Weil zwei Monate nicht reichen: Väter, nehmt mehr Elternzeit!

Neue Zahlen zeigen, wie schwer sich die meisten Väter damit tun, Elternzeit zu nehmen. Sorgearbeit bleibt weiterhin Frauensache.

Väter und Elternzeit – oder besser: keine Elternzeit: Seit am Mittwoch eine neue Studie mit neuen Zahlen des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) veröffentlicht wurde, können wir wieder fleißig diskutieren. Und tun das auch – kommen irgendwie doch nicht weiter.

Zwei Monate Elternzeit, danach reicht es auch wieder. Foto: Derek Owens / Unsplash | CC0

Kurz zu den Zahlen: Das DIW wollte der Frage nachgehen, die so viele von uns umtreibt: Warum nehmen Väter weniger Elternzeit als Mütter? Die immer noch traurigen Fakten: Weniger als vier von zehn Vätern (37 Prozent) gehen überhaupt in Elternzeit. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: 63 Prozent aller Männer, die ein Baby bekommen haben, verzichten auf die Möglichkeit, bezahlt einige Monate zu Hause zu bleiben.

Und ihr wisst eh schon, was jetzt kommt: Von diesen 37 Prozent der Väter, die überhaupt Elternzeit beantragen, nimmt eine überwältigende Mehrheit nur die zwei sogenannten Partnermonate. Die maximale Dauer von 14 Monaten ist nämlich nur dann möglich, wenn eine*r von beiden Partner*innen mindestens zwei Monate beantragt.  72 Prozent der Väter, die 2018 Elterngeld einreichten, beließen es bei diesen zwei mittlerweile so getauften Vätermonaten, während die Partnerin zwölf Monate zu Hause blieb. Das wirkt fast so, als wären diese zwei Monate für Väter von Gott und dem Patriarchat so festgeschrieben.

Und warum?

So weit die Zahlen. Die spannende Frage nach den Gründen für die mickrigen Zahlen beantwortete eine Mehrheit der Väter mit der Angst vor finanziellen Einbußen und der Angst davor, berufliche Nachteile zu erleiden. Die Autor*innen der Studie schreiben: „Die Mehrheit der Väter nennt (…) finanzielle Gründe als Motiv, nicht oder nicht länger Elternzeit zu nehmen. In Ostdeutschland trifft das unter den Vätern, die nicht länger als zwei Monate Elterngeld bezogen, auf zwei Drittel zu und damit auf deutlich mehr als in Westdeutschland (49 Prozent). Das könnte darauf hindeuten, dass nicht so sehr die ungleiche Aufteilung der Erwerbseinkommen zwischen Müttern und Vätern vor der Geburt des Kindes (die im Westen stärker ausgeprägt ist als im Osten) eine Rolle spielt, als vielmehr die absolute Höhe des Haushaltseinkommens. Dieses ist in den ostdeutschen Bundesländern im Durchschnitt deutlich geringer.“ Besonders in Ostdeutschland gebe es für viele Familien anscheinend „keinen Spielraum, zwei Monate oder länger auf bis zu 35 Prozent des Einkommens des Vaters zu verzichten“, sagt Katharina Wrohlich vom DIW Berlin.

Und hier wird es wirklich spannend: Erstmal müssen Frauen wahrscheinlich heiser lachen, denn finanzielle und berufliche Einbußen nimmt jede Frau, die länger in Elternzeit geht, offensichtlich ebenfalls in Kauf. Dass Frauen nach der Rückkehr in den Job nach der Elternzeit schlechter bezahlt werden, ist ein alter Hut. Das DIW jedenfalls brachte als Lösungsvorschlag ins Spiel, die Lohnersatzrate bei niedrigeren Einkommen zu erhöhen, um Vätern eine längere Elternzeit zu ermöglichen.

Zwei Monate müssen reichen!

Für die befürchteten beruflichen Nachteile, betonen auch die Autor*innen der neuen Studie, gebe es bisher noch keine wissenschaftlichen Belege. Die Forschung dazu stehe aber auch noch am Anfang, weil Elternzeitväter ein relativ neues Phänomen seien. Die Erforschung  der exotischen neuen Erscheinung namens Elternzeitväter will ich an dieser Stelle nochmal ganz, ganz dringend erbitten. Das könnte nämlich helfen, das ganze Chaos ein bisschen zu sortieren und wegzukommen von der anekdotischen Evidenz der eigenen Filterblase.

Die neue Studie weckt in mir vor allem schon wieder das große Bedürfnis, das ganze Schlamassel ein bisschen zu sortieren. Das Komplizierte ist ja, dass es außerhalb der eigenen Blase derart viele Konstellationen und individuelle Gemengelagen gibt, dass es wahnsinnig schwerfällt, Lösungen zu finden. Also: Es gibt jede Menge Partnerschaften, in denen der Mann deutlich mehr verdient als die Frau. Hier ist akut festzustellen, dass finanzielle Einbußen tatsächlich ein echtes Hindernis für den Mann sein können, in Elternzeit zu gehen. Zumindest, wenn es sich um keinen Großverdiener handelt. Bei diesen weniger verdienenden Familien könnte tatsächlich eine höhere Ersatzrate ein Anreiz für mehr Elternzeit sein. Hier wiederum kann man aber auch den Gedanken von Jochen König ins Spiel bringen, der eine rabiatere Sicht auf das Thema hat und genervt fragt, warum Väter ständig Anreize kriegen sollen, um für ihre Familie zu sorgen.

Wie sollen wir mit 1.800 Euro netto bloß überleben?

Das Argument von sehr gut Verdienenden, sie könnten es sich nicht leisten, mehrere Monate auf den Höchstsatz von 1.800 Euro netto zu sinken, ist für mich schwer nachvollziehbar. Wer so viel verdient, kann womöglich auch etwas zurücklegen. Ein Baby steht ja nicht von heute auf morgen vor der Tür. Und wer ein Baby neu zu Hause hat, spart eh ein paar Hundert Euro pro Monat, weil er nicht mehr ausgehen kann. So.

Wenn typische Frauenberufe nicht so schlecht bezahlt wären und auch das Thema Gender Pay Gap gelöst wäre, dann wäre diese Baustelle zumindest etwas kleiner.

Nicht umsonst können viele Frauen den Satz „Ich bin erst wirklich zur Feministin geworden, als ich Mutter wurde“ unterschreiben – denn, und das kennen sicher viele aus ihrer eigenen Blase: Vor der Mutterschaft verdienen sehr, sehr viele gut ausgebildete Frauen mittlerweile in etwa genau so viel wie ihr Partner. Und trotzdem teilen sich nur ein Bruchteil dieser Paare ihre Elternzeit einigermaßen gleich auf. Hier kommen sehr viele Fragen und unterbewusste gesellschaftliche Prägungen ins Spiel: Männer behaupten, sie hätten ja gern länger gemacht, aber ihre Frauen hätten sie nicht gelassen, weil sie selber gern das ganze Jahr zu Hause bleiben wollten.

Warum wollen wirklich viele dieser Frauen gerne so lange zu Hause bleiben und die Männer nicht? Natürlich liegt es an der fehlenden Wertschätzung von Care-Arbeit, die Frauen weiterhin relativ klaglos übernehmen, es liegt an patriarchalen Strukturen und der Tatsache, dass es für die wenigsten Männer, egal wie modern und feministisch sie sich geben, eine geile Vorstellung ist, sich ein halbes Jahr oder womöglich noch länger vornehmlich mit vollgeschissenen Windeln und Breikochen und Spielplatzgelaber zu beschäftigen, während im Office ohne sie die Post abgeht. Da müsste man nämlich seine Komfortzone verlassen. „Ich hätte ja gern Elternzeit genommen, aber das wär in meiner Firma echt nicht gegangen“ – ich bin immer wieder fasziniert, wie leicht und unbedarft Männern dieses armselige Sätzchen über die Lippen kommt.

Warum traut sich keiner?

Der Klassiker, den wir schon so unendlich oft diskutiert habe: Wenn keiner sich traut, dann wird sich in der Unternehmenskultur nichts ändern. Wirklich familienfreundliche Unternehmen, die ihre männlichen Mitarbeiter zu längeren Elternzeiten animieren, sind immer noch eine absolute Ausnahme.

Was wäre die Lösung? Die Elternzeit verpflichtend auf sieben Monate für beide Elternteile aufzuteilen, also nur noch 14 Monate zahlen, wenn beide Partner*innen sieben Monate nehmen, wie es Robert Franken mal vorgeschlagen hatte? Jochen König und Robert Franken hatten dazu schon vor knapp drei Jahren eine Diskussion. Königs Argumentation: Damit werden am Ende der Frau fünf Monate bezahlte Elternzeit weggenommen, denn man müsse befürchten, dass die Elternzeit dann eben insgesamt kürzer ausfällt.

Was natürlich auch klar sein muss: Alles an der Elternzeit aufzuhängen, ergibt auch keinen Sinn: Entscheidend ist die Langstrecke, also ob es Paaren gelingt, nach der Elternzeit, wenn beide wieder im Alltag angekommen sind, eine gute Aufteilung von Lohn- und Care-Arbeit zu finden. Darauf wirkt sich die Elternzeit Studien zufolge aber positiv aus.

Die Debatte um Vaterschaft

Grundsätzlich: All diese individuellen Entscheidungen werden innerhalb von Rahmenbedingungen gefällt, die der Staat und die Gesellschaft formen. Das begünstigt Entscheidungen, die stereotypen, tradierten Rollenmustern entsprechen.

Eine weitere Debatte, die wir in diesem Kontext führen müssen, ist die um das Thema Vaterschaft. Wenn selbst an Gleichberechtigung interessierte Väter es nicht für attraktiv halten, in ihrem Laden weniger da zu sein, um für ihr Kind zu sorgen, dann sind wir bei der nicht vorhandenen Wertschätzung von Sorgearbeit. Ich glaube, am Ende ist das neben der überfälligen Änderung von Firmenkulturen der wichtigste Punkt, an dem wir ansetzen müssen.


Von Lisa Seelig auf EDITION F.

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