Was wir durch einen Rückblick über uns selbst lernen

Lieblingslieder hören und Fotos ansehen: Warum es gut tut und wichtig ist, am Jahresende in Erinnerungen zu schwelgen.

Warum wir durch Zurückschauen so viel über uns selbst lernen

2018, ich bin noch nicht ganz durch mit dir! Foto: Joanna Kosinska / Unsplash | CC0

In vier Tagen ist 2018 vorbei. Zack, Boom, fertig. Ging wieder ganz schön schnell, oder? Vor allem die zweite Jahreshälfte scheint irgendwie immer an uns vorbeizurasen. Erst beschweren sich noch alle über das graue Herbstwetter, dann ist auf einmal Dezember, wir sind mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt und ehe man sich versieht, steht Silvester an. Sektkorkenknallen, viele Umarmungen, ein Tag Kater – weiter geht’s.

Anschnallen, Vollgas, es ist 2019 und es gibt so viel zu tun!

Bevor es aber so weit ist, tauchen sie verlässlich auf, im Fernsehen, in unseren Facebook-Feeds, eigentlich überall: die Jahresrückblicke. Alle Jahre wieder. Manche Leute mögen Jahresrückblicke überbewertet finden. Wozu zurückschauen? Die Uhren drehen sich weiter, den Moment soll man leben, die Zukunft ist das, was zählt. Ich hingegen freue mich jedes Mal drauf, noch mal auf das Jahr zurückzublicken. Na gut, natürlich nicht auf das Zurückschauen auf die vielen tragischen, deprimierenden Ereignisse, die auch dieses Jahr wieder in den RTL-Sondersendungen auftauchen werden, aber auf meine eigenen, persönlichen Rückblicke.

2018, ich bin noch nicht ganz durch mit dir

Dank Spotify bekam ich vergangene Woche bereits einen Überblick darüber, womit ich 2018 einen großen Teil meiner Zeit verbracht habe, nämlich mit Musikhören. Spotify verriet mir nicht nur, dass ich mit Kelly Clarksons Since U Been Gone in dieses Jahr gestartet bin – Hallo, was wäre eine gute Silvesterparty ohne die grandiosen Hits der 00er und 90er Jahre –, sondern immerhin auch, dass unter meinen Lieblingskünstler*innen das Sternzeichen Steinbock am häufigsten vertreten ist – dir zu Ehren, David Bowie! Meine Top-Tracks-2018-Playlist höre ich seit vergangener Woche rauf und runter. Die 100 Songs, die ich dieses Jahr am häufigsten abgespielt habe, noch einmal gesammelt anzuhören, lässt mich teilweise ganz schön emotional werden – und das nicht nur, weil ich mir dabei innerlich auf die Schulter klopfen und zu meinem eigenen überaus guten Musikgeschmack gratulieren möchte.

Nein, vielmehr sorgt das Hören dieser Playlist für einen innerlichen Throwback, in meinem Kopf beginnt so was wie eine Diashow abzulaufen, die mich zurück in die schönsten, lustigsten und die traurigsten Momente meines letzten Jahres katapultiert. Zum Beispiel werde ich daran erinnert, wie The xx nach ihrer Show beim Melt bei mir wieder auf Repeat liefen. Mir fällt wieder ein, wie oft ich im Frühling den Soundtrack von Call Me By Your Name gehört habe und wie ich einmal nach einem Wochenende in Hamburg drei Tage lang nur Tomte laufen ließ. Und auch, dass dieser eine Tag im Juni, an dem ich beim Konzert von Ben Howard war, wirklich kein guter Tag war.

Durch das Zurückschauen lernen wir auch etwas über uns selbst

Zugegeben, ich bin gerne sentimental. Ich liebe es, mir besondere Momente ins Gedächtnis zu rufen, und finde es spannend, zu sehen, was sich im Laufe der Zeit verändert hat, wie ich selbst mich verändere, an welchem Punkt ich vor einigen Monaten war und wo ich jetzt stehe. Eigentlich würde ich gerne Tagebuch schreiben, das habe ich aber noch nie hingekriegt. Dafür liebe ich Fotoalben – ja, richtige, analoge Fotoalben, so was gibt’s noch –, sammle alle möglichen Erinnerungsstücke in meinen Kalendern, und höre eben die Musik, die ich mit meinen Erlebnissen verbinde. Und ich glaube, es tut jedem von uns gut, sich zum Ende eines Jahres die Zeit dafür zu nehmen, ein bisschen zurückschauen.

Unser Leben wird schließlich immer schneller, besonders in Berlin, wo sowieso jederzeit ungefähr alles passiert. Gerade wird noch angestoßen, spätestens ein paar Wochen nach Neujahr ist das alte Jahr dann aber abgehakt, und was passiert ist, wird irgendwo in der hintersten Ecke unseres Gehirns in Kisten gepackt und mit neuen Eindrücken überlagert. Ich bin mir sicher, dass dabei einiges verloren geht – klar, an die ganz großen Momente erinnert man sich immer, aber da war doch mehr als das!

Ich will nicht vergessen, wie glücklich mich das Sommergewitter gemacht hat an dem Tag, an dem ich bei 38 Grad in den fünften Stock umgezogen bin, ich will nicht vergessen, wie oft ich diesen Sommer nachts auf dem Dach saß und ich will auch in ein paar Jahren noch mit meinen Freund*innen darüber lachen, wie die Nachbar*innen die Polizei gerufen haben, weil wir um vier Uhr morgens so laut Bohemian Rhapsody gehört haben.

Zurückzublicken motiviert uns auch für die Zukunft, noch mal über die letzten Monate nachzudenken, dankbar zu sein für die guten Dinge, die passiert sind!

Zurückzublicken motiviert uns auch für die Zukunft, noch mal über die letzten Monate nachzudenken, dankbar zu sein für die guten Dinge, die passiert sind und stolz zu sein auf das, was man geschafft hat. Klingt nach Ratgeber-Gelaber, macht aber echt Spaß. Mir hilft Musik dabei, aber das kann natürlich für jeden etwas anderes sein. Und wer weiß, vielleicht kriege ich es im nächsten Jahr ja sogar mal mit dem Tagebuch-Schreiben auf die Reihe.


Von Marit Blossey zunächst auf Mit Vergnügen erschienen.
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