In Wien klären von Obdachlosigkeit Betroffene über die Schattenseiten urbanen Lebens auf

Obdachlosigkeit, Fluchterfahrung und Sucht sind nicht unbedingt die klassischen Themen einer Stadtführung. Gerade deshalb führen in Wien Betroffene zu wichtigen Stationen.

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Norbert bei der Führung. Foto: Viktoria Klimpfinger

Norberts kariertes Halstuch passt farblich perfekt zu seiner dunkelblauen Daunenjacke. Er trägt eng geschnittene stonewashed Jeans und elegante Schnürschuhe, seine kurzen grau-weißen Haare hat er sorgfältig zurückgekämmt. Nachdem er jede*n der 15 Studierenden, die er durch die Gegend um den Wiener Hauptbahnhof führen wird, mit Handschlag begrüßt hat, zeigt er das Bild von einem Mann, der auf den ersten Blick so gar nichts mit ihm selbst gemein hat: Mit zerzaustem Haar und zerschlissenen Klamotten lungert er neben einem Einkaufswagen. Es ist das Klischeebild eines Obdachlosen, das uns Norbert vor die Nasen hält und mit dem er in den nächsten eineinhalb Stunden gehörig aufräumen wird.

Norbert ist einer der Guides von Shades Tours – das sind Touren, bei denen von Obdachlosigkeit betroffene Menschen durch die Stadt und zu wichtigen Stationen für Obdach- und Wohnungslose führen. Soziale Einrichtungen wie Notschlafstellen werden wir dabei allerdings nicht besuchen, keine Schlafplätze oder beliebte Treffpunkte von Obdachlosen auskundschaften. Das wäre pietätlos und darum geht es auch überhaupt nicht. Die Shades Tours verstehen sich als Stadttouren mit Bildungsauftrag, die ein wenig Licht auf die Schattenseiten des urbanen Lebens werfen und Vorurteile abbauen wollen.

Als Social Business wurden sie 2015 von Perrine Schober gegründet und sind längst zur Institution geworden, wenn es darum geht, Wien mit etwas anderen Augen zu sehen. Der Zulauf ist so stark, dass Shades Tours im August 2019 sogar nach Graz expandieren konnten. Mittlerweile gibt es außerdem auch Touren zu den Themen Flucht & Integration und Sucht & Drogen, bei denen ebenfalls Betroffene wichtige Stationen abgehen.

Kleines Vokabeltraining

Insgesamt war Norbert, unser Tour-Guide, selbst etwa vier Jahre obdach- und wohnungslos. Doch bevor er genau erzählt, wie es dazu kam, ist es wichtig, ein paar Begriffe und Zahlen zu vermitteln. Vokabeltraining nennt er das und muss ein bisschen lächeln. Dann erzählt er mit fester, aber leiser Stimme, dass es in Österreich etwa 16.000 Obdach- und Wohnungslose gibt, in der Hauptstadt Wien allein 11.000 – Stand: 2016, Tendenz: steigend. Vielen sieht man, wie ihm damals auch, die Obdachlosigkeit nicht unbedingt an, erklärt Norbert, bevor er auf ihre drei unterschiedlichen Formen eingeht: Da gibt es die sogenannte harte Obdachlosigkeit. Davon sind Menschen betroffen, die ausschließlich im öffentlichen Raum leben und schlafen. Die zweite Form ist die verdeckte Obdachlosigkeit, bei der man im günstigsten Fall bei Familie und Freund*innen unterkommen kann, im ungünstigsten Fall in von Gewalt geprägten Partnerschaften und Abhängigkeiten ausharrt. Hat man ein Bett in einer der Notschlafstellen, in denen man für einige Zeit bleiben kann, ergattert, befindet man sich in der dritten Form der Obdachlosigkeit. In diesen Einrichtungen gibt es warme Mahlzeiten, Waschbereiche und oft auch medizinische Versorgung.

Die Stadt Wien stellt Notschlafstellen für anspruchsberechtige EU-Bürger*innen zur Verfügung, Ordensgemeinschaften vergeben auch Betten an nicht-anspruchsberechtigte EU-Bürger*innen. Anspruchsberechtigt sind österreichische Staatsbürger*innen und rechtlich Gleichgestellte. Norbert kommt ursprünglich aus dem Burgenland und war vor seiner Obdach- und Wohnungslosigkeit über 40 Jahre in Wien gemeldet und berufstätig, zählt also zu dieser Gruppe. Von Oktober bis Mai stockt die Stadt mit dem sogenannten Winterpaket die Bettenzahl auf – dieses Jahr gibt es 900 Betten mehr, die im Winter allen unabhängig von Anspruchsberechtigung und Herkunft zur Verfügung stehen.

Norbert erklärt auch, was es mit Wohnungslosigkeit auf sich hat: Neben den Notschlafstellen gibt es Übergangswohnhäuser. Hat man dort einen Platz bekommen, gilt man nicht mehr als obdachlos, weil man in diesem Heim regulär gemeldet ist, ist aber weiterhin wohnungslos. Denn der Sinn solcher Wohnheime sei ja auch, nach spätestens zwei Jahren eine reguläre Wohnung zu finden. Sozialarbeiter*innen kümmern sich hier und in anderen Einrichtungen um die Anliegen der Bewohner*innen, schlichten brenzlige Situationen und geben Auskunft. Ein Platz in solchen Heimen ist allerdings oft mit einiger Wartezeit verbunden und von einer behördlichen Zuweisung abhängig.

In den meisten Fällen ist ein Bett in einer Not- oder Übergangsunterkunft auch nicht kostenlos: Ein Notbett kommt auf etwa zwei Euro pro Nacht, ein Platz in einem Zweibettzimmer eines Übergangswohnheims kostet zwischen 200 und 300 Euro im Monat. Das muss man sich als obdachloser Mensch also erst einmal leisten können. Alle österreichischen Staatsbürger*innen und rechtlich Gleichgestellten ohne oder mit zu geringem Einkommen hatten bisher allerdings Anspruch auf die sogenannte Mindestsicherung, die je nach Bundesland, Familienkonstellation und Einkommen bzw. Vermögen variierte. In Wien kam die Mindestsicherung 2019 auf rund 885 Euro für Alleinstehende oder Alleinerziehende. Im Lauf des kommenden Jahres soll die neue Sozialhilfe die Mindestsicherung ablösen. Norbert selbst bezog Arbeitslosengeld über ein Postfach, das die Caritas zur Verfügung stellt.

Wohnung mit Terrasse

Mittlerweile liegt das aber alles hinter ihm. Seit Mai ist er geringfügig bei Shades Tours angestellt und macht 16 Touren im Monat – immer lieber mehr als weniger. Seit März hat er außerdem eine eigene Wohnung, von der er vergnügt erzählt. „Ich möchte meine Freude mit euch teilen“, sagt er. „Es ist mir gelungen, eine Genossenschaftswohnung zu bekommen.“ Geschafft hat er das zum Teil mit Erspartem, zum Teil durch soziale Unterstützungen wie etwa von der Volkshilfe. Er erzählt mit gelöster Stimme davon, wie schön seine neue Wohnung geschnitten ist und dass er sogar eine Terrasse dabei hat. „Jetzt könnt’s neidisch werden“, lacht er und alle lachen erleichtert mit.

Es fällt nicht schwer, sich mit Norbert zu identifizieren. Innerhalb kürzester Zeit hat er mit seiner aufgeräumten, ruhigen, aber bestimmten Art die Gruppe für sich eingenommen und alle hören gespannt zu, wie er neben dem Eingang des Wiener Hauptbahnhofs über wichtige Anlaufstellen für Obdachlose spricht, über die teils harten Bedingungen, mit denen man in den Wohnheimen konfrontiert ist, und über die behördlichen Hürden, über manchmal schwerfälliges Beamtentum und über Initiativen und Angebote, die Hilfe und Lösungsansätze bieten. Der Hauptbahnhof eignet sich deshalb so gut als Treffpunkt für die Tour, weil er bis zum vorigen Jahr noch der einzige Bahnhof der Stadt war, der durchgehend geöffnet hatte – für Obdachlose also ein idealer Ort, um sich kurz aufzuwärmen oder die Nacht zu verbringen. Mittlerweile ist allerdings auch der Hauptbahnhof von 1.30 bis vier Uhr früh geschlossen.

Hauptbahnhof
Der Haupteingang des Hauptbahnhofs in Wien. Foto: Viktoria Klimpfinger

Auf Arbeits- folgt Obdachlosigkeit

Nach einer halben Stunde führt Norbert die Gruppe durch den Foodcourt des Bahnhofs, die dahinter liegende Straße entlang zu einem hinteren, ruhigeren Trakt. Hier erzählt er genauer, wie es zu seiner eigenen Obdachlosigkeit kam. Er war einige Zeit Beamter, bevor er bei einer privaten Firma angefangen und sie selbst mit aufgebaut hat. Als seine Chefs in Pension gingen, wollten sie ihm und einem Mitarbeiter, den er mit ins Boot geholt hatte, die Firma übergeben. Und da fing die Misere an: Ein paar Monate dauerte es, bis Norbert klar wurde, dass sein Kollege gegen ihn arbeitete und ihn aus der Firma drängen wollte.

Doch da war es schon zu spät: Er hatte sämtliche Ersparnisse in die Firma gesteckt und stand am Ende, als er ausstieg, mit nichts da. „Es ist ihm gelungen, die Auflösung der Firma so lange hinauszuzögern, dass ich keinen Zugriff mehr auf mein eigenes Geld hatte“, sagt Norbert. Weil Norbert die Miete nicht mehr zahlen konnte, landete er also auf der Straße. Die größte Wut ist offenbar inzwischen verpufft, ein wenig perplex ist er aber noch immer. Rachegelüste hegt er allerdings kaum, sagt er im selben Ton, in dem er noch vor einer halben Stunde die drei Formen der Obdachlosigkeit aufgezählt hat. „Wenn er vor mir am Boden liegen würde, würde ich ihm aufhelfen, aber mehr wäre mir nicht möglich.“

Dadurch habe ich erkannt, wie stark ich sein kann. Das kannst du erst sagen, wenn du es hinter dir hast

Als ich ihn nach der Gruppenführung frage, ob er noch etwas Zeit für ein paar Fragen habe, spaziert er mit mir bereitwillig über das Gelände des Bahnhofs, zeigt mir von außen die Caritas-Einrichtung P7, die zentrale Anlaufstelle für Obdach- und Wohnungslose, vor der er sonst auch bei seinen regulären Touren Halt macht. Was genau er seinen Gruppen zeigt und erzählt, hängt aber auch immer von den Gruppen selbst ab – gerne stimmt er manche Themen auf den Background seiner Zuhörer*innen ab. Er ist fast feierlich stolz auf seine Arbeit bei Shades Tours und lobt Gründerin Perrine Schober immer wieder mit funkelnden Augen.

Bei den Touren lernt er regelmäßig neue Leute kennen, kann sie mit seiner Geschichte aufrütteln und berühren und gleichzeitig hat er dadurch einen strukturierten Tagesablauf. So waren die Erfahrungen, die er machen musste, wenigstens nicht umsonst: „Dadurch habe ich erkannt, wie stark ich sein kann. Das kannst du erst sagen, wenn du es hinter dir hast“, erzählt er. Dass wir dabei plaudernd durch die einsetzende Dezemberkälte spazieren, macht Norbert offensichtlich nichts aus. „Ich bin damals viel zu Fuß gegangen, weil ich nicht schwarz fahren wollte. Am Tag habe ich für Behördenwege und Ähnliches mindestens 20 Kilometer zurückgelegt“, erzählt er.

Häuserfront
Das Haus mit der violetten Fassade ist das Tageszentrum P7 der Caritas. Foto: Viktoria Klimpfinger

Harte Winter, lange Nächte

In den ersten drei Monaten lebte er auf der Straße, bevor er in einer Notschlafstelle und dann in einem Übergangswohnheim unterkam. „Die erste Nacht werde ich nie vergessen“, sagt er. Es war damals September und die Nächte waren schon unangenehm kühl. Gerade die kalte Jahreszeit ist für Obdach- und Wohnungslose Jahr für Jahr ein großes Problem. Lungenentzündungen können dann letal sein; wenn sie sich an entlegenen Orten nur kurz ausruhen wollen, wachen sie in der Kälte oft nicht mehr auf. Das Kältetelefon der Caritas wurde laut Norbert im vergangenen Winter um die 5.700 Mal gewählt, um die Caritas über den Schlafplatz eines obdachlosen Menschen zu informieren. In einer U-Bahn-Station hat sich Norbert in seiner ersten Nacht einige Zeit aufgewärmt, aber generell achtete er besonders nachts darauf, mobil zu bleiben. Mehr als zwei bis drei Stunden Schlaf waren nicht möglich, aus Angst. Untertags ruhte er sich aus, mal hier, mal da. Ein Vorteil dabei war, dass man ihm seine Obdachlosigkeit nie wirklich angesehen hat, er fiel also nicht auf.

Den Standard seines äußeren Erscheinungsbilds aufrechtzuerhalten, war besonders in dieser Zeit strapaziös. „Du willst gar nicht wissen, unter welchen Bedingungen ich mir manchmal die Zähne geputzt hab“, zischt er beiläufig. Gehenlassen hat er sich trotzdem nicht, so gut es eben ging. Als er in der Notschlafstelle nicht mal die 1,80 Euro übrig hatte, um einen Termin in der Waschküche zu buchen, wusch er die wenige Kleidung, die er bei sich hatte, eben mit der Hand aus. Sauberkeit und Ästhetik waren ihm immer schon wichtig und sind es noch.

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Der Park gegenüber vom Hauptbahnhof ist oft die letzte Station von Norberts regulären Touren. Foto: Viktoria Klimpfinger

Nichts, wofür man sich schämen muss

Anfangs hat sich Norbert noch geschämt für seine Obdachlosigkeit, doch das ist lange vorbei. „Ich geniere mich nicht mehr. Wofür denn auch?“, sagt er. Wehmut lässt er im Gespräch nur selten aufkommen, Selbstmitleid sowieso nicht, obwohl ihm das wohl jede*r zugestehen würde. Auf schlimme Erlebnisse auf der Straße und die widrigen Bedingungen, unter denen er gelebt hat, geht er nur sehr vage ein. Denn sein persönliches Schicksal soll hier nicht im Vordergrund stehen: „Natürlich löst das Thema Betroffenheit aus, aber ich will kein Mitleid heischen.“ Es geht ihm vor allem darum, das Thema Obdachlosigkeit anschaulicher und greifbarer zu machen. Denn wenn man nur eine Sache aus dem Gespräch mit Norbert mitnehmen will, dann ist es wohl diese: Obdachlosigkeit kann allen passieren, und dreht sich die Spirale erst einmal abwärts, geschieht das schneller als gedacht.

Aber – das kann man ebenfalls aus Norberts Geschichte lernen – auch wenn man ganz unten angekommen ist, heißt das noch lange nicht, dass es nicht irgendwann wieder aufwärts gehen kann. Denn auch wenn Norbert in seinen Touren regelmäßig zurückblickt, um zu informieren, schaut er privat doch lieber nach vorne. Für die Zukunft ist er zuversichtlich: Er hat in den vergangenen Monaten einen Lehrgang zur Peer-Beratung gemacht, bei der Betroffene Menschen in ähnlichen Lebenssituationen betreuen, und hofft, dass er einen Job als Sozialarbeiter ergattern kann. „Ich bin auf dem Weg zurück“, sagt er und macht sich auf nach Hause.