„Wenn wir keine Bücher von Frauen und queeren Menschen lesen, bleibt unsere Vorstellung von der Welt sehr eng“

Im Oktober eröffnet Emilia von Senger ihre Buchhandlung She said. Das Sortiment: ausschließlich Literatur von queeren und weiblichen Autor*innen. Ein Gespräch

Emilia von Senger
Emilia von Senger hat Politikwissenschaften studiert und danach im Bildungsbereich gearbeitet – ab Oktober führt sie ihre eigene Buchhandlung. Foto: © Marlen Müller

Als Schülerin las Emilia von Senger hauptsächlich die Zeilen alter weißer Männer. Bei einem Spaziergang mit einer Freundin am Kanal in Berlin-Neukölln wurde sie auf eines ihrer heutigen Lieblingsbücher aufmerksam und kam während des Lesens von Die Glasglocke zu der Erkenntnis, dass sie die Jahre zuvor viel zu selten die Werke von weiblichen und queeren Autor*innen in der Hand hatte.

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Das holte sie nach – inzwischen liest Emilia mehr Bücher von Autorinnen als von Autoren und teilt ihre Buchfunde mit ihrer Community auf Instagram. Ihrem Faible für diese Bücher folgen mittlerweile über 5.000 Nutzer*innen. Die Buchempfehlungen der 32-jährigen Berlinerin kommen an: Emilia von Sengers Instagram-Profil ist für viele die virtuelle Version einer guten Adresse für Buchinspiration. Eine physische Adresse steht auch schon fest: Am Kottbusser Damm 79 in Neukölln will Emilia im Herbst eine Buchhandlung mit Werken von weiblichen und queeren Autor*innen aufmachen.

Ihr Laden She said öffnet zwar erst im Oktober, über die Notwendigkeit unterschiedlicher Sichtweisen spricht ze.tt mit Emilia aber schon jetzt.

ze.tt: Emilia, Die Glasglocke hat deine Vorstellung von Literatur verändert. Was steht in diesem Buch?

Emilia von Senger: Die Protagonistin gewinnt in den Fünfzigerjahren mit einer Kurzgeschichte ein Praktikum bei einem prestigeträchtigen Magazin in New York. Das Praktikum besteht aus Modenschauen und eleganten Abendessen – für die meisten Frauen nur eine Station auf dem Weg zu einer guten Partie und Mutterschaft. Statt in dieser Welt aufzugehen, entfremdet sie sich immer mehr und erleidet eine starke Depression. Zwischen sie und die Welt schiebt sich eine Glasglocke. Als meine Freundin mir vom Buch erzählte, wurde ich neugierig und begann es zu lesen.

Und?

Das Gefühl der Protagonistin, dass zwischen mir selbst und der Welt etwas nicht stimmt, empfand ich als Jugendliche und junge Frau auch sehr stark. Natürlich auf eine andere Weise als eine Frau in den 50er-Jahren, aber ich fühlte mich in dem beschriebenen Gefühl verstanden. Dieses Verständnis gab mir Literatur noch nie zuvor und ich merkte: Ah, das kann Literatur also auch auslösen. Gibt es denn noch mehr davon?

Die Antwort auf diese Frage hast du dir zur Aufgabe gemacht.

Daraus ist die Motivation entstanden, mehr Autorinnen zu lesen, die sich mit den Erwartungen an und den Leben von Frauen beschäftigen. Später entdeckte ich auch queere Literatur, die genauso damit kämpft, dass ihre Lebensentwürfe von der Mehrheitsgesellschaft nicht akzeptiert werden.

Fördern weibliche und queere Autor*innen mit Büchern ihre Akzeptanz in der Gesellschaft?

Man könnte jetzt behaupten, Literatur sei nur niedergeschriebene Fiktion, aber Geschichten prägen unsere Vorstellung von der Welt. Wenn wir keine Bücher von Frauen und queeren Menschen lesen, bleibt unsere Vorstellung von der Welt sehr eng.

Sollten wir also nur noch weibliche und queere Autor*innen lesen?

Bücher von alten weißen Männern mussten wir schon in der Schule viel lesen – und im Studium, wenn die Wahl auf Literatur fiel (lacht). Als 30-jährige weiße Frau nur noch Bücher von 30-jährigen weißen Frauen aufzuschlagen, halte ich aber für ebenso wenig sinnvoll, wie in der Schule nur Bücher von Männern zu lesen.

Wenn wir unterschiedliche Perspektiven lesen und verstehen, erweitert das unsere eigene.

Emilia von Senger

Weil?

Weil das die unterschiedlichen Schicksale, die tatsächlich gelebt werden und wurden, genauso wenig wiedergäbe. Wenn wir unterschiedliche Perspektiven lesen und verstehen, erweitert das unsere eigene. Wir sollten allgemein divers lesen.

Inwiefern unterscheidet sich die Perspektive von weiblichen und queeren Autor*innen von der von Autoren?

Das ist eine Frage, über die sich die Literaturkritik den Kopf zerbricht. Gender ist konstruiert, ebenso ist weibliches und männliches Schreiben konstruiert. Aber durch die unterschiedlichen Lebenskonditionen zwischen Frauen und Männern beschäftigen sich Frauen oft mit anderen Themen und finden andere Dinge relevant.

Gibt es so etwas wie „weibliches“ Schreiben?

Sagen wir es so: Wenn es ein weibliches Schreiben gibt, dann liegt das daran, dass wir uns in einigen Lebensbereichen in anderen Welten bewegen. Nicht weil wir das wollen, sondern weil wir uns mit anderen Dingen auseinandersetzen müssen.

Setzen wir uns mit dir auseinander. Wie kamst du dazu, Buchtipps mit anderen auf Instagram zu teilen?

Vor zweieinhalb Jahren bin ich ziemlich krank geworden und zog zurück zu meiner Mutter. In dieser Zeit habe ich das Haus fast nicht verlassen, habe viel gekocht, viel meditiert und eben wahnsinnig viel gelesen. Ohne zu wissen, dass das einige bereits machen – ich hatte zuvor kein Instagram-Profil – hatte ich die Idee, die gelesenen Bücher zu fotografieren, etwas Kurzes darüber zu schreiben und auf Instagram zu posten.

Ich stieß auf das Bookstagram-Feld und habe mich darin mehr und mehr vernetzt. Dieser Austausch war quasi mein quadratisches Fenster zur Welt. Nach fünf Monaten Pause ging es mir wieder besser und ich kehrte zurück ins Leben.

Was waren die Pläne nach diesen fünf Monaten?

Ich wollte wieder arbeiten, aber nichts, was am Anfang möglicherweise zu anstrengend sein könnte. Meine neue Leidenschaft führte mich zu einer Stelle in einer kleinen Kiezbuchhandlung in Friedrichshain.

Und wann kam die Idee zum eigenen Buchladen?

Eigentlich schon als Kind, ich war ein totaler Büchernerd. Die Idee schlummerte lange tief in mir drin und erwachte wieder während meines Jobs in der Buchhandlung. An sich wurden dort nämlich einfach bloß Bücher verkauft. Ich wollte aber einen Ort kreieren, an dem unterschiedliche Dinge passieren. Das war der Hauptimpuls – natürlich gemeinsam mit dem Wunsch, mehr Aufmerksamkeit für bestimmte Autor*innen zu schaffen.

Lesen bedeutet für mich, andere Leben leben, die Welt durch die Augen anderer sehen.

Emilia von Senger

Netflix, Social Media und Podcasts sind gerade sehr gefragt. Überleben Bücher das?

„Das Buch ist tot, es lebe das Buch!“ – an diesen schönen Satz glaube ich. Eigentlich müsste man denken, das digitale Angebot verdränge die Bücher. Das Gegenteil ist der Fall. Es befördert den Diskurs und macht das Buch zu einem wichtigen Objekt unserer Kultur.

Was bedeutet Lesen für dich?

Ich mag autobiografische Romane oder Romane, die wirklich stark in die Subjektivität der Menschen eintauchen, sehr gerne. Lesen bedeutet für mich, andere Leben leben, die Welt durch die Augen anderer sehen.

In welchem Leben lebst du momentan?

Gerade lese ich endlich Die Wand von Marlen Haushofer. Das ist so gut! Ich frage mich, warum wir das in der Schule nicht gelesen haben.

Gibt es eine schöne Buchladen-Erfahrung, die du gemacht hast?

Meine prägendste hatte ich mit Mitte 20. Zu dieser Zeit habe ich in Frankfurt am Main an einer Schule gearbeitet. Es gab dort diese legendäre Buchhandlung: Die Südseite. Eine linke Buchhandlung, die aus der 68er-Bewegung entstand und Bücher in allen möglichen Sprachen führte. Die Beziehung zur Inhaberin des Ladens könnte aus einem Film stammen. Sie hat mir Sachen empfohlen und ich habe mir die Bücher mehr oder weniger blind gekauft. Leider hat die Buchhandlung mittlerweile geschlossen.

Hier findet ihr, was Frauen gesagt haben. Hier findet ihr, was Frauen geschrieben haben. Hier werden Frauen und ihre Versionen der Geschichte ernst genommen.

Emilia von Senger

Dann sprechen wir lieber über deinen Laden, den du im Oktober eröffnen willst. Wie sieht der Ort zurzeit in deinem Kopf aus?

Gute Frage, weil wir darüber gerade echt sehr viel nachdenken.

Gib mir mal eine gedankliche Tour.

Wenn ich mich durch die Tür der Buchhandlung denke, riecht es nach Kaffee und Gebäck, links im Laden gibt es nämlich ein Café. Auf der rechten Seite steht das Herzstück des Ladens: Ein runder Tisch mit Neuerscheinungen und unseren absoluten Lieblingsbüchern. Weitere Inspirationen liegen verteilt an verschiedenen Themenstationen. Im Hintergrund läuft Musik, Leute sitzen, lesen, arbeiten, unterhalten sich. Es soll immer etwas los sein, aber nie mit Hektik. Man kommt rein und spürt die Entschleunigung.

Dein Laden wird She said heißen. Nach dem Buchtitel von Lina Muzur, die darin 17 Geschichten über Sex und Macht zusammengetragen hat. Was steckt hinter diesem Namen?

In der Einleitung dieses Buches wird auf die Redewendung „He said, she said“ eingegangen. Das bezeichnet das Szenario, in dem zwei Menschen die gleiche Situation unterschiedlich wahrnehmen und ganz verschieden davon erzählen. Lina Muzur schreibt in ihrem Vorwort: „Und weil es durchaus sein könnte, dass wir schon zu lange und zu oft seiner Version der Geschichte zugehört und Glauben geschenkt haben, soll in dieser Anthologie ausschließlich ihre Sicht der Dinge erzählt werden: sagte sie.“

Eine starke Botschaft.

Deshalb wurde sie auch zu einem Slogan der #MeToo-Bewegung. Wenn eine Frau etwas sagt, dann wird ihr oft immer noch nicht geglaubt. Es wird oft einfach nicht ernst genommen, was sie sagt. Nach sexueller Belästigung, aber auch in anderen Fällen. Die Bedeutung von „she said“ beschreibt meinen Buchladen ziemlich gut, denn damit drücke ich aus: Hier findet ihr, was Frauen gesagt haben. Hier findet ihr, was Frauen geschrieben haben. Hier werden Frauen und ihre Versionen der Geschichte ernst genommen.

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