ze.tt gr.een Was ist das?

Wenn Einsamkeit krank macht

Wer sozial isoliert ist, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit eine Depression zu entwickeln, ein Herzleiden oder Krebs zu bekommen und früher zu sterben. Woran liegt das?

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"Wer seine Einsamkeit nicht ernst nimmt und etwas ändert, kann sich auf dem Weg in eine Depression befinden." Foto: Claudia Wolff / Unsplash | CC0

Einsamkeit – das klingt nach einem eher theoretischen Problem. Nach einem halbwegs behebbaren Leiden. Wonach Einsamkeit aber keinesfalls klingt: nach einer potenziellen Todesursache. Und trotzdem gehört dauerhafte soziale Isolation zu den größten Gefahren für unsere Gesundheit.

„Einsamkeit kann negative Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit haben“, sagt Sonia Lippke, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Jacobs-Universität Bremen. Hier erklärt sie die Effekte, die Einsamkeit konkret auf Seele und Körper eines einzelnen Menschen haben kann.

Einsamkeit und die Psyche

Es ist wichtig, sich an dieser Stelle noch mal kurz den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu vergegenwärtigen.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Alleinsein ist selbst gewählt, Einsamkeit nicht. Oder wie Professorin Lippke erläutert: „Einsamkeit ist ein negativer und stressreicher emotionaler Zustand. Er entsteht aus der Diskrepanz zwischen gewünschtem und aktuellem Ausmaß der sozialen Verbundenheit eines Menschen.“

Das bedeutet: Wer nicht so viel Kontakt zu anderen Menschen hat, wie er*sie braucht oder will, ist nicht nur unglücklich, sondern leidet auch unter erheblichem Stress. Und der zermürbt die Seele. Zu den Folgen zählt unter anderem ein sinkendes Selbstwertgefühl. Im Gehirn werden außerdem dieselben Areale aktiv, die für Schmerzen zuständig sind. Dazu kommen Schlaflosigkeit, ein geschwächtes Immunsystem, abnehmende kognitive Leistungsfähigkeit. Letztere kann das Ausbrechen einer Demenz begünstigen.

All das hängt dabei laut Professorin Lippke aber nicht unbedingt vom Alter ab. „Einsame Menschen sind nicht glücklich und erleben weniger Lebensqualität – das haben wir bei gesundheitlich beeinträchtigten Menschen, beispielsweise in der medizinischen Rehabilitation und bei Erwerbsminderungsrentnern, aber auch bei gesunden Studierenden gefunden.“

Und wer, bedingt durch Einsamkeit, konstant unter Schlafmangel leidet, kann laut Untersuchungen den Alltag schlechter bewältigen und findet noch weniger Kraft und Energie, um soziale Kontakte aufzubauen und zu erhalten. Die Einsamkeit nimmt weiter zu.

Wer nicht so viel Kontakt zu anderen Menschen hat, wie er*sie braucht oder will, ist nicht nur unglücklich, sondern leidet auch unter erheblichem Stress.

Deshalb ist es laut Expertin so entscheidend, die Einsamkeit eben nicht als theoretisches, selbst verschuldetes Problemchen abzutun. „Wer seine Einsamkeit nicht ernst nimmt und etwas ändert, kann sich auf dem Weg in eine Depression befinden“, sagt Sonia Lippke. „Wichtig ist also, die Einsamkeit als Frühwarnsignal wahrzunehmen.“

Einsamkeit und körperliche Gesundheit

Doch nicht nur die Seele, sondern auch der Körper leidet unter sozialer Isolation. Und zwar ganz konkret und mit verheerenden Folgen. „Es besteht ein erhöhtes Risiko an Krebs zu erkranken oder einen Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erleiden“, sagt die Expertin für Gesundheitspsychologie, „sogar ein früheres Versterben durch die verschiedenen Erkrankungen ist möglich.“ Einsamkeit kann durchaus töten – indirekt.

Das hat auch die Studie der US-Psychologin Julianne Holt-Lunstad gezeigt. Bei Menschen, die sich dauerhaft isoliert fühlen, steigt das Sterberisiko um 26 Prozent. Und bei tatsächlich permanent Alleinlebenden sogar um 32 Prozent. Laut Studie können einsame Menschen auch dazu neigen, ihr Umfeld eher als feindselig und unsicher wahrzunehmen. Dadurch steigen Blutdruck, Puls und Stresshormonlevel – und damit erhöht sich auch das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass Einsame höhere chronische Entzündungswerte aufweisen. Und die begünstigen die Entstehung verschiedener Krankheiten, darunter Alzheimer, Arteriosklerose und einige Krebsarten.

Hinzu kommt noch, dass sich einsame Menschen eher ungesund und eintönig ernähren und wenig bewegen, wie auch Professorin Lippke weiß: „Sie geben oft nicht ausreichend auf sich selbst acht und trinken zum Beispiel mehr Alkohol, rauchen mehr oder üben weniger körperliche Aktivitäten aus. Dazu kommen die schon genannten Krankheiten, bei denen wir nicht genau wissen, ob die Krankheit vor der Einsamkeit da war oder die Einsamkeit die Krankheit begünstigt hat.“

Es ist eben niemand anderes da, den*die das interessiert oder der*die sich kümmert. Sich selbst aufgeben ist so leicht, wenn es keine*r mitbekommt.

Und hier sprechen wir nicht über Einzelfälle, Einsamkeit ist weit verbreitet: „In Deutschland ist jeder zehnte Mensch betroffen. In anderen Ländern ist dieser Anteil an einsamen Bürgern noch höher“, sagt Sonia Lippke. „Ganz wichtig ist aber, dass Einsamkeit keine Krankheit ist. Kein Patient kann vom Arzt wegen Einsamkeit behandelt werden.“

Wer seine Einsamkeit nicht ernst nimmt und etwas ändert, kann sich auf dem Weg in eine Depression befinden.

Sonia Lippke, Professorin für Gesundheitspsychologie

In Anbetracht der möglichen psychischen und physischen Folgen besteht trotzdem Handlungsbedarf. Was also tun, wenn Einsamkeit immer größer wird und die Gesundheit beeinträchtigt?

Selbstwirksamkeit und Selbstliebe

So banal es klingt: Raus aus der Wohnung – vorausgesetzt, es ist gesundheitlich möglich – und bewegen. Spaziergänge an der frischen Luft, Sport. Auch soziale Aktivitäten sind hilfreich. „Andere Menschen suchen, mit denen man gemeinsame Interessen teilt oder mit denen man etwas Erfüllendes tun kann“, sagt auch Sonia Lippke. „Ein Sportverein, eine Begegnungsstätte oder eine Kirchengruppe können bei Einsamkeit besser helfen als der Arzt.“

Die Komfortzone zu verlassen, ist am Anfang sicher nicht einfach und kostet Überwindung, aber es lohnt sich.

Darüber hinaus rät die Expertin, sich bei tatsächlichen Treffen und beim Austausch mit anderen auch wahrhaftig aufs Gegenüber zu konzentrieren und auch mal das Handy beiseite zu legen: „Wenn man mit Menschen zusammen ist, wirklich da sein und nicht gleichzeitig auf Facebook, Instagram und WhatsApp mit zig anderen Leuten in Kontakt bleiben. Das ist eine Überforderung und kann dazu führen, dass man das Gegenüber oder auch sich selbst nicht richtig wahrnimmt und später erst realisiert, dass man etwas vermisst.“

Denn unsere hochsozialen Gehirne brauchen echte Begegnung und Vernetzung, wollen sich dem Gegenüber verbunden fühlen. Das geht nur von Angesicht zu Angesicht. Virtuelle Kontakte reichen nicht aus. Sie können aber durchaus ein Anfang sein.

Aber auch die Psychologie spielt eine Rolle: „Optimistisch sein, aber keine unrealistisch hohen Erwartungen haben“, so Sonia Lippke. Denn eine hohe Erwartung an sich selbst und ans Umfeld beziehungsweise an bestimmte Situationen birgt das Potential erheblicher Enttäuschung. Und die wiederum kann dann zu erneutem oder weiterem Rückzug führen.

„Selbst etwas tun und es sich zutrauen ist zentral“, so Lippke. Dieses Konzept nennt sich Selbstwirksamkeitserwartung. Dabei geht es im Grunde um den Glauben an die eigene Fähigkeit, das, was man sich vorgenommen hat, auch tatsächlich umzusetzen – selbst, wenn Schwierigkeiten auftauchen. „Viele Forschungsergebnisse und Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass Selbstwirksamkeitserwartung die Grundlage ist, wirklich etwas zu tun.“

Wer also davon überzeugt ist, einen Weg aus der Einsamkeit finden zu können, wird es demnach auch ein bisschen leichter schaffen.

Zwei Dinge sind neben der Selbstwirksamkeitserwartung noch von entscheidender Bedeutung für den Umgang mit – und den Weg aus der Einsamkeit: Nachsicht, Großzügigkeit, Rücksicht und Fürsorge sich selbst gegenüber und positive Erfahrungen und Bestärkung durch andere Menschen.

Der Schmerz ist real

Einsamkeit ist den seltensten Fällen selbst verschuldet und, anders als Alleinsein, auch keine freiwillige Entscheidung. Der daraus entstehende Schmerz ist real, sowohl seelisch als auch körperlich. Und kann gesundheitliche Konsequenzen haben. Deshalb ist es wichtig, sich aus der sozialen Isolation zu bewegen und einen Schritt auf andere Menschen zuzumachen. Auch, wenn es anfangs schwer fällt.


Hier lest ihr Teil 1: Warum wir uns alle einsam fühlen
Hier lest ihr Teil 2: Wir haben verlernt, füreinander da zu sein

In der nächsten Folge unserer Einsamkeitsserie geht es um die Frage, wie sich wachsende Einsamkeit auf unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben und das politische Klima auswirkt.

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