Sexistinnen: Warum kämpfen manche Frauen gegen Frauen?

Sie stellen sich auf die Seite von Männern, suchen die Schuld bei Frauen und verschaffen sich so Macht: Sexistinnen. Warum kämpfen diese Frauen gegen Frauen?

„Greif ihnen zwischen die Beine. Und dann kannst du alles machen“, sagte Melania Trumps Ehemann 2005 über seine Wirkung auf Frauen.

„Greif ihnen zwischen die Beine. Und dann kannst du alles machen“, sagte Melania Trumps Ehemann 2005 über seine Wirkung auf Frauen. © Jim Watson/AFP/Getty Images

Es brauche „die Freiheit, aufdringlich zu werden“, schrieb die französische Schauspielerin Catherine Deneuve gemeinsam mit rund 100 Frauen in einem offenen Brief zur Sexismusdebatte rund um #MeToo. Auch die Designerin Donna Karan sprach sich für ihren guten Freund Harvey Weinstein aus und erklärte: „Wir müssen mal darüber nachdenken, wie freizügig wir uns geben.“ Ivanka Trump, Melania Trump und Kellyanne Conway unterstützen den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der bereits mehrmals mit zutiefst sexistischen Aussagen auffiel.

In unterschiedlichen Nuancen beweisen all diese Frauen, dass Sexismus nichts mit dem Geschlecht zu tun hat. Sexistinnen sehen die Schuld für die fehlende Gleichstellung bei den Frauen selbst. Sie stellen sich damit auf die Seite der Männer und verschaffen sich so Macht. Was treibt diese Frauen an und warum kämpfen sie nicht für die Gleichberechtigung ihres Geschlechts?

Die deutsche Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling forscht an der Berkeley-Universität zu Ideologie und Sprache des Sexismus und weiß, was in diesen Frauen vorgeht. Ein Interview:

ze.tt: Liebe Frau Wehling, wie kommen Frauen dazu, sexistische Politiker*innen oder Parteien wie Trump oder die AfD zu unterstützen?

Elisabeth Wehling: Um das zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen und begreifen, dass Menschen nicht aufgrund ihres Eigeninteresses wählen. Sonst müssten alle Frauen ganz klar Parteien wählen, die gegen den Gender-Pay-Gap kämpfen, sich für das Recht über den eigenen Körper aussprechen und sich gegen die Marginalisierung der Frau einsetzen. Seit über zehn Jahren weiß man aus der Ideologie- und Moralforschung, dass Menschen nach ihrem Weltbild und der damit verbundenen Ideologie entscheiden, wem sie ihre Stimme geben.

Mehr zum Thema Sexismus in „Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ von Elisabeth Wehling.

Welche Ideologie sind das nun bei den Sexistinnen?

Eine sexistische Frau hinterfragt die herrschende Ordnung nicht und ist implizit oder explizit davon überzeugt, dass ein Mann mehr wert ist als eine Frau. Sie ist davon überzeugt, dass jede*r im Leben das bekommt, was er*sie sich erarbeitet. Männer haben bessere Positionen und werden besser bezahlt, weil sie es sich verdient haben. Eine Frau, die sexistisch ist, ist in der Regel nicht nur sexistisch, sondern denkt auch in anderen Bereichen hierarchisch. In dieser Welt haben Reiche besser gearbeitet als Arme und darum sind sie privilegiert. Wer Macht hat, hat sich diese erkämpft. Wer keine hat, ist selbst schuld.

Da sind wir direkt beim Victim Blaming angelangt, also bei der Suche nach der Schuld beim Opfer anstatt des Täters …

Genau! Auf Sexismus bezogen bringe ich immer gerne einen Vergleich, um zu veranschaulichen, wie tief er sitzt. Man stelle sich vor, dass ein Man ausgeraubt wird. Niemand würde auf die Idee kommen ihn zu fragen, was er beim Überfall getragen hat. Sätze wie „Kein Wunder, dass du überfallen worden bist in diesen teuren Lederschuhen oder mit deinem protzigen Auto“ sind unvorstellbar. Frauen hingegen werden im Sexismus ständig bewertet. Haben sie getrunken oder tragen einen kurzen Rock sind sie selbst schuld, zumindest teilweise. Auch sexistische Frauen untereinander bewerten sich ständig. Hatte eine Frau viele Partner*innen, ist sie eine Schlampe, hat sie wenige ist sie frigide, trägt sie zu viel oder zu wenig Make-up ist sie zu aufgedonnert oder ungepflegt und so weiter.

Sexistische Frauen bringen viel Schaden für den Feminismus mit sich, weil ihre Stimme mehr gehört wird.

Welcher Sexismus ist schädlicher für die Frauenbewegung: der von Frauen oder von Männern? 

Welcher schädlicher ist, kann ich so nicht beantworten. Sie sind auf unterschiedliche Arten gefährlich. Sexistische Frauen bringen viel Schaden für den Feminismus mit sich, weil ihre Stimme mehr gehört wird. Wenn Donna Karan sich hinstellt und erklärt, dass Frauen darüber nachdenken sollten, wie freizügig sie sich geben, dann applaudieren ihr die Sexist*innen. Es ist ähnlich wie beim Rassismus. Wenn ein schwarzer US-Amerikaner sagt, dass es keinen Rassismus im Land gibt, dann nutzen die Rassist*innen ihn als Beweis dafür, dass Rassismus nicht existiert. Wenn hingegen Männer sexistisch sind, werden ihre Worte nicht gleichermaßen als Beweis wahrgenommen, dafür ist ihr Tun für die Gemeinschaft aber relevanter. Denn als die privilegiertere Gruppe haben sie mehr Einfluss und können mehr verändern.

Also braucht der Feminismus die Männer?

Unbedingt! Um Gleichberechtigung zu erreichen, darf es keinen Kampf zwischen den Geschlechtern geben. Das ist das typische Missverständnis. Um etwas zu erreichen, brauchen Frauen die Männer mit an Bord. Jeder männliche Feminist ist wichtig und besonders wertvoll.

[Außerdem bei ze.tt: Sexismus sichtbar machen: Bei diesen Werbeanzeigen aus den 50ern wurden die Geschlechterrollen verdreht]

Rund um die Debatte von #MeToo gab es sowohl Männer als auch Frauen, die beklagten, dass bei all der Korrektheit ja kein Flirt mehr zustande kommen könne … 

Oh ja, die berüchtigte Hexenjagd auf die armen Männer! Was da in der Öffentlichkeit passiert ist, muss man sich genau vor Augen führen: Eine Gruppe von Frauen macht öffentlich, Opfer von sexueller Gewalt oder Belästigung geworden zu sein. Die Reaktion einiger Leute ist nicht Empathie und der Wille, etwas zu ändern, sondern die Frage, wie nun Männer flirten sollen. Heißt: Man schaut direkt wieder auf Männer und ihren Schutz, nicht auf die Frauen. Eigentlich ist es aber recht einfach: Menschen können soziodynamische Situationen gut einschätzen. Wer sich sexistisch verhält, weiß das auch.

Ja?

Also wenn ein Mann nicht mehr weiß, ob er mit einer Frau gerade flirtet oder sie belästigt, hat er wohl noch ganz andere Probleme im sozialen Miteinander, würde ich behaupten (lacht). 

Woran erkennt man als Frau, ob eine Situation gerade sexistisch war?

Normalerweise spürt man das. Ich würde mich auf das Bauchgefühl verlassen. Meist geht es stark um den Frame und die Person. Als Barometer hilft die Frage: Geht es gerade um aufrichtiges Interesse oder darum Macht auszuüben. So können sich Kolleg*innen positiv über Ihr Aussehen äußern und es kann ein aufrichtiges Kompliment oder eine sexistische Bemerkung sein. Es kommt darauf an, was gesagt wird und in welchem Tonfall. Da kann man nicht pauschalisieren. Dann gibt es auch noch Situationen, die immer sexistisch sind: wie das sogenannte Cat calling. Wenn Männer auf der Straße Frauen nachrufen, dann wollen sie damit kein Interesse ausdrücken. Niemand geht davon aus, dass man sich tatsächlich umdreht und dem Mann seine Nummer gibt. Da geht es klar um Macht.

Wie agieren Frauen sexistisch?

Auch da sind verschiedenen Ebenen zu unterscheiden. Zum einen sind manche Frauen sexistisch im Bezug auf ihr Weltbild und ihre Ideologie. Für sie ist es in Ordnung, dass Männer mehr verdienen und bessere Positionen besetzen. Ihr Ziel ist es oft, einen mächtigen Mann an sich zu binden, um so Macht und Absicherung zu erzielen. Andere Frauen agieren hingegen auf subtileren Ebenen sexistisch. Etwa wenn Kolleginnen von den „Mädels aus der Buchhaltung“ sprechen oder bei Frauen eher den akademischen Titel weglassen.

Wie wichtig ist unsere Sprache im Bezug auf Sexismus?

Immens wichtig! Ein Beispiel: Die Namen von Wirbelstürmen können sowohl weiblich als auch männlich sein. Tragen sie einen weiblichen Namen, sterben mehr Menschen, da sie weniger Angst haben und später evakuieren. Die Rolle der Sprache ist essenziell, da sie sowohl die Wahrnehmung als auch unser Verhalten prägt. Wenn wir also für Gleichberechtigung sind, müssen wir auch unsere Sprache verändern. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel das Gendern.

Wie sollte man sexistischen Frauen begegnen? 

Es ist wichtig zu verstehen, dass man Menschen, die man in ihrer Ideologie herausfordert, ganz schön ins Straucheln bringt. Aus der Gehirnforschung weiß man heute, dass eine Konfrontation mit einer Ideologie die der eigenen widerspricht, im Gehirn berechnet wird wie physischer Schmerz. Es erzeugt immensen Stress. Einer Frau, die implizit oder explizit sexistisch denkt verbleiben dann zwei Möglichkeiten: sich zu weheren oder ihr komplettes Weltbild auf den Kopf zu stellen. Die meisten entscheiden sich für ersteres.

[Außerdem bei ze.tt: Diesen Sexismus erleben Menschen bei der Arbeit]

Also besteht keine Chance das Weltbild von Sexistinnen zu verändern?

Doch, aber nicht durch Angriff, sondern durch Empathie. Ich würde dazu raten, nicht mit den großen Diskussionen wie dem Gender-Pay-Gap oder Victim Blaming zu starten, sondern im Alltag einer Person zu bleiben und an die Empathie der anderen Person für sich selbst und andere zu appellieren. Und sich später zu den großen Themen hoch zu arbeiten.

Die Grundlage für den Feminismus ist Empathie.“

Wie funktioniert das konkret? 

Die Grundlage für den Feminismus ist Empathie. Wenn ich mit einer zumindest teilweise sexistischen Frau spreche, bleiben wir bei dem Beispiel Donna Karan, so würde ich etwa sagen: Du bist eine erfolgreiche Frau in der Modewelt. Ich erlebe es in meinem Job oft, dass mir Männer in Besprechungen über den Mund fahren und mich unterbrechen … Kennst du das auch?

Durch ein wohlwollendes und authentisches Miteinander gelingt es eher, Ideologien zu durchbrechen, als durch Aggression und Angriff.

Was ist mit überzeugten Sexistinnen? 

Bei Menschen, die stark festgefahren in sexistischen Weltbildern agieren, ihr Leben danach ausrichten, wird man auch damit keinen Erfolg haben, so ehrlich muss man sein. Schließlich kann der Mensch das Infragestellen des eigenen Weltbildes nur bis zu einem bewussten Punkt verkraften. Nehmen wir Melania Trump. Für sie würde ein großer Teil ihrer täglichen Welt wegbrechen, wenn sie ihre Vorstellungen rigoros ändern würde.

Anmerkung: in einer vorherigen Fassung des Interviews stand: „Eine sexistische Frau hinterfragt die natürliche Ordnung nicht und ist implizit oder explizit davon überzeugt, dass ein Mann mehr wert ist als eine Frau.“ Das war missverständlich, wir haben die Aussage korrigiert.