Wave-Gotik-Treffen: So sieht es aus, wenn sich die Gothic-Familie in Leipzig versammelt

Jedes Jahr über Pfingsten strömen über 20.000 Anhänger*innen der schwarzen Szene für das Wave-Gotik-Treffen nach Leipzig. Unsere Autorin war vor Ort.

Die Tramlinie 1 setzt sich am Leipziger Hauptbahnhof mit einem abrupten Ruck in Bewegung. Die Bahn ist brechend voll. Eine junge Frau, die mit ihren Freund*innen noch irgendwie Sitzplätze ergattert hat, nimmt mit ihrem Smartphone eine Sprachnachricht auf. Ihre Freundin quatscht von links ins Mikrofon, auch der Rest der Gruppe albert ausgelassen rum. Eine alltägliche Szene in der Tram, könnte man meinen, wäre da nicht der Gegenstand in der linken Hand der jungen Frau. Sie hält ein langes schwarzes Zepter, das am oberen Ende mit einer leuchtenden Kristallkugel abschließt, eingerahmt von schwarzen Stacheln. Das Gesicht der Frau ist grau geschminkt, durchzogen von schwarzen Linien. Auf einem Wust toupierter grauer Haare thront eine schwarze Krone, die Zacken lang und spitz, wie die ausgedörrten Finger eines Orks – und mit diesem Outfit fällt sie in der Bahn nicht mal auf. Fast alle Fahrgäste sind von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet, aus einer Musikbox tönt dramatische Opernmusik. Mittendrin sitzt eine vereinzelte Leipzigerin in Straßenklamotten und inspiziert unbeeindruckt ihre soeben erstandenen Einkäufe vom Drogeriemarkt.

Es ist Pfingsten und das 27. Wave-Gotik-Treffen ist in vollem Gange. Von den meisten Besucher*innen wird es schlicht als WGT bezeichnet. Das Festival versteht sich als alljährliche Familienzusammenkunft der Szene. Aus allen Ecken und Ländern der Welt reisen Menschen an, um an den über 200 Konzerten und Kulturveranstaltungen an über 50 verschiedenen Orten innerhalb Leipzigs teilzunehmen. Das Programm ist divers, von Handarbeitsworkshops bis zu Fetischpartys und Besichtigungen des Leipziger Krematoriums steht so ziemlich alles auf dem Plan. Am Freitagnachmittag findet einer der Höhepunkte der Festivitäten im Clara-Zetkin-Park im Westen von Leipzig statt: das viktorianische Picknick. Hierhin ist die Gruppe junger Freund*innen aus der Tram unterwegs.

Sehen und Gesehen werden beim viktorianischen Picknick

Als die Tram ihr Ziel erreicht, richtet sich die junge Frau auf, streift noch einmal den schwarzen Tüllrock zurecht und schreitet anmutig aus der Bahn. „Wir Gothics finden untereinander etwas, was es sonst nur selten gibt – Weltfrieden“, erklärt die selbsterklärte Schwarzromantikerin mit sanfter, ernster Stimme. Kaum hat sie den Satz zu Ende gesprochen, wird sie auch schon von Passant*innen um ein Foto gebeten. Gekonnt posiert sie mit dem Zepter und schreitet dann weiter durch den Park. „Gothics sind miteinander verbunden durch bestimmte Umgangsformen und ein anderes Verständnis vom Tod“, sagt sie, nicht ohne schon wieder für ein Foto zu posieren.

Jedoch sieht die junge Frau auch Probleme, die sich durch die Größe des Wave-Gotik-Treffens ergeben: „Hier vermischen sich die verschiedenen Subkulturen der Szene. Dabei sind wir alle ganz anders, das führt manchmal zu Missverständnissen.“ Für sie, die Schwarzromantikerin, ist Gothic nicht nur ein Hobby. Auch in ihrem Alltag würde sie die Optik und Ethik der schwarzen Szene wahren und nie mit auch nur einem Fuß eine Kirche betreten, verrät die 31-jährige Magdeburgerin noch und vollführt einen eleganten Knicks, bevor sie im Gewusel aus Gruftis und Schaulustigen verschwindet.

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Soweit das Auge reicht, wird das satte Grün des Parks von schwarzen Rüschen, schwarzem Lack, schwarzem Leder, pechschwarzen Haaren und kohlrabenschwarz geschminkten Augen belagert. Hier und da blitzen eine knallrote Haarsträhne oder eine azurblaue Perücke auf. Barockprinzessinnen im schwarzen Ballkleid flanieren über den Rasen, Herren im feinsten schwarzen Zwirn schenken noch einmal in die Gläser ihrer Begleiter*innen nach, die auf Picknickdecken lümmeln. Es geht hier ums Sehen und Gesehen werden. Konstant werden die Gothics fotografiert und lichten sich auch gegenseitig ab.

Wer vom Picknick genug hat, den bringt die eigens für das WGT eingeführte Tramlinie 31, die sogenannte schwarze Linie, vom Hauptbahnhof bis zum Gelände des Agramarktes, ganz im Süden der Stadt. Hier befindet sich der Zeltplatz, auf dem es den ganzen Tag über überraschend ruhig bleibt. Zwar halten viele der Besucher*innen ein Bier oder einen Cocktail in der Hand, während sie über das Gelände schlendern, aber Betrunkene sucht man hier vergeblich.

Schwarz ist nicht gleich schwarz – alle haben ihre eigenen Interpretationen von Gothic

In den großen Hallen des Agrageländes wartet ein schwarzes Shoppingparadies. Eine vierköpfige Gruppe Steampunks steht vor einem Stand und schaut nach Accessoires. Steampunks verstehen sich als Erfinder*innen, sie sind inspiriert von Leonardo da Vinci und Geschichten wie In 80 Tagen um die Welt. Ihre Outfits sind häufig von Zahnrädern geschmückt, manche halten Teleskope in der Hand. Diese Gruppe Steampunks steckt in selbst geschneiderten Uniformen. Alle vier vertreiben neben ihren Hauptberufen Bekleidung und Accessoires für die Szene. Vor allem Menschen, die nicht aus diesem Umfeld kommen, wundern sich manchmal über eine gewisse Ähnlichkeit ihrer Aufmachung zu SS-Uniformen. „Das eine hat mit dem anderen aber nichts zu tun“, beteuert die einzige Frau der Gruppe, deren Szenename Victoria van Steam lautet. „Wir verstehen uns zwar als Patrioten, sind jedoch völlig unpolitisch.“ Die Uniformen sehen sie lediglich als Möglichkeit, ihre Zusammengehörigkeit auszudrücken.

Mit Springerstiefeln ins mittelalterliche Dorf

Eine Tramstation vom Agragelände entfernt, befindet sich das heidnische Dorf, das aus einem romantischen Mittelaltermarkt besteht. Hier wechseln sich Braun- und Schwarztöne ab, viele Menschen tragen Felle und gefühlt jeder zweite Mann hält ein Trinkhorn in der Hand. Es riecht nach frisch gebackenem Brot aus Holzöfen. Man könnte meinen, ein paar der Wildlinge aus Game of Thrones hätten sich hier unters Volk gemischt. Auf der Bühne steht eine niederländische Folkband in Kilts, davor tanzen Männer und Frauen in Springerstiefeln eingehakt im Kreis. Für Simone und Alain aus Zürich sind Mittelalter und Gothic kein Widerspruch. „Da steckt die Gotik ja schon im Namen“, erklärt Alain. Das Pärchen fühlt sich gleichermaßen mit der Gothic-Szene und den Mittelalterfans verbunden. „Ich wechsle dafür auch gerne zwei Mal am Tag das Outfit, heute morgen war ich noch in schwarz unterwegs“, sagt Simone, die jetzt wie die Mischung einer Hofdame aus dem 14. Jahrhundert und einer Elbin aussieht.

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Während die Nacht über die Stadt hereinbricht, verlassen zwei Frauen das heidnische Dorf und besteigen die schwarze Tramlinie in Richtung Innenstadt. Lina aus dem niederländischen Alkmaar ist schon lange Fan des WGTs und hat in diesem Jahr zum ersten Mal ihre 16-jährige Tochter Emma mitgebracht. Plaudernd sitzen Mutter und Tochter in der Bahn, während Lina ihr Strickzeug in der Hand hält. Sie hält den Aufenthalt beim WGT für eine sehr gute erste Festivalerfahrung. „Die Szene ist sehr tolerant und friedlich. Da kann ich meine Tochter beruhigt auf Konzerte mitnehmen“, sagt sie, bevor die beiden am Hauptbahnhof umsteigen und in der Dunkelheit verschwinden.