Was unsere Gesellschaft im Umgang mit ritueller Gewalt noch lernen muss

Dass Kinder und Jugendliche in Deutschland Opfer von furchtbarer Misshandlung und Folter werden können, ist für viele unvorstellbar. Gerade diese Unvorstellbarkeit schützt die Täter*innen. Die Soziologin Barbara Kavemann rät, den Opfern besser zuzuhören. Ein Protokoll

Achtung, Triggerwarnung! In diesem Beitrag geht es um sexualisierten, rituellen Missbrauch sowie um organisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen.

Bis heute erfasst das Bundeskriminalamt keine Straftaten unter der Kategorie „ritueller Missbrauch“, auch strafrechtlich verfolgt werden sie nicht. Dabei führt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2019 insgesamt 12.262 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung kinderpornografischer Schriften (Schlüsselzahl 143200) aus. Ritueller Missbrauch ist ein Szenario, in dem häufig Material von Folterungen und Missbrauch entsteht.

Das weiß auch Barbara Kavemann. Seit den frühen 1980er-Jahren arbeitet die Soziologin zum Thema sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend, sie ist Mitglied der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in Deutschland und führt für Forschungszwecke Interviews mit Frauen und Männern, die sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt haben.

Umfassende Zahlen dazu, wie viele Menschen in Deutschland Opfer von ritueller und organisierter Gewalt sind, hat auch sie nicht. Aber es gibt, so sagt Kavemann, „einen nicht unerheblichen Anteil von Betroffenen von sexuellem Kindesmissbrauch, die von solchen Formen berichten“. Auch die wenigen Studien, die dazu durchgeführt wurden, deuten darauf hin, dass rituelle Gewalt in Therapieräumen ein Thema ist. Laut einer Studie des Arbeitskreises Rituelle Gewalt in Nordrhein-Westfalen von 2005 hatten im Ruhrgebiet etwa zehn Prozent der teilnehmenden Therapeut*innen mit Patient*innen zu tun, die von solchen Formen der Gewalt berichteten (Pdf). Eine ähnlich angelegte Studie kommt in Rheinland-Pfalz auf zwölf Prozent.

Was das für unsere Gesellschaft bedeutet, welche Folgen rituelle Gewalt für Betroffene hat und welches Stigma dem Phänomen bis heute anhaftet, hat uns Barbara Kavemann erzählt. Für unseren einstündigen Dokumentarfilm über rituelle Gewalt und ihre Folgen haben wir ausführlich mit ihr gesprochen. Den ersten Teil der Doku kannst du dir hier ansehen, den zweiten Teil der Doku findest du hier. Barbara Kavemanns vollständige Antworten liest du hier im Protokoll.

Barbara Kavemann, Soziologin: „Das sind nicht irgendwelche Merkwürdigen. Das sind Menschen wie du und ich, und denen ist das passiert.“

Ritualisierte Gewalt ist eine Form organisierter Gewalt. Das bedeutet, dass diejenigen, die ritualisierte Gewalt erfahren haben und das berichten, in der Regel von einem größeren Personenkreis erzählen. Nicht nur von einem Eins-zu-eins-Verhältnis mit einem*r Täter*in, sondern einer Vielzahl von Täter*innen in einer gut organisierten Struktur, aus der es in der Regel kein Entkommen gab und bis ins Erwachsenenleben hinein kein Entkommen gibt. Das ist eine sehr spezielle und oft als hochbedrohlich beschriebene Situation, sowohl in der Kindheit als auch später noch. Die Folgen sind in der Regel sehr weitreichend, hier wird häufig von traumatischen Erlebnissen berichtet, von schweren gesundheitlichen und psychischen Einschränkungen, und natürlich starken Beeinträchtigungen im sozialen Kontext.

Wenn man sich einmal einer solchen Gruppe ausgeliefert gesehen hat, die als Kind überhaupt nicht einzuschätzen ist und die als sehr machtvoll und sehr beherrschend gesehen wird, dann ist es natürlich schwierig, im sozialen Kontext Vertrauen aufzubauen. Die Netzwerke sind für die Kinder, zum Teil auch für die Erwachsenen, vollkommen undurchschaubar. Wer gehört dazu, wer gehört nicht dazu? Wem kann man vertrauen? Diese Misstrauensproblematik schränkt genauso wie die Bedrohungslage soziale Kontakte ein. Man leidet nicht nur innerpsychisch unter dem, was einem getan wurde, sondern man leidet auch darunter, sehr einsam zu sein.

Wir haben unterschiedliche Formen von organisierten Strukturen, aber im Grunde haben alle die Familie als Hintergrund.

Barbara Kavemann

Es gibt wenig Untersuchungen, es gibt keine repräsentativen Daten, wir haben keinerlei Vergleichsmöglichkeiten. Aber es gibt – und ich lege mich ungern auf Zahlen fest, weil die alle vorläufig sind – einen nicht unerheblichen Anteil von Betroffenen von sexuellem Kindesmissbrauch, die von solchen Formen berichten. Wir haben hier Schnittstellen, eine Unschärfe zwischen organisiertem und rituellem sexuellen Kindesmissbrauch. Wir haben unterschiedliche Formen von organisierten Strukturen, aber im Grunde haben alle die Familie als Hintergrund. Das darf man nicht vergessen: Man kann nicht einfach Kinder in irgendeine Gruppe einbinden und sexuell missbrauchen, ohne dass die Herkunftsfamilie dabei eine unterstützende Rolle spielt. Das gilt auch und sehr stark für den rituellen Bereich.

Von rituell sprechen wir, wenn das Gewaltgeschehen von einer Ideologie ummantelt wird. Eine religiöse oder pseudoreligiöse, eine politische, eine faschistische Rassentheorie oder was auch immer. Meistens sind das Pseudotheorien, die dem Ganzen ein gewisses Brimborium und eine sehr spezielle Struktur verleihen, die den Beteiligten an diesen rituellen Treffen den Status von etwas Besonderem geben. Und natürlich: die hochverschwiegen sind. Sehr exklusiv, sehr verschwiegen.

Wir haben aber auch andere Formen von rituellem Missbrauch, wo es darum geht, dass zum Beispiel Kinder aus einer Familie heraus in den Bekanntenkreis weitergereicht werden, gegen Geld oder andere Gefälligkeiten. Das ist auch eine Form von organisiertem Missbrauch. Oder dass bestimmte Kreise von Kolleg*innen oder Menschen, die einer gleichen Gruppierung angehören, zwischen sich Kinder hin- und herreichen. In letzter Vergangenheit sind die organisierten Strukturen über das Internet sehr deutlich geworden. Wie dort zum Teil unter Leuten, die sich überhaupt nicht kennen, Kinder in organisierte Strukturen hinein vermittelt werden, um sie zu missbrauchen.

Im Rahmen unserer Arbeit in der Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch führen wir Anhörungen durch. Das heißt, von sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend betroffene Menschen kommen zu uns, wenn sie daran Interesse haben, und wir hören ihre Geschichten an. Wir fassen diese Geschichten dann zusammen und bringen das Ganze in die Öffentlichkeit. Damit diese Stimmen gehört werden. Wir haben im Laufe der ersten drei Jahre 28 Anhörungen zum Kontext der organisierten Strukturen durchgeführt, darunter rituelle organisierte Strukturen. Dazu kommen 14 schriftliche Berichte von Personen, die uns ihre Geschichte aufgeschrieben haben. Das sind keine unerheblichen Zahlen. Man muss immer bedenken, was für eine große Schwelle davor steht, dass man das überhaupt sagt.

Eine solche Geschichte glauben normale Menschen nicht. Man denkt sofort: ‚So etwas kann es gar nicht geben, das denken die sich aus.‘

Barbara Kavemann

Wir haben es mit einem starken Glaubhaftigkeitsproblem zu tun. Es ist eine spezifische Form des Täter*innenschutzes, den diese rituellen Geschichten annehmen. Je bizarrer die Ausstattung und Selbstinszenierung des Ganzen, je bizarrer die Ideologie, die darum gelegt wird, desto stärker wirkt der Täter*innenschutz. Eine solche Geschichte glauben normale Menschen nicht. Man denkt sofort: „So etwas kann es gar nicht geben, das denken die sich aus. Oh Gott, die arme Person ist wahrscheinlich krank, wahrscheinlich glaubt sie selbst daran. Wahrscheinlich ist ihr irgendetwas Schlimmes passiert, aber das kann es ja nicht geben.“ Das heißt, es gibt unheimlich hohe Barrieren, dass das, was berichtet wird, zumindest in seinem Kern auch für tatsächlich möglich erachtet wird. Ich würde mir wünschen, dass man sehr viel weniger auf die bizarren Details achtet, sondern sehr viel mehr auf den Kern des Gewaltgeschehens. Was da passiert ist und was das mit Menschen macht.

Die Sicherheit ist ein großes Problem. Viele sprechen aus sehr guten Gründen nicht darüber und gehen nirgendwohin, um sich Hilfe zu suchen, oder lange Zeit nicht. Weil die Bedrohungslage anhaltend sein kann. Diejenigen, die das getan haben, sind Personen aus ihrem nächsten Umfeld. Und die haben allen Grund, Druck auszuüben, um sich selbst zu schützen. Unter Betroffenen wird von einer Form der Beeinflussung und Konditionierung gesprochen, die sie „Programmieren“ nennen. Nicht wenige berichten davon, dass von frühester Kindheit an Einfluss auf sie genommen wurde, damit sie gehorchen.

Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend ist ein ganz weit verbreitetes Problem. Es hat den Charakter einer Epidemie.

Barbara Kavemann

Konditionierung ist etwas, das funktioniert. Konditionierung ist auch etwas, das man nicht einfach loswerden kann. Solange sie funktioniert, hat das Täter*innennetzwerk immer noch Zugriff auf die Person. Das darf man nicht unterschätzen, das ist eine bestimmte Ausprägung einer Bedrohungslage, bei der weiterhin versucht wird, Kontrolle aufrecht zu erhalten über diejenigen, die als Kind in diesen Gruppen waren. Damit sie eben nicht sprechen. Es ist ja so schon nicht einfach, über sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend zu sprechen. Weil man so viel von sich preisgibt, weil man sich ungemein verletzlich macht, wenn man das sagt. Es geht ein starkes soziales Stigma damit einher, Opfer dieser Gewalt geworden zu sein. Wir haben deshalb auch größten Respekt vor all den Frauen und Männern, die zu uns in die Kommission kommen und darüber berichten, was ihnen passiert ist. Oder besser: was ihnen angetan worden ist. Das ist ja nicht einfach so passiert.

Sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend ist ein ganz weit verbreitetes Problem. Es hat – wenn man das mit anderen gesellschaftlichen Problemen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes vergleicht – den Charakter einer Epidemie. Es ist gesellschaftsweit verbreitet, wenn man die Zahlen betrachtet. Und die rituelle Gewalt ist eine kleine Zuspitzung davon. Eine Gruppe, wir wissen nicht genau, wie groß sie ist. Aber es ist nicht die Breite derer, die diese Form von Gewalt erleben. Die Gesellschaft ist herausgefordert, sehr genau auf diesen speziellen Kontext zu schauen, weil dem viele Kinder zum Opfer fallen und weil hier viele Täter*innen zusammenwirken, um Strukturen zu schaffen, in denen das geschützt möglich ist. Gleichzeitig dürfen wir den Blick auf die Breite des Problems nicht verlieren. Jedes einzelne Kind in jeder einzelnen Familie sieht sich individuell in einer vergleichbaren Lage – obwohl objektiv gesehen die Lage eine andere ist. Das eine zu achten bedeutet nicht, das andere zu vergessen.

Gesellschaftlich müsste es mehr Wissen geben, damit die Schwelle gesenkt wird, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und damit das Wissen darüber: Es gibt Hilfsmöglichkeiten. Für Menschen mit einer dissoziativen Problematik, die mehrere Personen in sich kennen, ist es manchmal nicht einfach, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, weil sie nicht wissen, ob ihnen geglaubt wird. Aber eine psychische Problematik wie eine Persönlichkeitsspaltung, das ist etwas, was man nicht einfach aus gutem Willen und eigener Kraft überwinden kann. Dazu braucht es gute Unterstützung. Für viele Menschen ist der Gedanke daran, dass so etwas passiert, unerträglich. Und dann gibt es für die Betroffenen zu wenig gute Angebote, zu wenig Information. Und diejenigen, die hier Angebote machen, sind dann zum Teil selbst professionell diskreditiert. Weil Kolleg*innen sagen: „Was lässt du dich denn auf diesen Hokuspokus ein?“

Wenn dir in der Kindheit gesagt wird, du wärst der letzte Dreck, dann blühst du nicht im Studium auf. Dann kommst du oft gar nicht bis dahin.

Barbara Kavemann

Ich glaube aber, dass wir gesellschaftlich auf keinem schlechten Weg sind. Wer es sehen will, kann es sehen. Und die Tatsache, dass in den letzten Jahren mehr und mehr Betroffene selbst in der Öffentlichkeit gestanden, ihr Gesicht gezeigt und berichtet haben, zeigt: Das sind nicht irgendwelche Merkwürdigen. Das sind Menschen wie du und ich, und denen ist das passiert. Sie leben weiter, und sie leben mit ihren Belastungen und versuchen, damit klarzukommen. Wichtig ist, dass wir sie besser unterstützen und dafür sorgen, dass das Unterstützungssystem gut ausgebaut und finanziert wird, dass Therapien zugänglich und kostenfrei sind.

Aus meiner Perspektive gibt es noch zu bedenken, dass in den ganzen Jahren der Diskussion über sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend sehr die psychischen Folgen im Mittelpunkt gestanden haben. Die müssen auch ganz stark gesehen werden. Wir müssen aber auch sehen: Was sind die sozialen Folgen? Wir haben es mit Menschen zu tun, die aufgrund der Belastungen und des stark beeinträchtigten Selbstwerts zum Beispiel keinen großen beruflichen Erfolg erzielen können. Wenn dir in der Kindheit gesagt wird, du wärst der letzte Dreck, dann blühst du nicht im Studium auf. Dann kommst du oft gar nicht bis dahin.

Wenn Leute immer wieder krank waren oder immer wieder in stationäre Therapie kommen, dann haben sie keine guten Berufsbiografien. Dann sind sie in einem bestimmten Alter entweder nicht mehr arbeitsfähig oder ein paar Jahre später in Altersarmut. Das ist etwas, was die Gesellschaft bisher vollständig verkennt. Wenn man jahrelang selbst für die Therapie hat zahlen müssen, wenn das gesellschaftliche Netz nicht gut auffängt und wenn sich zum Beispiel staatliche Einrichtungen, in denen Kinder sexuell missbraucht wurden, weigern, Entschädigungen zu zahlen, dann ist das gesellschaftlich nicht in Ordnung. Diese sozialen Folgen müssen wir auch sehen.


Hilfe holen

Hilfe bietet die bundesweite, kostenfreie und anonyme telefonische Anlaufstelle berta unter der Telefonnummer 0800 3050750, sie richtet sich an Betroffene organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt, sowie an Angehörige, Helfende und Fachkräfte.

Das Hilfetelefon sexueller Missbrauch  erreichst du unter 0800 22 55 530, es ist die bundesweite Anlaufstelle für Betroffene sexueller Gewalt, für deren Angehörige sowie Personen aus dem sozialen Umfeld von Kindern, für Fachkräfte und für alle Interessierten.

Beide sind kostenfrei und anonym.

Die Kommentarfunktion ist ausschließlich unseren Leser*innen von ze.tt gr.een vorbehalten.

Noch keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Dein Kommentar ist nur für andere Abonnenten sichtbar. Du erscheinst mit deinem bei Steady hinterlegten Namen und Profilbild. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Es kann ein paar Minuten dauern, bis dein Kommentar erscheint.