Wenn du bei „Ad Astra“ Spaß haben willst, verlass nach der Hälfte das Kino

Roy McBride (Brad Pitt) bricht zu den Sternen auf, um elektromagnetische Stürme zu untersuchen und seinen Vater wiederzufinden. Aber nur die erste Hälfte seines Trips ist sehenswert. Eine Kritik

ad-astra-zu-den-sternen-filmkritik-brad-pitt

Es hätte so schön werden können – leider überzeigt Ad Astra nicht. Filmstill: 20th Century Fox

Wenn du einmal die Woche über neue Film- und Serientipps informiert werden willst, abonniere unseren Newsletter „Popcorn & Couch“.


Man muss kein Fan der bemannten Raumfahrt sein, um Hollywoods futuristische Weltraumfilme zu genießen. Die haben eine lange Tradition und gerade in den letzten Jahren hat es wieder einige Perlen gegeben. Etwa Matt Damons unterhaltsamen Überlebenskampf in Ridley Scotts Der Marsianer. Oder was haben wir uns in die Sessel gekrallt, als Sandra Bullock und George Clooney in Alfonso Cuaróns Gravity durch den luftleeren Raum wirbelten. Und trotz seines verschwurbelten Eso-Endes: Die Epik von Hans Zimmers Orgeldonnern in Christopher Nolans Interstellar war von sterngleichem Ausmaß.

Ad Astra soll das nächste große Weltraumabenteuer mit Starbesetzung sein. Die Teaser und Trailer weckten bereits vor Monaten große Erwartungen. Dieses Mal sitzt der relativ unbekannte James Gray auf dem Regiestuhl, der bereits große Stars wie Joaquin Phoenix und Marion Cotillard dirigierte, dessen entsprechende Filme wie The Immigrant (2013) und Die versunkene Stadt Z (2016) aber bei den meisten nur ein Schulterzucken hervorlocken. Kann er Hollywood einen weiteren Weltraumknaller bescheren?

Gefahr aus der Tiefe des Sonnensystems

Plötzlich herrscht Chaos auf der Erde der nahen Zukunft. Elektromagnetische Stürme brechen aus dem hintersten Winkel unseres Sonnensystems herein und bedrohen das Leben auf dem blauen Planeten. Der stoische und stets pflichtbewusste Major Roy McBride (Brad Pitt) geht selbst fast bei einem der Stürme drauf, überlebt nur dank seines kühlen Kopfes und absoluter Selbstkontrolle.

Wegen seines Könnens wird er zu der Geheimmission berufen, den Stürmen auf den Grund zu gehen. Aber seine Mission bekommt noch eine persönliche Dimension: Die zerstörerischen Wellen scheinen aus der Umlaufbahn des Neptuns zu kommen, wo vor 30 Jahren eine Raumstation verschwand – mit Roys Vater an Bord, dem für seine Heldentaten gefeierten Clifford McBride (Tommy Lee Jones).

Daddy ist anscheinend noch am Leben. Um ihn zu erreichen, soll Roy zum letzten leicht erreichbaren Außenposten der Menschheit auf dem Mars reisen, um von dort eine Nachricht an seinen Vater zu senden. Einfach ablesen, simple Kiste, kann nichts schiefgehen. Doch auf dem Weg zu seinem Missionsziel wird das Bild immer komplexer, und am Ende ist klar: Roy will seinen Vater selbst zur Rede stellen.

Lost in Space – and in a bad script

Bei Ad Astra ist der Weg das Ziel. Etwa die atemberaubende Anfangssequenz, in der sich Brad Pitts Figur in freiem Fall zur Erde befindet. Oder die atmosphärisch dichte Reise in die Tiefe unseres Sonnensystems zu hypnotischen Neoklassikklängen von Max Richter und Soundtüftler Nils Frahm. Ab und an finden sich schmeichelnde Referenzen, so ist beispielsweise die kreativ beleuchtete Szene auf der Marsstation eine unverkennbare Hommage an Stanley Kubricks unerreichten Meilenstein 2001: Odyssee im Weltraum (1968). Spacefans geht in der ersten Hälfte des Films das Herz auf.

Zunächst glaubt man, eines der Kinohighlights des Jahres zu sehen. Welche Geheimnisse birgt wohl die verschollene Raumstation? Lebt Roys Vater wirklich noch? Seine Mission war es, endlich außerirdisches Leben zu finden; gibt es am Ende vielleicht krasse Neptun-Oktopoden zu sehen? So viele Möglichkeiten – doch dann versagt das von James Gray zusammen mit Ethan Gross (schrieb unter anderem an der Serie Fringe mit) verfasste Drehbuch.

Die Handlung wird mit lauter unnötigen und unvollendeten Nebensträngen verkompliziert. Doch besonders Brad Pitts Figur ist so limitiert in ihrem Ausdrucksvermögen, dass man keinen besseren Armeehelden hätte erdenken können. Ad Astra bietet im späteren Verlauf so viele wichtige und emotionale Szenen, in denen kongeniale Dialoge nötig gewesen wären, um die imposante Optik zu spiegeln. Stattdessen glotzt Roy McBride stoisch vor sich hin. Selbst als seine harte, oder eher völlig phlegmatische Schale aufbricht, betrachtet man das völlig ungerührt. Dem Film fehlt es an Menschlichkeit, die über plakative Mimik hinausgeht. Pitts Schuld ist das nicht, immerhin glänzte er zuletzt als Highlight in Quentin Tarantinos neustem Streich Once upon a Time… in Hollywood. Seine Figur lässt ihm hier einfach keinen Spielraum.

Mit fortschreitender Entfernung zur Erde geraten die Geschehnisse schließlich zunehmend unglaubwürdiger. Man muss und sollte bei Hollywoods Weltraumepen nicht die Realismuskarte ziehen, mit der lässt sich letztlich jede Spacemission zerschlagen. Aber: Wenn man gegen Ende dasitzt und nur noch den Kopf ob der abstrusen Wendungen schüttelt, ist das ein Indiz dafür, dass die Macher*innen es nicht geschafft haben, einen vollends in ihre erschaffene Welt mitzunehmen. Das ist bei Ad Astra leider der Fall, weshalb der fade Nachgeschmack das Astronautenabenteuer nachhaltig trübt.

Profitipp: Verlasst das Kino, wenn im Film ein unerwarteter Notruf einer anderen Raumstation eingeht. Geht einfach raus und lasst eure Fantasie den Rest der Geschichte ausmalen. Nur so bleibt die imposante Reise bis dorthin in guter Erinnerung.

Außerdem auf ze.tt