schützen – und ich freute mich darüber.

Als ich das letzte Mal mit raus zum Schießen fahren sollte, ging ich nicht mehr mit. Ich meldete mich krank.


Hilfe holen

Falls du aufgrund Schusswaffenverwendung traumatisiert bist oder Opfer wurdest, findest du bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen. Du kannst von Montag bis Freitag, von 17 bis 19 Uhr auch das Traumatelefon anrufen.