Welche Erfahrungen Christine und Torsten mit Sexualbegleitung sammelten

Was für Christine genau die richtige Art ist, ihre Sexualität zu leben, ist für Torsten nur ein Anfang. Zwei Menschen mit Behinderung berichten von ihren Erlebnissen mit Sexualbegleitung.

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Sexualbegleitung ist nicht für jede*n das Richtige. Foto: cottonbro / Pexels | CC0

Sexualbegleitung ist eine spezielle Form der Sexarbeit. Sie richtet sich an Menschen, die besondere Schwierigkeiten haben, ihre Sexualität zu leben – die noch wenig bis gar keine oder aber sehr negative Erfahrungen gemacht haben. Vor Kurzem haben wir in diesem Interview die Sexualbegleitung aus der Sicht einer Sexualbegleiterin beleuchtet.

Aber wie fühlt sich Sexualbegleitung für die Klient*innen an? Was bringt Menschen dazu, eine*n Sexualbegleiter*in zu buchen? Und kann Sexualbegleitung für die Klient*innen mehr sein als ein Ersatz für sexuelle Erfahrungen, für die sie nicht bezahlen?

Christine, die ihren Nachnamen für sich behalten will, sitzt aufgrund einer Tetraplegie, einer spastischen Lähmung ihres linken Armes und ihrer Beine, im Rollstuhl. Sie lebt in einem ambulant betreuten Wohnen für Menschen mit Behinderung.

Bevor die heute 53-Jährige einen Platz im betreuten Wohnen fand, lebte sie mit ihrem heutigen Ex-Mann zusammen. 13 Jahre war sie verheiratet. Eine Zeit, an die sie gar nicht gerne zurückdenkt. Über Details will sie nicht sprechen, zu dunkel die Erinnerungen: „Das war die schlimmste Zeit, die ich in meinem Leben erlebt habe. Das war ganz, ganz furchtbar.“

In ihrer eigenen Wohnung mit Betreuer*innen, die etwa zwei Mal die Woche für ein paar Stunden vorbeikamen, fühlte sie sich zunächst sehr wohl. Sie fühlte sich frei, brauchte keine Angst mehr zu haben, wie sie berichtet. Doch dann stieg ein anderes Gefühl in ihr auf. „Ich habe immer öfter in meiner Wohnung gesessen und mir gedacht: Du hast alles, du kannst machen, was du willst, aber irgendwie fehlt was. Der Kreis schließt sich noch nicht. Da ist noch eine Lücke“, erzählt Christine.

Zwar war sie froh, ihrer toxischen Ehe entkommen zu sein – und doch wollte sie wieder einem Mann körperlich nah sein. Sie hatte schon davon gehört, dass es Sexualbegleiter*innen gibt – Menschen, die andere Menschen ohne oder mit negativen Erfahrungen gegen Bezahlung in eine positive Sexualität begleiten – und überlegte, ob die Begegnung mit einem solchen Mann etwas für sie sein könnte. Recherchieren am Computer fällt ihr schwer, da sie, seitdem sie als Kleinkind einen Wasserkopf hatte, stark sehbehindert ist. Also fasste sie all ihren Mut zusammen und sprach ihre Betreuer*innen an. Christines Betreuerin versprach, sich schlau zu machen.

Die schwierige Suche nach einer Partnerin

„Mit ungefähr 25 habe ich gemerkt: Hoppla – ich habe ja auch sexuelle Sehnsüchte“, erzählt Torsten Pickert, der heute 41 und wie Christine seit seiner Geburt körperbehindert ist und im Rollstuhl sitzt. In den Jahren zuvor hatte er versucht, seine Sehnsüchte zu ignorieren. Zu schmerzhaft schien ihm ihre vermeintliche Unerfüllbarkeit. Aber mit 25 konnte Torsten sie nicht mehr verdrängen. „Ich habe angefangen, unter meinem fehlenden Sexualleben zu leiden. Das hat mich krank gemacht“, berichtet er. „Ich war gefühlt 250 Tage im Jahr krank und habe jeden Infekt mitgenommen“, so Torsten.

Nachdem ihm bewusst geworden war, worunter er litt, wollte Torsten Frauen kennenlernen. Eine Suche, die sich so schwierig gestaltete, dass er sie schließlich in einem Buch niedergeschrieben hat, das im letzten Jahr erschien. Liebe (un)möglich?!? erzählt die Geschichte eines Mannes im Rollstuhl, der sich nach Intimität, Sex und Liebe sehnt. Es ist Torstens Geschichte. Die große Frage des Buches wird bereits im Titel gestellt: Ist Liebe für einen Mann mit Behinderung möglich? Und wie ist sie möglich?

„Ich habe versucht, Mittel und Wege zu finden, das für mich umzusetzen, und bin vor alle möglichen Wände gelaufen“, berichtet er. Die Frauen, die er kennenlernte, mochten ihn. Als Freund. Als Mann? Daran dachten sie oft gar nicht, glaubt Torsten. Mit einigen Frauen saß er Stunden in Cafés zusammen, führte lange und ausschweifende Gespräche. Aber was für ihn ein Flirt war, war für sein Gegenüber das Gespräch mit einem guten Freund. „In vielen Fällen habe nicht mal einen Korb gekriegt, weil ich gar nicht als potenzieller Partner betrachtet wurde“, so Torsten. Vielleicht sah er sich auch selbst zu wenig als potenziellen Partner und hatte zu viele Fragezeichen im Kopf, ob er überhaupt für eine Frau attraktiv sein könnte. Wer weiß.

Ehe er sich versah, waren Jahre vergangen. Plötzlich stand sein dreißigster Geburtstag kurz vor der Tür. Noch immer hatte er keine Freundin. Noch immer keine sexuellen Erfahrungen. Für Torsten der Punkt, an dem er entschied, mit der Hilfe eines Freundes ins Bordell zu gehen. „Ich wollte meinen ersten Sex unbedingt vor meinem Dreißigsten haben“, erzählt er.

Im Rückblick sagt er: „Es war eigentlich nicht das, was ich wollte.“ Er habe zwar Sex mit einer Frau gehabt, aber wonach er sich eigentlich sehne, hätte er im Bordell nicht erfahren können.

Christine sucht einen Sexualbegleiter aus

Eine Woche nachdem sich Christine ihrer Betreuerin anvertraut hatte, kam diese mit dem Laptop in den Händen zu ihr: „Ich habe was gefunden.“ Sie hatte bei Google das Stichwort „Sexualbegleitung“ eingegeben und war auf zwei Männer in Deutschland gestoßen, die dieses Angebot anbieten.

Christine musste sich also entscheiden: Mit welchem der beiden Männer wollte sie in einen näheren Kontakt treten? Und konnte sie sich überhaupt vorstellen, mit einem der beiden intim zu werden? Die Auswahl von zwei Anbietern ist ja nicht gerade üppig. Christine und ihre Betreuerin schauten sich Fotos der zwei Männer an. Einer der beiden schied sofort aus, denn er hatte eine Glatze. „Ich mag halt Männer mit langen Haaren“, sagt Christine. Den anderen Sexualbegleiter fand sie attraktiv. Sein lockiges, schulterlanges Haar gefiel ihr sofort.

Aber das Äußere war Christine nicht genug, um zu entscheiden: Will ich diesen Mann treffen? Noch zu viele unbeantwortete Fragen schwirrten ihr durch den Kopf. „Ich habe mir gedacht: Du kaufst keine Katze im Sack. Du willst natürlich wissen: Was ist das für ein Mensch? Was macht der? Wie arbeitet der?“, erzählt sie. Christine begann mit dem Sexualbegleiter zu mailen. Dieser beantwortete alle ihre Fragen und nicht nur das: Er gewann ihr Vertrauen. „Mir war relativ schnell klar: Diesen Menschen möchtest du auf jeden Fall mal sehen. Ich war gespannt: Mal gucken, was passiert, wenn er dir wirklich gegenüber sitzt“, erzählt Christine.

Torsten wollte etwas Neues ausprobieren

In Torstens Leben vergingen wieder Jahre. Er zog von seinen Eltern in eine eigene Wohnung. Mittlerweile war er Mitte 30. Nicht mehr seine Eltern unterstützten ihn in seinem Alltag, sondern Assistent*innen. Ein wichtiger Schritt. Und doch noch immer nicht der Schritt zu einer Freundin. Sein Bedürfnis nach körperlicher Nähe wurde wieder einmal sehr groß. Noch einmal ins Bordell zu gehen, schied für ihn aber aus. „Damals habe ich mir gedacht: Das Bordell war es jetzt irgendwie nicht. Also probierst du mal was anderes“, so Torsten. „Sexualbegleitung – das Wort hatte ich immer mal wieder gehört“, erzählt er.

Schnell fand er eine Anbieterin, deren Homepage ihm zusagte, deren Äußeres ihm zusagte. Torsten nahm Kontakt auf, per Messanger. „Das ging dann relativ schnell. Ich habe sie erst einmal angeschrieben, habe mich kurz vorgestellt und dann haben wir ein paar Mal hin und her geschrieben“, erinnert sich Torsten. Bald stand ein Termin zum gegenseitigen Kennenlernen fest.

So was habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt: So angenommen zu sein. So ernst genommen zu werden. So Frau sein zu dürfen.

Christine

Auch Christine fand einen Termin, den Sexualbegleiter ihrer Wahl zu treffen. Er sollte sie das erste Mal besuchen kommen, ihr gegenüber sitzen – vielleicht auch mehr. „Er hat das Kennenlernstunde genannt“, erinnert sie sich. Sie war ziemlich nervös und wollte ihre Betreuerin beim ersten Treffen dabeihaben. Es hätte ja sein können, dass man sich nicht sympathisch gewesen wäre, dass die Chemie nicht gestimmt hätte.

Aber Christines Befürchtungen verflogen sehr schnell: „Es hat keine zehn Minuten gedauert, da war mir klar: Eine*r von uns dreien ist hier jetzt überflüssig. Und das war nicht der Sexualbegleiter.“ Christine gab ihrer Betreuerin ein Zeichen, sich zurückzuziehen.

Es begann eine Beziehung, die bis heute anhält. Aus dem unbekannten Mann aus dem Internet wurde eine der wichtigsten Personen in Christines Leben. Aus dem Sexualbegleiter wurde Christines Sexualbegleiter. Sie treffen sich schon über Jahre: Etwa alle drei Wochen besucht der Sexualbegleiter Christine in ihrer Wohnung, um mit ihr intim zu werden.

Wenn Christine von den Treffen mit ihrem Sexualbegleiter erzählt, gerät sie ins Schwärmen: „Es ist einfach nur wunder-, wunderschön. So was habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt: So angenommen zu sein. So ernst genommen zu werden. So Frau sein zu dürfen.“ Für sie ist die Beziehung zu ihrem Sexualbegleiter hoch emotional. Sie vertraut ihm wie keiner anderen Person. „So tief und so innig habe ich noch keinem Menschen vertraut“, sagt Christine.

Es ist eine Dienstleistung. Es wird immer eine Dienstleistung bleiben.

Christine

Befürchtet sie nicht manchmal, zu starke Gefühle zu entwickeln? Auf diese Frage reagiert Christine gelassen: „Ein Gefühl braucht sich nicht mehr zu ergeben. Das hat sich schon ergeben. Schon sehr schnell.“ Sie fügt hinzu: „Von meiner Seite, wohlgemerkt.“ Für ihren Sexualbegleiter sind die Treffen mit ihr schließlich sein Job, der ihm Spaß macht, für den er aber auch Geld nimmt. Das weiß Christine. Am Ende jedes Treffens bezahlt sie ihn in Bar. Eine Erinnerung. Eine Grenze. Mit der sie aber gut leben kann.

„Es ist eine Dienstleistung. Es wird immer eine Dienstleistung bleiben“, sagt Christine. Es ist keine Liebesbeziehung. Zumindest nicht beidseitig. Das wird nie passieren – das hat ihr ihr Sexualbegleiter vorsichtshalber direkt am Anfang gesagt. Aber das will Christine auch gar nicht. Sie will keine Partner*innenschaft. Nicht zu ihrem Sexualbegleiter, nicht zu einem anderen Mann. Die Termine mit ihrem Sexualbegleiter als das, was sie sind – intime Treffen auf Zeit mit einem Anfang und einem Ende – sind genau das, was Christine braucht, um als Frau glücklich zu sein. „Wir haben eine wunderschöne Zeit zusammen. Und wenn diese Zeit zu Ende ist – das hört sich jetzt kalt und grob an – aber wenn diese Zeit zu Ende ist, geht jede*r seinen*ihren eigenen Weg. Und keine*r ist dem*der anderen irgendeine Rechenschaft schuldig.“ Das genießt Christine. Alles andere würde sie belasten.

Wir haben uns kennengelernt. Wir sind uns begegnet. Wir haben versucht, rauszufinden: Wer ist der*die andere? Was wollen wir gemeinsam erleben?

Torsten Pickert

Auch für Torsten war der erste Termin mit der Sexualbegleiterin eine erfüllende Erfahrung, aus der noch viele weitere Treffen mit der Frau folgen sollten. Im Unterschied zu seinem ersten Mal im Bordell beschreibt er die Treffen mit der Sexualbegleiterin als eine authentische Begegnung: „Wir haben uns kennengelernt. Wir sind uns begegnet. Wir haben versucht, rauszufinden: Wer ist der*die andere? Was wollen wir gemeinsam erleben?“

Zweieinhalb Stunden ging das erste Treffen mit der Sexualbegleiterin. Und selbst das war eigentlich viel zu kurz. Der erste Termin fand bei ihr statt: Torsten lag neben ihr auf einer Matratze am Boden. Sie haben gesprochen. Sie haben sich ausgezogen. Sie haben sich berührt. Sogar geküsst. Es gab Momente, in denen er vergaß, dass er für die Zeit mit dieser Frau, die er so schön fand, bezahlte.

In Torstens Buch Liebe (un)möglich?!? wird die nicht gelebte Sexualität des Protagonisten als eine klaffende Wunde beschrieben. Auch der Autor selbst, Torsten, hat seine nicht gelebte Sexualität als Wunde erlebt. Konnte die Sexualbegleitung diese Wunde heilen?

Ich glaube, ohne die Erfahrung von Sexualbegleitung hätte ich noch zehn Jahre länger gebraucht, um dazu zu stehen, dass ich sexuelle Bedürfnisse habe und dass es in Ordnung ist, dass ich sie habe.

Torsten Pickert

Die Treffen mit der Sexualbegleiterin waren für Torsten Entwicklungsschritte. Er ist gereift als Mensch, als Mann. „Ich glaube, ohne die Erfahrung von Sexualbegleitung hätte ich noch zehn Jahre länger gebraucht, um dazu zu stehen, dass ich sexuelle Bedürfnisse habe und dass es in Ordnung ist, dass ich sie habe“, sagt er. Und doch ist für ihn die Sexualbegleitung – anders als für Christine – keine Dauerlösung. „Sexualbegleitung kann nur der erste Schritt sein“, findet Torsten. Er hat sie mittlerweile abgebrochen. Die Sexualbegleitung geriet für Torsten an ihre Grenzen.

Während die Grenzen der Sexualbegleitung für Christine genau das sind, was ihr Sicherheit gibt, sind sie für Torsten eine latente Erinnerung daran, was die Sexualbegleitung nie wird sein können: Der Ersatz für eine*n Freund*in.

Torsten kam es irgendwann so vor, als ob die Treffen mit der Sexualbegleiterin seine Wunde eigentlich nicht schließen, sondern vielmehr weiter öffnen würden: „Je mehr Sexualbegleitung ich genutzt habe, umso mehr Lust bekam ich und umso offener wurde ich, Dinge auszuprobieren.“ Dinge, die er nicht mit einer Sexualbegleiterin ausprobieren kann, sondern von denen er hofft, sie eines Tages mit einer Partnerin ausprobieren zu können. Denn Torsten findet: „Jenseits der Sexualbegleitung gibt es noch ganz viele andere wunderbare Dinge, die man als Mensch mit Behinderung erkunden dürfen sollte.“

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