Wenn du als Frau keine Elternzeit nehmen willst, ist dir der Shitstorm sicher

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli will nach der Geburt ihres Kindes direkt weiterarbeiten. Die Reaktionen auf diese Ankündigung fielen heftig aus – und beweisen einmal mehr, dass wir immer wieder in alte Rollenmuster zurückfallen.

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Mutter und Kind. Foto: © Julia Straub / photocase.com

Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli erwartet im Sommer ihr erstes Kind und plant, bis direkt vor der Geburt zu arbeiten und keine Elternzeit zu nehmen. Auf Twitter schrieb sie über die Reaktionen von Menschen auf ihre zukünftige Lebensplanung: „‚Wann gehst du in den Mutterschutz?‘’– ‚Möchte bis zum Schluss durchziehen.‘ – ‚Wir lange machst du Elternzeit?‘ – ‚Gar nicht.‘ – ‚Nimm dir Zeit.‘ – ‚Kind braucht dich, ändert dein Leben.’– ‚Arbeit wird zweitrangig.‘ – Das kommt ständig und fast nur von Frauen. Dachte, wir sind weiter.“

Doch was stört mich eigentlich an dem Tweet? Der letzte Satz in Kombination mit der Information, das käme „fast nur von Frauen“, irritiert mich zumindest. Wie so oft ist Twitter wohl auch hier mal wieder genau der richtige Kanal, um eine Debatte in eine blöde Richtung zu lenken. Denn ich vermute mal, Sawsan Chebli wollte auf gar keinen Fall Frauenbashing im Allgemeinen betreiben. Ich kann verstehen, dass es ihr stark auf den Keks geht, wenn Frauen, die ihr womöglich nicht mal nahestehen, meinen, ihre Lebensgestaltung wie geschildert kommentieren zu müssen.

Es ist sogar schade, dass die Frauen, von denen sie schreibt, nicht akzeptieren oder sogar wertschätzen können, welche Entscheidungen eine andere Frau für ihr Leben trifft. Bei individuellen Lebensentscheidungen, etwa der Frage, wie lange man das eigene Kind zu Hause betreuen möchte, oder wie man sich Elternzeit aufteilt, sollten andere Menschen darauf verzichten, den eigenen Senf dazuzugeben. Das gilt für viele andere persönliche Lebensentscheidungen im Übrigen auch.

Wir sind noch nicht weiter

Ich frage mich aber: Wie kam Sawsan Chebli überhaupt zu der höchst optimistischen und nun revidierten Einschätzung, wir wären schon weiter? Warum sollten wir? Kennt sie die Zahlen zur Aufteilung von Care-Arbeit in Deutschland, zur Frage, wie viele Männer nach der Geburt eines Kindes überhaupt Elternzeit beantragen (37 Prozent), wie lange die Elternzeit dieser Väter im Durchschnitt ist (fast drei Viertel nehmen nur das Minimum von zwei Monaten), wie viele Mütter mit Kindern bis zum Grundschulalter in Teilzeit arbeiten (mehr als 70 Prozent) und wie viele Väter das tun (sechs Prozent)?

„Ich träume von einer Welt, in der Frauen sich nicht mehr untereinander für ihre Lebensentscheidungen abwerten“, kommentierte die Journalistin Eva Horn. Von der Welt träume ich auch. Aber gerät eine solche Debatte so nicht in eine falsche, weil unsolidarische Richtung? Fehlt hier nicht ein ganz wichtiger Faktor, nämlich der Faktor „Männer“?

Das Schlimme ist nämlich, dass Frauen sich untereinander für ihre Lebensentscheidungen abwerten – das passiert oft. Ich behaupte aber mal, dass sie das nicht nur deswegen tun, weil sie anderen Frauen unbedingt reindrücken wollen, dass sie deren Lebensentscheidungen „schlechter“ finden als ihre eigenen; weil die einen ihr Leben mit maximal sechs Monaten Elternzeit und dann 40 Stunden die Woche malochen so wahnsinnig geil finden oder die anderen meinen, man könnte nur dank jahrelangem Ausstieg aus dem Job mit ausschließlich unbezahlter Care-Arbeit und dann vielleicht mal ein bisschen Teilzeit samt miesem Rentenkarma Ruhm und Ehre als Mutter finden.

Hinter diesen Wertungen steckt vielmehr oft ein enormer Leidensdruck. Wir können ja mal spekulieren: Wie viele Frauen, die Sawsan Chebli mit einem blöden Spruch gekommen sind, sind insgeheim verbittert/neidisch/enttäuscht/resigniert, weil sie keine*n Partner*in haben, mit der*m ein solches Modell möglich ist? Wie viele verspüren Druck, weil sie selbst womöglich monate- und jahrelang weg vom Fenster sind und es deshalb nicht gut ertragen, wenn eine andere Frau das übliche Spiel („Geh‘ gebären und stell dich danach in die zweite bis zehnte Reihe“) nicht mitspielen will? Das mag nicht besonders edel sein, nachvollziehbar aber schon.

Nicht nur die anderen Frauen sind das Problem

Warum geben Frauen solche Kommentare ab? Womöglich auch, weil sie sich mit Care-Arbeit, mit Haushaltsführung und der Sorge für Kinder in einem Bereich aufhalten, in dem sie sich relativ sicher fühlen können. Ein Safe Space gewissermaßen, in dem ihnen bis heute Anerkennung garantiert ist, in dem sie in eine Rolle schlüpfen können, die die Gesellschaft für sie vorsieht, ein Bereich, in dem sie nicht befürchten müssen, anzuecken, keine Angst haben müssen vor gesellschaftlicher Stigmatisierung; nicht befürchten müssen, systematisch kleingemacht zu werden. Die Soziologin Jutta Allmendinger erklärt in diesem Interview, wie schwer es für Frauen ist, einen Bereich, aus dem sie jahrelang Anerkennung gezogen haben, aufzugeben.

Und spekulieren wir weiter: Wie viele jener Männer, die Sawsan Chebli gegenüber keinen abschätzigen Kommentar zu ihren Plänen abgegeben haben, haben dabei gedacht: „Boah, echt beeindruckend, wie sie das macht, wär‘ das super, wenn meine Partnerin das auch so durchziehen würde“? Ich wette eine Flasche alkoholfreien Sekt, dass es mindestens im ein oder anderen Mann tendenziell eher so aussieht: „Wie karrieregeil ist die denn?“, oder: „Gut, dass wir das zu Hause anders geregelt haben.“ Ich habe davon gehört, dass es löbliche Ausnahmen geben soll. Die sollen sich bitte nicht gemeint fühlen.

Mütter können es anscheinend nie richtig machen

Völlig erwartbar quillt denn auch die Diskussion unter dem Tweet über vor Trollergüssen darüber, warum man sich denn dann überhaupt ein Kind anschaffe, ob man nicht wüsste, wie wichtig die Mutter-Kind-Bindung in den ersten Monaten sei, und überhaupt, die Evolution könne man nicht einfach ausblenden – der übliche Spam, der zuverlässig eintrudelt, wenn eine Frau sich einbildet, sich wie ein Mann verhalten zu können.

Die wichtigste Nachricht muss hier am Ende noch mal stehen: Egal wie du es als Mutter machst, so wirklich richtig scheint es nie zu sein.


Dieser Artikel von Lisa Seelig ist zuerst auf EDITION F erschienen.

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