Was passiert, wenn eine Frau über ihre Sexualität schreibt

Unsere Autorin schreibt über ihr Sexleben und erhält deshalb unzählige Hasskommentare und plumpe Anmachen. Ist sie selbst daran schuld? 

Shhhht.

Shhhht. Unsplash | CC0

Neulich beim Arzt… Das hier könnte ein Witz werden, ist aber keiner. Ich lag auf der OP-Liege und wartete, bis die Betäubung in meinem Fuß wirkte. „Was machen Sie denn beruflich?“, fragte der Arzt seine Standardfrage, um uns die Zeit ein wenig zu vertreiben. „Ich bin freie Autorin“, sagte ich und spulte, weil die meisten Menschen nichts mit dieser Berufsbezeichnung anzufangen wissen, ein paar der seriöseren Medien ab, für die ich schreibe. Er war begeistert, denn eine von mir genannte renommierte Wochenzeitung las er ganz besonders gern. Also flitzte er um seinen Schreibtisch herum und gab meinen Namen bei Google ein. Nichts. Ich schreibe ja nicht umsonst unter Pseudonym.

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„Ach, kommen Sie schon, jetzt sagen Sie es!“, bettelte er. Scheiße, immerhin würde er gleich meinen Fuß operieren, dachte ich, also könnte ich ihm auch ruhig mal einen kleinen Gefallen tun. Also ließ ich ihn Katja Lewina eintippen. Sein Blick lief die Suchergebnisse rauf und runter. „Offene Beziehung“, murmelt er belustigt. „496 Mal Masturbieren in einem Monat. Na, Sie machen ja Sachen.“ In diesem Augenblick kam die Schwester rein, die OP sollte losgehen. „Schauen Sie mal, die Frau Lewina“, sagte der Arzt und zeigte auf mich. „Die ist auf allen meinen Lieblingsseiten! www.love.de und dieses www.ruf-mich-an.de, Sie wissen schon, die, deren Werbung immer nachts läuft! Muahahahah! So, ich pieks jetzt mal rein, ob die Betäubung wirkt.“ Sie wirkte nicht. Also kreischte ich vor Schmerz anstatt „Wer hat Ihnen denn ins Hirn geschissen?“ zu schreien. Nun ja, und außerdem hatte dieser Mann ein Skalpell in der Hand.

Entweder wird es anzüglich oder abwertend

Ich weiß, was viele denken: „Wer freiwillig sein Liebesleben in der Öffentlichkeit ausbreitet, braucht sich nicht zu wundern.“ Ich wundere mich trotzdem. Über Hasskommentare und Mails voller Beschimpfungen, genauso wie über digitale Avancen und Einladungen zu Sexdates. Darüber, dass mich die einen als verabscheuungswürdig und die anderen als sexuell verfügbar betrachten. Für beide Seiten bin ich eine Schlampe – nur mit unterschiedlicher Konnotation.

Die einen betrachten mich als verabscheuungswürdig, die anderen als sexuell verfügbar.“

In solchen Momenten bin ich heilfroh, durch mein Pseudonym Distanz zwischen mich und meine Leser*innen bringen zu können. Denn auch wenn ich das Private immer für politisch halte und jederzeit bereit bin, mich in meinen Texten nackig zu machen – ich habe keinen Bock darauf, dass Menschen, die vorschlagen, mich nackt an irgendeinem Ort der Welt rauszuschmeißen oder von Schweinereien mit mir fantasieren, ohne große Mühe vor meiner Tür stehen könnten. Außerdem schützt es mich davor, mich in meinem privaten Umfeld allzu viel erklären zu müssen. Denn wenn es doch mal dazu kommt, dass mich jemand auf einem Porträtbild erkennt oder so lange bohrt, bis ich mit meiner Autorinnenidentität herausrücke, passiert in den meisten Fällen genau das Gleiche wie im Netz, nur vielleicht nicht ganz so ungehemmt: Entweder es wird anzüglich. Oder es wird abwertend.

Mehr Sex in die Welt

Und nein, ich finde nicht, dass ich selbst schuld bin. Weder bedrohe ich irgendwessen Leben, wenn ich darüber schreibe, dass ich nicht monogam sein will, noch habe ich jemals behauptet „Ich mach’s mit jedem*r“. Meines Erachtens sind beide Ideen klare Fälle von akuter geistiger Verwirrung. Und gegen die gilt es vorzugehen. Mit mehr Texten über Sex zum Beispiel. Irgendetwas muss man dem ganzen Irrsinn da draußen schließlich entgegensetzen.

Dazu ermutigen mich zum Glück auch viele Leute, die mir ohne Kraftausdrücke und ohne auf eine Runde Horizontalpolka zu hoffen, schreiben. Wie sehr meine Texte sie bewegen. Dass sie sich selbst wiedererkennen. Neues lernen. Und sie für gesellschaftlich relevant halten. Dann krieg ich den ganzen Tag nicht mehr das Grinsen aus meinem Gesicht. Weil eine von diesen Mails hundert blöde Sprüche kompensiert. Mindestens.

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Übrigens: Später, als der Arzt das Behandlungszimmer kurz verließ, entschuldigte sich die Schwester für ihn. Immerhin wisse er fachlich, was er macht. Ich war erleichtert. Schließlich hing das weitere Leben meines großes Zehs von ihm ab. „Wir sehen uns dann auf www.ruf-mich-an.de, Ihrem Lieblingsmagazin“, versprach ich zum Abschied. Also: Hallo Herr Doktor, falls Sie das hier lesen: Danke für die gute Behandlung. Ich hoffe, ich konnte auch was für Sie tun. Nämlich ihren Horizont ein kleines bisschen erweitern. Auch wenn es nur um einen Millimeter ist.