Wenn das Geld im Alter nicht mehr für Essen reicht

Immer mehr alte Menschen sind von Altersarmut betroffen – und nutzen vermehrt die Angebote von der Tafel.

Mitarbeiter*innen der Tafel beim Sortieren von Lebensmitteln. © Tafel Deutschland e.V. / Dagmar Schwelle

Weihnachten steht vor der Tür. Das heißt für viele vor allem gutes Essen und Zeit mit der Familie. Doch was, wenn der Blick in den heimischen Kühlschrank nichts zu bieten hat? Was, wenn das Geld nicht reicht für Gänsebraten mit Klößen? Im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) zieht der Vorsitzende des Bundesverbandes der Tafeln in Deutschland, Jochen Brühl, Bilanz und merkt an, dass immer mehr Rentner*innen das Angebot der Tafeln nutzen würden: „Fast jeder vierte Tafelkunde ist mittlerweile Rentner. Das sind in etwa 350.000 Menschen.“ Heute ist jede*r Vierte ein*e Rentner*in, 2007 war es noch jede*r Zehnte. Laut einer Pressemitteilung des Vereins machen Rentner*innen heute insgesamt circa 23 Prozent der Tafel-Nutzer*innen aus.

[Außerdem bei ze.tt: Bundesregierung streicht heikle Passagen aus Armutsbericht – diese zum Beispiel]

Die Tafeln sammeln und verteilen Lebensmittel an bedürftige Menschen.  Die fast 1.000 Stellen sind meist regional organisiert. Insgesamt engagieren sich laut Aussage des Dachverbands mehr als 60.000 Helfer*innen freiwillig, und 1.500.000 Bedürftige nehmen das Angebot wahr. Laut der Pressemitteilung habe man zwar eine „Verdopplung der Zahl der Senioren“ festgestellt, gleichzeitig jedoch auch ein „steigendes ehrenamtliches Engagement“.

Macht endlich mal was und redet nicht nur!“ – Jochen Brühl

Verbandsvorsitzender Brühl erinnert sich in der NOZ an eine bewegende Geschichte: „Mir im Gedächtnis geblieben ist eine 75-jährige Witwe aus Süddeutschland, die vier Kinder groß gezogen hat, jetzt von kleiner Rente lebt, die sie mit vier Putzjobs aufbessert. Da hat es Überzeugungsarbeit gebraucht, dass sie zur örtlichen Tafel geht. Ihren Kindern will sie nicht zur Last fallen.“ Damit spricht er ein Thema an, was für viele Bedürftige wahrscheinlich eine große Rolle spielt: Scham. Vielen ist es vielleicht peinlich, die Unterstützung der Tafeln anzunehmen und dabei gesehen zu werden. Er erklärt, dass sinkende Arbeitslosenzahlen nicht automatisch eine Abnahme der Armut bedeuten würden. Es reiche heute nicht mehr, ein Leben lang gearbeitet zu haben.

[Außerdem bei ze.tt: Es trifft die Ärmsten: NRW will das Sozialticket nicht länger unterstützen]

Doch wie kann man diese Problematik angehen? Brühl sieht hier die Politik in der Pflicht: „Es nützt doch nichts, wenn Politiker in Wahlkampfzeiten unsere Essensausgaben besuchen.“ Das lehne er ab, da man nicht nur für schöne Bilder herhalten wolle. Er fordert: „Macht endlich mal was und redet nicht nur!“ Dass Altersarmut mehr als nur ein Wort ist, untermauert die Studie Entwicklung der Altersarmut bis 2036 der Bertelsmann Stiftung, in der es heißt: „Unsere Analysen zeigen, dass das Armutsrisiko über die Zeit ansteigt.“ Simulationen haben ergeben, dass die Armutsrisikoquote, welche für den Zeitraum 2015 bis 2020 bei circa 16 Prozent liegt, in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre auf etwa 20 Prozent steigen wird.

Das könnt ihr tun

Besorgt erläutert Brühl: „Armut ist der Nährboden für das Gefühl, abgehängt zu sein, eh keine Chance zu haben und damit letztlich auch Wegbereiter des Extremismus.“ Damit bringt er ein großes Problem auf den Punkt, an dem wir alle gemeinsam arbeiten müssen. Wenn ihr die Arbeit der Tafeln in Deutschland unterstützen wollt, dann könnt ihr das auf ganz verschiedene Art und Weise tun. Informationen, was es wo zu tun gibt, findet ihr hier.